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WM 2018

Fußball-WM - Zeit der Experten

Auf geballte Expertise setzen die "Salzburger Nachrichten" während der Fußball-WM. Die Erfolgstrainer Marco Rose und Adi Hütter werden bis zum Finale am 15. Juli regelmäßig ihre Gedanken zu Papier bringen. Heute schreiben sie über ihre persönlichen WM-Erwartungen. SN-Redakteurin Karin Zauner wird ab sofort ihre Kolumne "Frauensache" auch der WM widmen.

Mit Vorfreude, aber auch mit Skepsis, warten Fußball-Fans in aller Welt auf die WM in Russland. SN/gepa
Mit Vorfreude, aber auch mit Skepsis, warten Fußball-Fans in aller Welt auf die WM in Russland.

Marco Rose

Endlich, nach den Wochen der Vorbereitung und den wenig aussagekräftigen Testspielen beginnt am Donnerstag die WM. Ich freue mich auch schon auf den ersten Pfiff, denn eine Weltmeisterschaft ist auch für jeden Trainer ein besonderes Highlight. Ich genieße es auch nach einer anstrengenden und langen Saison, die Titelkämpfe als Fußballfan zu verfolgen. Und die Spannung steigt bereits. Denn auch für mich ist noch nicht ganz klar, welchen Fußball die Zuschauer erwarten können. Zeigen die Endrundenteilnehmer berauschende Offensivaktionen am laufenden Band oder steht ein taktisches Ballgeschiebe im Vordergrund? In den Vorbereitungsspielen überwog für mich einmal die Vorsicht der Stars, ja keine Verletzung zu riskieren. Zähe Partien waren die Folge. Aber ab morgen werden die Karten neu gemischt. Für einen Trainer hat zwar auch ein taktisches Spiel seinen Reiz, aber ich wünsche mir schon Teams, die mit Vollgas ins Turnier starten, ein Spektakel bieten. Dieses wird man dann mit Sicherheit spätestens ab dem Achtelfinale sehen. In den K.-o.-Duellen ist der Punkt gekommen, an dem alle Mannschaften dann an ihre Grenzen gehen müssen.

Gleich von der ersten Runde an werde ich besonders meine beiden WM-Jungs von Red Bull Salzburg, die in Russland dabei sind, beobachten. Ich traue Hee-Chan Hwang mit Südkorea und Duje Ćaleta-Car mit den Kroaten auch einiges zu. Dass Hwang gegen meine deutsche Weltmeisterelf in der Vorrunde spielt, macht diese Partie für mich besonders reizvoll. Er kann mit seinem Tempo die Deutschen auch gefährden. Vor allem dann, wenn er die Räume erhält.

Dass ich Deutschland dennoch die Daumen drücken werde, versteht sich. Bei einer WM muss jeder Patriot sein. Und dass die letzten Tests vor den Titelkämpfen nicht ganz nach Wunsch gelaufen sind, sagt wenig aus. Wichtig war, dass nichts schöngeredet wurde. Dieses Bewusstsein, nicht überzeugt zu haben, wird noch einmal die Sinne aller schärfen. Die Deutschen müssen sich steigern und sie werden es auch tun. Ob der Titel verteidigt werden kann, hängt auch ein wenig am Spielglück. Zur Form muss dieses dazukommen. Ganz oben an der Spitze, dort, wo das Niveau am höchsten ist, entscheiden Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage. Oder der Geniestreich eines Topstars. Aber diese werden ihre Qualitäten auch nur dann entscheidend einbringen können, wenn das Team um sie herum funktioniert. Messi, Neymar oder Ronaldo und Co. können sich bei einer WM noch einmal steigern. Genau für solche Großereignisse spielen sie Fußball.

Für einen Tipp, wer sich den Titel holen wird, ist es noch zu früh. Wer in der Vorrunde überzeugt hat, der ist schon oft in der entscheidenden Phase eingebrochen. Aber bei Brasilien scheinen die Form und das Selbstvertrauen zu stimmen. Und der Rekordweltmeister steht nicht unter jenem gewaltigen Druck wie vor der Heim-WM vor vier Jahren.

Marco Rose führte Red Bull Salzburg bis in das Semifinale der Europa League und holte mit den Bullen 2018 den Meistertitel.

Adi Hütter

Es ist schon unfassbar traurig, dass wir Österreicher nicht dabei sind. Denn ich bin überzeugt, dass wir für viele Mannschaften ein ganz ungemütlicher, unangenehmer Gegner hätten sein können. Jetzt sind meine sentimentalen Favoriten eben die Nationalteams aus der Schweiz und Deutschland. Die Zeit bei den Young Boys aus Bern, die Meisterfeier mit der unglaublichen Begeisterung der Menschen werde ich nie mehr vergessen. Da ich ab 2. Juli das Traineramt bei der Frankfurter Eintracht übernehme, werde ich auch die deutsche Elf ganz genau beobachten. Viele deutsche Teamkicker werden in Zukunft ja Gegner sein. Da ist es schon wichtig, wenn man sieht, wie diese Topspieler bei einer WM auftreten.

Abschreiben darf man die Deutschen nie. Joachim Löw wird es mit Sicherheit gelingen, alle Probleme wieder in den Griff zu bekommen. Es ist eines seiner Markenzeichen, eine Mannschaft auf den Punkt in Höchstform zu bringen. Ein guter Start kann dann für den Titelverteidiger viel erleichtern. Dann wäre auch die Stimmung im Umfeld gleich wieder euphorischer. In der Mannschaft stehen auch viele Spieler, die wissen, wie man Weltmeister wird. Und Löw wird es auch gelingen, um den Stamm Hummels, Kroos und Müller die aufstrebenden Youngsters richtig einzusetzen.

Die Deutschen können ihren Titel aber nur dann erfolgreich verteidigen, wenn alle Mittelfeldspieler bereit sind, weite Wege im Offensivspiel zu gehen, um torgefährlich zu werden. Einen Torjäger im Sturmzentrum, wie vor vier Jahren Miroslav Klose es war, hat Löw nämlich nicht zur Verfügung.

Vom Losglück war die Schweiz nicht verfolgt. Die Gruppe mit Brasilien, Serbien und Costa Rica ist schwer. Dennoch glaube ich an die Schweiz. Die Truppe ist eingespielt und technisch versiert. Platz zwei hinter Brasilien sollte möglich sein. Wie sich die Brasilianer zuletzt präsentiert haben, das beeindruckt jeden Trainer. Fehler bei Ballbesitz sind kaum zu sehen. Dazu finden Neymar und Co. immer eine Möglichkeit, dem frühen Attackieren des Gegners zu entkommen. Der Rekordweltmeister verfügt im Offensivspiel über ein fast unerschöpfliches Reservoir an Spielern. Fast jeder davon kann mit einem Geniestreich für Unruhe sorgen. Aber erst ab morgen wird man wirklich sehen, wer seine Hausaufgaben am besten gemacht hat. Dann muss auch Brasilien erst beweisen, dass man im Vorfeld zu Recht als Topfavorit gehandelt wurde.

Ich hoffe schon, dass sich in Russland der Offensivfußball durchsetzen wird. Und ich bin auch überzeugt, dass die Topstars eine große Rolle spielen und sie sich von Spiel zu Spiel noch steigern werden. Ihre individuelle Klasse entscheidet die engen Partien. Auch wenn ich vor allem mit den Teams aus der Schweiz und Deutschland mitfiebern werde, würde ich auch Lionel Messi den Titel gönnen. Der Kapitän der Argentinier gehört zu meinen Lieblingskickern. Sein leichtfüßiges Spiel muss einen faszinieren.

Adi Hütter holte mit Young Boys Bern 2018 den Titel in der Schweiz und trainiert in der neuen Saison Eintracht Frankfurt.

(SN)

Aufgerufen am 19.06.2018 um 08:14 auf https://www.sn.at/sport/fussball/wm-2018/fussball-wm-zeit-der-experten-29159473

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