Fussball-WM 2022 Alles zur WM 2022
Sport-Talk

Warum die WM in Katar wirklich im Winter gespielt wird

Fußball-Europa war sich einig: Die WM 2022 sollte nicht im Winter stattfinden. Der Österreicher Georg Pangl erklärt, warum plötzlich alle Entscheidungsträger ihre Meinung änderten. Der Ex-Funktionär und Buchautor ist besorgt über die generelle Entwicklung des Fußballs.

Dass die Fußball-WM 2022 zur Adventzeit gespielt wird, ärgert die Fans neben den Ungereimtheiten um die Vergabe des Turniers an den Wüstenstaat am meisten. Dabei wäre eine Vorverlegung um einen Monat auf den Mai dank der klimatisierten Stadien möglich gewesen. Das hätte den Fußballkalender längst nicht so durcheinandergewirbelt.

Der frühere österreichische Fußball-Spitzenfunktionär Georg Pangl hat hautnah miterlebt, wie die Winter-WM 2015, gut vier Jahre nach der Vergabe, durchgedrückt worden ist. "Und das, obwohl ganz Fußball-Europa einig war, dass wir im Frühjahr 2022 spielen wollen", ärgert sich der Burgenländer bis heute. Er vertrat damals als Generalsekretär der European Leagues die Interessen der Profifußball-Ligen Europas.

Im Sporttalk der "Salzburger Nachrichten" schildert Pangl, auf welch bizarre Weise es zur Entscheidung kam: "Im November 2014 ging es im FIFA-Hauptquartier in Zürich beim Treffen von Liga-, Club- und Kontinentalverbandsfunktionären um den internationalen Spielkalender. Der damalige Präsident Sepp Blatter sagte gleich in seiner Begrüßung: 'Liebe Freunde, heute geht es darum, den bestmöglichen Zeitraum für die WM 2022 im Winter zu finden. Redet nicht über den Sommer. Da ist es zu heiß, da kann man nicht spielen.' Da ist mir die Kinnlade runtergefallen, denn das war eine Einflussnahme auf die Sitzung, die neutral hätte beginnen sollen."

"Termin gegen Kohle"

Noch schräger sei aber gewesen, was im Februar 2015 bei einem Treffen der Taskforce in Doha passierte: "Jérôme Valcke, damals FIFA-Generalsekretär, eröffnete uns: 'Es gibt einen Beschluss des Exekutivkomitees, dass wir definitiv im Winter spielen.' Ich war entsetzt, denn davon wusste niemand etwas. Tatsächlich war das ein Bluff von ihm. Leider hat keiner der Beteiligten auch nur mit der Wimper gezuckt."

Ein Licht ging Georg Pangl kurze Zeit später auf: Die FIFA verdreifachte die Entschädigungszahlungen für die Clubs, die WM-Spieler stellen, auf einen Schlag auf 209 Millionen US-Dollar. "Termin gegen Kohle. Für die großen Vereine, die viele Spieler bei der WM haben, ist das ein schlaues Geschäft", erklärt Pangl. Die Krot schlucken mussten die finanzschwächeren Vereine und kleinen Ligen, die nun zusehen müssen, wie sie die unfreiwillige Spielpause auch finanziell überbrücken. Tatsächlich beschlossen wurde der WM-Terminwechsel übrigens am 19. März 2015.

Georg Pangl.  SN/sportsedition/angelo kreuzberger
Georg Pangl.

Finanzielle Schere als "Killer"

Pangl hat den Kampf gegen die zunehmende Ungleichheit im Clubfußball fünf Jahre lang bei den European Leagues geführt, ehe er 2019 als Generalsekretär ausschied. Zuvor war er zehn Jahre lang Geschäftsführer der österreichischen Bundesliga und ÖFB-Funktionär gewesen. "Die finanzielle Schere killt den Fußball", warnt er angesichts der Entwicklung, die die reichen Clubs immer noch reicher macht. Die Champions League werde nach der neuesten Reform ab 2025 noch mehr zur beinahe komplett geschlossenen Gesellschaft der Großen aus England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich. "Der Fußball ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, und auch da haben die Reichen immer mehr und die anderen immer weniger", klagt Pangl.

Dieser Trend setzte sich in den nationalen Ligen weiter fort. Die Serienmeister wie Red Bull Salzburg in Österreich oder Ludogorez Rasgrad in Bulgarien bauen ihren Vorsprung dank der Preisgelder aus dem Europacup weiter aus. Folge ist eine Eintönigkeit in den meisten Ligen. "Wenn zum Beispiel ein Club aus Bosnien-Herzegowina sich für die Conference League qualifiziert, kriegt er allein 2,9 Millionen an Startgeld und setzt sich dadurch vom Rest der Liga daheim ab", erklärt Pangl.

Spaltung wie im Boxen droht

Sollte man vor der Entwicklung kapitulieren und die abgehobenen Topclubs von ihren Heim-Ligen losgelöst agieren lassen? Pangl: "Die Diskussion gab es schon im Lichte der Super-League-Pläne. Dann hätte man deren Teilnehmer aber auch vom Transfersystem ausgeschlossen." Dennoch sieht der Fußball-Vordenker eine Zeitbombe ticken: "Die Klage der Super-League-Macher beim Europäischen Gerichtshof ist noch anhängig, wo es um die Frage geht, ob die UEFA ein Monopol auf die Abhaltung von Fußballbewerben haben darf." Er hält das Szenario für denkbar, dass es dadurch zu einer Spaltung kommen könnte. "Dann haben wir eine Situation wie im Boxen mit mehreren Verbänden, wo sich keiner mehr auskennt. Und es würde sich noch mehr alles auf die Großen fokussieren."

Eine WM alle zwei Jahre statt im Vierjahresrhythmus, wie von FIFA-Präsident Gianni Infantino vorgeschlagen? Pangl sieht es ganz nüchtern: "Das war ein Versprechen von ihm im Wahlkampf. Öfter eine WM zu spielen würde auch mehr Geld bringen, das an die 211 Nationen verteilt werden könnte, aber: Man muss auch aufpassen, dass man das Rad nicht überdreht." Auch die WM mit 48 Teilnehmern, die ja für 2026 schon beschlossen ist, sei für ihn "als Fußballromantiker" zu viel.

Der Burgenländer, der sich mittlerweile als Berater für Zukunftsthemen im Fußball selbstständig gemacht hat, verarbeitete seine Erlebnisse in einer anekdotenreichen Biografie, die aber auch zum Nachdenken über den Fußball anregt. Der Titel: "Mein Theater der Träume", erschienen im Egoth-Verlag.

Aufgerufen am 27.11.2022 um 08:12 auf https://www.sn.at/sport/fussball/wm-2022/video-sport-talk-warum-die-wm-in-katar-wirklich-im-winter-gespielt-wird-129959896

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