Dickes Blut - ein Dopingskandal erschüttert den Sport in Österreich

Dickes Blut - ein Dopingskandal erschüttert den Sport in Österreich

Österreichs Spitzensport wird - einmal mehr - von einem Dopingskandal erschüttert. Aufgeflogen ist die Affäre während der Nordischen Ski-WM in Seefeld in Tirol. Es ging dabei um Doping mit Eigenblut.

Allerdings sind nicht nur Wintersportler wie österreichische Langläufer in die Affäre verwickelt. Im Rahmen der Ermittlungen von Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden in Österreich und Deutschland haben auch Radsportler Doping-Geständnisse abgelegt. Eine der Zentralfiguren der Affäre ist der einstige österreichische Langlauf-Hoffnungsträger und Olympiateilnehmer Johannes Dürr.

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Die Liste der mutmaßlich in den Blutdoping-Skandal um den deutschen Arzt Mark S. verwickelten Sportler soll 21 Namen umfassen. Seit Mittwoch sind schon 15 bekannt. Der Radsport-Weltverband nannte zwei aktive und zwei ehemalige Profis als neue Verdachtsfälle und suspendierte das Quartett. Prominentester Verdächtiger ist Alessandro Petacchi (ITA). Der Ex-Sprintstar wies die Anschuldigungen zurück.

Der erste Prozess zur "Operation Aderlass" betraf jenen Polizisten, der ein Video weitergab. Er erhielt eine Geldstrafe. Die Ermittler prüfen nun die Sponsorverträge der gedopten Sportler.

Versuche mit Hämoglobinpulver, Wachstumshormonen und mangelnde Hygiene sind Thema.

Ein bei der Anti-Doping-Razzia in Seefeld in Tirol involvierter Polizist, der ein Video weitergegeben haben soll, das bei der Amtshandlung erstellt wurde, ist von der Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses angeklagt worden. Die Hauptverhandlung ist für den 3. April anberaumt, teilte die Behörde am Montag mit.

Der Blutdopingskandal um einen deutschen Arzt aus Erfurt hat größere Ausmaße als zunächst bekannt war. Oberstaatsanwalt Kai Gräber nannte am Mittwoch bei einem Pressetermin in München Zahlen: Demnach hat Mark S. nach aktuellem Stand Blutdoping an 21 Athleten aus acht europäischen Ländern vorgenommen bzw. vornehmen lassen. Fünf Sportarten seien betroffen, davon drei aus dem Wintersport.

Der Großteil der in die Doping-Causa nach der Razzia in Seefeld und Erfurt verwickelten Athleten hat verdächtige Blutprofile. Das gab die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) am Mittwoch im Rahmen ihrer Jahreskonferenz in Lausanne bekannt. "Die (biologischen, Anm.) Pässe sind nicht normal", sagte WADA-Wissenschaftsdirektor Olivier Rabin mit Bezug auf die betroffenen Athleten.

Die kommenden Stunden werden die wahren Ausmaße der Blutdoping-Causa ans Licht bringen. Zwei heimische Kriminalisten spielen dabei eine Schlüsselrolle. Und sind sicher: "Die Causa wird sich noch mehr ausweiten."

Der deutsche Radstar John Degenkolb hatte nach eigener Aussage keinen Kontakt zu dem im Blutdoping-Skandal involvierten Erfurter Arzt Mark S. "Ich kannte ihn nicht. Vom Namen her ist er mir natürlich ein Begriff gewesen, auch wegen der Gerolsteiner-Affäre damals, weil er da auch involviert war", sagte Degenkolb der Deutschen Presse-Agentur am Rande der Radrundfahrt Paris-Nizza.

Nach den Dopinggeständnissen: Wer verbirgt sich noch hinter den 40 beschlagnahmten Blutbeuteln? Die Kriminalisten rückten dem internationalen Dopingnetzwerk wieder näher.

Das Landesgericht Innsbruck hat am Montagvormittag beschlossen, dass beide Komplizen des Sportmediziners Mark S., die bei der Anti-Doping-Razzia in Seefeld in Tirol festgenommen worden waren, nach Deutschland übergeben werden sollen. Bei dem Mann ist die Entscheidung bereits rechtskräftig, die Frau legte allerdings Beschwerde ein, sagte der Sprecher des Landesgerichts, Andreas Stutter, zur APA.

Die österreichische Aufarbeitung eines Skandals: Den beschuldigten Langläufern Max Hauke und Dominik Baldauf wird im Quotenkampf der Sender der Teppich ausgerollt.

Der Langläufer Dominik Baldauf hat in einem Interview mit der "Neuen Vorarlberger Tageszeitung" erneut Johannes Dürr als Blutdoping-Vermittler belastet. "Ich hatte mit Joe (Dürr; Anm.) relativ wenig Kontakt. Dadurch, dass wir durch ihn da hineingerutscht sind, konnte er sich aber denken, was passiert", sagte Baldauf auf die Frage, ob er sich mit Dürr zum Thema ausgetauscht habe.

Böses Blut. Medaillenverlust und Haft: Wie Doping in Österreich bestraft wird.

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Der kasachische Skilangläufer Alexei Poltoranin hat sein Geständnis, Blutdoping betrieben zu haben, laut skandinavischen Medienberichten zurückgezogen. Der 31-Jährige behauptete demnach in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit dem russischsprachigen Portal bnews.kz zudem, er habe gegenüber der Polizei unter psychologischem Druck ausgesagt.

Gerät konnte vom Gericht in Wien nicht konfisziert werden und landete bei deutschem Sportarzt.

Johannes Dürr hat in einem weiteren ARD-Interview Erklärungsversuche für seine erneuten Doping-Vergehen abgegeben. "2014 bin ich durch den positiven Dopingtest kurz vor meiner Blütezeit aus dem Leistungssport herausgerissen worden, damit konnte ich nicht umgehen. Nach meiner Sperre wollte ich noch mal zeigen, was in mir steckt, deshalb habe ich mir nach 2014 wieder Blut abnehmen lassen", so Dürr.

Laut Medienberichten hat sich Biathlet Dominik Landertinger von seinem "Berater" Gerald Heigl getrennt. "Nach der ganzen Sache zuletzt habe ich die Zusammenarbeit sofort beendet. Man weiß einfach nicht mehr, was man glauben kann und wem man vertrauen kann", wird Landertinger u.a. in der "Tiroler Tageszeitung" zitiert. Der ÖSV und Heigl hatten ihr Arbeitsverhältnis bereits im April 2017 gelöst.

Vom Kronzeugen wieder zurück in den Dopingsumpf: Für Langläufer Johannes Dürr alias "Lucky Luke" war das kein Faschingsscherz.

"Es bleibt mir nichts anderes über, als mich bei allen zu entschuldigen, bei meiner Familie, bei meiner Frau. Ich bin auf der anderen Seite froh, dass das ein Ende hat" - Reumütig gab sich der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr nach dem Dopingskandal bei Olympia 2014. Von einem Ende kann aber offenbar keine Rede sein. Fünf Jahre später findet sich Dürr wieder mitten im Dopingsumpf.

Jeder neue Dopingskandal lässt vermuten, dass Leistungen auf höchstem Niveau ohne verbotene Medizin nicht möglich sind. Die wissenschaftliche Basis, auf der heute trainiert wird, ist aber dünn. Wo liegen also noch Potenziale?

Dem Salzburger Biathlet Simon Eder sind in der Vergangenheit die Dienste des Erfurter Dopinglabors angeboten worden. Er habe dies dem Bundeskriminalamt gemeldet, sagte der 36-Jährige.

Die IBU setzt auf Transparenz und arbeitet eng mit Staatsanwälten zusammen. Aufarbeitung von Hochfilzen läuft.

Es ist verboten, es ist verpönt - und dennoch Realität im Spitzensport.

Im Dopingskandal gibt es nun eine aufsehenerregende Wende.

Nach den Dopingenthüllungen der vergangenen Tage zieht Peter Stankovic Konsequenzen: Der Pongauer wird das Radkriterium in Bischofshofen nicht mehr veranstalten.

Der 33-jährige estnische Ski-Langläufer Algo Kärp hat in einem Interview mit der Tageszeitung Ohtuleht eingestanden, zu dem in Erfurt festgenommenen Sportarzt Mark S. Kontakt gehabt und mit dessen Hilfe Blutdoping betrieben zu haben. Er ist damit der dritte estnische und insgesamt achte Sportler, der in den immer weitere Kreise ziehenden Skandal verwickelt ist.

Alles gelogen? Der jüngste Dopingskandal zeigt: Nicht nur Sportler, sondern auch Ärzte geraten unter Generalverdacht. Wie gehen Sportmediziner damit um? Und werden die Hintermänner des Dopings konsequent genug verfolgt und bestraft?

Michael Cepic, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), hat am Montag gegenüber dem ORF zur aktuellen Doping-Causa Stellung genommen. Über deren Ausmaß sei er nicht überrascht: "Wenn man die Berichterstattung betrachtet, dann muss klar sein, dass es ein so organisierter Ablauf sicher nicht für eine Handvoll Athleten der Fall ist. Da muss mehr dahinter stecken", sagte Cepic.

Peter Schröcksnadel ist seit 29 Jahren ÖSV-Präsident. Ein Nachfolger wurde nie aufgebaut - das könnte am Ende seine schwierigste Hinterlassenschaft sein.

Im Dopingfall wird der Sportarzt aus Erfurt in München befragt.

Was als Affäre um heimische Langläufer begonnen hat, reißt nun den Radsport in die Tiefe: Profi Georg Preidler stellte Selbstanzeige. Im Radverband ist man schockiert und wütend.

Otto Flum, der Präsident des Österreichischen Radsportverbandes, hat sich am Montag für ein strengeres Bundesgesetz gegen Sportbetrug ausgesprochen. "Das sind Berufssportler und die sind nach dem Strafgesetz zu beurteilen. Wenn das nicht zum Tragen kommt, wird Doping weiter als Kavaliersdelikt behandelt", erklärte Flum gegenüber der APA - Austria Presse Agentur.

Trotz des Doping-Skandals haben Gemeinde Seefeld und Tirol Werbung eine positive Bilanz der am Sonntag zu Ende gegangenen Nordischen WM gezogen. Von einer "sensationellen WM" sprach Bürgermeister Werner Frießer gegenüber der APA. Mit 205.000 Besuchern habe man die eigenen Erwartungen übertroffen. Tirol-Werbung-Geschäftsführer Florian Phleps bezeichnete Seefeld 2019 als "Sportfestival".

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist entsetzt über den aktuellen Blutdoping-Skandal und fordert eine harte Bestrafung der Sportbetrüger. "Das IOC ist bestürzt ob des beschämenden Verhaltens, das die Untersuchungen in Bezug auf die Athleten und ihre Entourage aufgedeckt haben", erklärte ein Sprecher des IOC am Montag.

Welche Auswirkungen hat die Dopingcausa auf das Gesamtbild der nordischen WM? Und was muss der ÖSV tun, um solche Skandale zu verhindern?

Der Doping-Skandal hat sich auf den Radsport ausgeweitet. Stefan Denifl steht unter Verdacht. Sponsoren fordern, dass der ÖSV Verantwortung übernimmt. Peter Schröcksnadel spricht indes von einer inszenierten Aktion.

ÖSV-Langlauf- und Biathlon-Chef Markus Gandler bereitet eine Klage gegen den während der Olympischen Spiele 2014 des Doping überführten Langläufer Johannes Dürr vor. Dies kündigte er in der Ö3-Sendung "Frühstück bei mir" an.

Wir verachten Dopingsünder im Sport. Mit uns selbst sind wir im Alltag längst nicht so streng.

Die fünf bei der Nordischen WM unter Blutdopingverdacht festgenommenen und mittlerweile in Polizeiverhören geständigen Langläufer sind wie zu erwarten vorläufig suspendiert worden. Gegen die Österreicher Dominik Baldauf und Max Hauke sprach diesen Schritt nach einem Prüfantrag der NADA die ÖADR aus, gegen Karel Tammjärv, Andreas Veerpalu (beide EST) und Alexei Poltoranin (KAZ) die zuständige FIS.

Das Landesgericht Innsbruck hat am Freitagvormittag über die beiden Komplizen des deutschen Sportmediziners, die am Mittwoch im Zuge einer Anti-Doping-Razzia in Seefeld in Tirol festgenommen worden waren, Übergabehaft verhängt. Dies teilte die Staatsanwaltschaft Innsbruck in einer Aussendung mit.

Inflagranti-Beweis mit entwürdigenden Bildern: Im Internet ist ein Video von Max Hauke mit Nadel im Arm zu sehen, an dem ein Beutel zum Blutdoping hängt. Ein Ermittler soll die Bilder in Umlauf gebracht haben.

Der durch seine Aussagen als Auslöser für die Doping-Razzien in Seefeld und Erfurt geltende Johannes Dürr hat sich dagegen verwehrt, Max Hauke und Dominik Baldauf verraten zu haben.

Das Vertrauen missbraucht, die Fördergelder verpufft: Dieses System hat im ÖSV keine Zukunft.

Entsetzen bei der WM: Der Skiverband steht im Kreuzfeuer der Kritik. Die Athleten bringen sich gegeneinander auf. Den beschuldigten ÖSV-Langläufern selbst drohen bis zu drei Jahre Haft.

Am Tag nach der "Operation Aderlass" überschattete das Thema Doping weiter die Nordische Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld. Die beiden am Mittwoch festgenommenen österreichischen Langläufer kamen am Donnerstagnachmittag wieder auf freien Fuß.

Doping hat sein Leben zerstört. Warum Langläufer Johannes Dürr noch ein letztes Mal starten will - und das ausgerechnet bei der Heim-WM.

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