Sport

"Diskriminierung" - weltweite Kritik an CAS-Urteil zum Fall Caster Semenya

Wut und Enttäuschung, eine Prise Sarkasmus und heftige Kritik von allen Seiten: Das CAS-Urteil im Fall von 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenya hat viele Beobachter geschockt und eine Welle der Solidarität mit der Weltklasse-Leichtathletin aus Südafrika ausgelöst. Der südafrikanische Verband prüft einen Einspruch gegen das Urteil - wie viele andere beklagte er eine "Diskriminierung" Semenyas.

Kampf vor Gericht – Caster Semenya am 18. Februar 2019 auf dem Weg zu einer Anhörung vor dem CAS in Lausanne (Schweiz). SN/APA/AFP/HAROLD CUNNINGHAM
Kampf vor Gericht – Caster Semenya am 18. Februar 2019 auf dem Weg zu einer Anhörung vor dem CAS in Lausanne (Schweiz).

Es gab aber auch Zustimmung zur neuen Testosteron-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. So verteidigte etwa Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe aus Großbritannien das Urteil des Internationalen Sportgerichtshof (CAS), "weil es festschreibt, dass der Frauensport Regeln benötigt, um ihn zu schützen".

"Mich würde wirklich interessieren, was Usain Bolt sagen würde, wenn man ihm Hormone gäbe, damit seine Beine schrumpfen. Nichts anderes verlangt man von Semenya", kritisierte dagegen Balian Buschbaum, der als Yvonne Buschbaum vor seiner Geschlechtsangleichung mehrfach deutscher Stabhochsprungmeister war. "Schade, dass Caster Semenyas Anliegen von jemand be- und verurteilt wurde, der nie in ihren Schuhen gelaufen ist. Schade, dass Gerichte über Verstand und nicht mit Empathie entscheiden", meinte der 38-Jährige.

In einem wegweisenden Urteil hatte der CAS am Mittwoch im Streit um Testosteron-Grenzwerte für Frauen den Einspruch der 800-Meter-Olympiasiegerin von 2012 und 2016 abgelehnt. Damit kann die entsprechende IAAF-Regel, in der Testosteron-Limits für Mittelstreckenläuferinnen mit intersexuellen Anlagen festgesetzt werden, am 8. Mai in Kraft treten.

"Frauen mit intersexuellen Anlagen haben das gleiche Recht zur Würde und Kontrolle über ihren Körper wie andere Frauen", meinte Liesl Gerntholtz, stellvertretende Generaldirektorin von Human Rights Watch. Es sei "zutiefst enttäuschend zu sehen, wie der CAS Regeln aufrecht erhält, die den Standards internationaler Menschenrechte direkt zuwiderlaufen". Die Bestimmungen des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF seien "klischeehaft, stigmatisieren und diskriminieren" alle Frauen, betonte Gerntholtz.

"Furchtbar unfair" und "prinzipiell falsch" findet Tennislegende Martina Navratilova das Verdikt der drei Sportrichter. Semenya habe "nichts Falsches getan, und es ist schrecklich, dass sie nun Medikamente nehmen muss, damit sie an Wettkämpfen teilnehmen kann", beklagte die 62-Jährige. "Allgemeine Regeln sollten nicht aus ungewöhnlichen Fällen abgeleitet werden, und die Frage von intersexuellen Athleten bleibt ungelöst", sagte die US-Amerikanerin. Das südafrikanische Frauen-Ministerium fand noch drastischere Worte. Das Urteil habe einen "Beigeschmack von Sexismus und Rassismus", hieß es in einem Statement.

Man sei "völlig geschockt darüber, wie eine Institution mit so hohem Ansehen wie der CAS eine Diskriminierung gutheißen kann, ohne mit der Wimper zu zucken", teilte der südafrikanische Verband (ASA) am Donnerstag mit. Man werde "in Kürze" entscheiden, ob das Urteil angefochten wird oder nicht. Ein Einspruch gegen CAS-Urteile ist innerhalb von 30 Tagen vor dem Schweizer Bundesgericht möglich.

Semenya muss nun ihren natürlichen Testosteron-Wert durch Medikamente senken, damit sie an der Leichtathletik-WM in Doha/Katar (27. September bis 6. Oktober) teilnehmen kann. Die neue Regelung umfasst Frauenrennen von 400 Metern bis eine Meile (1.609 Meter). Semenya könnte auf längere Strecken ausweichen, kürzlich siegte sie bei den südafrikanischen Meisterschaften über 5.000 Meter.

Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 27. April 2019 im Staffelbewerb des Meetings in Johannesburg (Südafrika).  SN/AP
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 27. April 2019 im Staffelbewerb des Meetings in Johannesburg (Südafrika).
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 27. April 2019 im Staffelbewerb des Meetings in Johannesburg (Südafrika).  SN/AP
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 27. April 2019 im Staffelbewerb des Meetings in Johannesburg (Südafrika).
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 19. August 2009 im 800-Meter-Finale bei der WM in Berlin.  SN/AP
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 19. August 2009 im 800-Meter-Finale bei der WM in Berlin.
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 10. April 2018 bei den Commonwealth Games in Gold Coast (Australien). SN/AP
Caster Semenya läuft meist allen davon – hier am 10. April 2018 bei den Commonwealth Games in Gold Coast (Australien).

Spekulationen über ein vorzeitiges Karriere-Ende gab es in dem endlosen Streit über ihren Fall ebenfalls schon. Doch Aufgeben ist keine Option für die dreifache Weltmeisterin. "Die Entscheidung des CAS wird mich nicht aufhalten", versicherte sie nach dem Urteil, schickte am Donnerstag via Twitter aber einen Sinnspruch hinterher: "Weisheit ist es zu wissen, wann es Zeit ist aufzugeben. Das tun zu können, ist mutig. Mit erhobenem Haupt aufgeben ist würdevoll." Auf dem dazu gestellten Foto berührt eine Frauenhand Stacheldraht.

Der südafrikanische "Daily Maverick", eine meinungsstarke und renommierte Webseite, betonte: Das Urteil sei "nicht nur eine Beleidigung Semenyas und ihrer harten Arbeit für das, was sie in ihre Erfolge investiert hat, sondern auch zutiefst sexistisch und widersprüchlich".

SPORT-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Sportmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 25.10.2021 um 01:32 auf https://www.sn.at/sport/mixed/diskriminierung-weltweite-kritik-an-cas-urteil-zum-fall-caster-semenya-69653401

Kommentare

Schlagzeilen