Tour of the Alps (2): Stille nach Bad Häring

Etappe 1. Von einem, der mit Reifen im Auto sitzt und ein paar, die sich recht bald aussichtslos davon machen.

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Flieher radelt Bernhard Flieher

Vier fahren weg. Gleich nach dem Start in Kufstein. Drei Österreicher sind dabei: Markus Gamper, Matthias Krizek und Maximilian Kuen. Dazu der Rumäne Emil Dima. Sie wissen, dass sie wenig Chance haben. Ihre Teams - Tirol KTM Cycling, Team Vorarlberg und Felbermayr Wels - gehören nicht zur Elite. Sie gehören zu den Besten in Österreich. In der weiten Radwelt sind sie an guten Tagen Mittelklasse, oder Hoffnungen, oder ganz verloren. Und sie haben keine Chance auf den Sieg. Aber sie nutzen ihre Möglichkeiten. Ausreißen wie Jugendliche. Eine zeitlang kein Blick zurück. Vorne weg. Solange es geht. Es geht bis knapp 20 Kilometer vor dem Ziel. Davon ist im Auto in der Karawane hinter dem Fahrerfeld nichts zu sehen. Hören aber kann man, was ein paar hundert Meter auf der Strecke passiert. Und am Anfang ist da einiges los. Bei Rennbeginn kracht der Tourfunk deshalb dauernd. Es muss sich alles erst einlaufen. Nur im Auto bei Giovanni Fidanza nicht. Da ist alles wie immer. Gleich hinter dem Hauptfeld fährt er. Und nur wenn vorne bei den Fahrern etwas kaputt wird, muss er da sein.

Vier voran nach vier von 144 Kilometern. Die vier werden nicht als Gefahr erkennt. Das Rennen ändert sich lange nicht. Hinten im Feld wissen die großen Teams, dass das aufzuholen ist. Die Funksprüche im Auto werden weniger. Es gibt nicht dauernd etwas Spannendes über den Rennverlauf zu erzählen. Also wird gewarnt vor Kreisverkehren und unübersichtlichen Abzweigungen.

Dieses Radrennen entscheidet sich nicht im Moment. Es entwickelt sich - wie viele andere auch - erst langsam, ist für Zuschauer oft nur aus der gesamten Perspektive zu entschlüsseln. Es verändert seinen Lauf zwar in Sekunden, behält dann wieder für einige Zeit seine Richtung, ehe es sich wieder plötzlich und scheinbar unvorhersehbar dreht. Es passiert, was die beiden Favoriten Chris Froome und Vincenzo Nibali am Tag zuvor vermutet hatten: Aggressiv, angriffslustig, schnell, überraschend. Das waren die Worte, die den beiden als Vorhersage einfielen. Es werde wohl "punchy", sagt Froome.

Fünf Tage dauert die Tour of the Alps. Es die dritte Ausgabe unter diesem Namen. Ein Radrennen, das die EURegio Tirol, Südtirol und Trentino verbindet. Früher hieß das Rennen "Giro del Trentino", stets eine ideale Vorbereitung für den Giro d'Italia und damit vor allem für italienische Profis ein Kult-Rennen. Große Namen haben schon gewonnen: Francesco Moser, Maurizio Fondriest, Ivan Basso, Michele Scarponi.

Die Etappen sind kurz. Es gibt Berge, aber keine ganz dramatischen, keine epochal langen. Aber auch kurze heftige Rampen schmerzen. Auf solchen Strecken bleibt wenig Zeit, zu zeigen was man kann. Also beginnt man am besten gleich nach dem Start. So ist die Dramaturgie der ersten Etappe des Rennens für einige Zeit rasch geklärt. Vier voran. Nach drei, vier Kilometern. Die anderen 128 hinten - bis zu fünf Minuten Rückstand haben sie, aber niemals brauchen sie Angst haben. "Die kriegen wir jederzeit", denken sie im großen Feld und man fährt schnell, aber ruhig weiter.

Kilometer 30 etwa. Bei der Abfahrt von Bad Häring ins Inntal wird es dann ganz ruhig. Auf der Straße. Und und Funkgerät. "Molto tranquillo", gibt Giovanni Fidanza an seine Kollegen in den anderen Autos hinter dem Fahrerfeld weiter, er hat Zeit für ein Telefonat und ein paar Erzählungen. Von hinten fragt Fabio, ob jemand Lunch haben will. Es gibt Paninis und Wasser.

Die erste Etappe der Tour of the Alps. SN/APA/EXPA/REINHARD EISENBAUER
Die erste Etappe der Tour of the Alps.

"Auf dem Rad musst du physisch fit sein. Und es ist eine psychologisches Herausforderung, bei der Hirn und Körper zusammenspielen müssen", sagt Giovanni Fidanza. Er war Radprofi in den späten 80er und in den 90er Jahren. Er gewann je eine Etappen beim Giro d'italia (und auch einmal die Punktewertung), eine bei der Tour de France. Je sechs Mal startete er bei der Tour de France und beim Giro, war bei vielen Klassiker am Start. Lange her. Jetzt sitzt er im Auto. Seit langem. Zunächst nach der aktiven Karriere als Sportlicher Leiter diverser Teams. Und nun im zweiten Jahr als Leiter des Servizio Corse der Reifenfirma Vittoria.

Wie die Vittoria-Reifen stammt Fidanza aus Bergamo. Bei den meisten großen Radrennen stellt Vittoria den "neutralen Servicewagen". Die Wagen der Profiteams sind nämlich nicht immer sofort zur Stelle, wenn einem Fahrer etwas kaputt geht. Job der Vittoria-Fahrer ist es, immer da zu sein, mit dem richtigen Werkzeug, mit schnellen Handgriffen. Mit drei Autos ist Vittoria im Rennen. 68 komplett montierte Räder von Wilier haben sie bei der Tour of the Alps im Einsatz, dazu zig Laufräder auf denn der High-Tech-Gummi von Vittoria aufgezogen ist.

Fidanza fährt am ersten Etappentag hinter dem Fahrerfeld. Nur Funksprüche halten ihn im Renngeschehen, obwohl er und sein Team unverzichtbar sind für das Rennen. Von den Fahrern sieht man meist nur die schmalen Hintern, die sich kaum bewegen wenn Hirn und Körper kilometerweit ideal zusammenspielen. Nur wenn ein Hintern wegen eines technischen Defekts aus dem Sattel muss, wird es für Fidanza und die Vittoria-Crew wichtig.

Im Auto ist alles anders als auf dem Rad. Im Auto zählen Erfahrung und Aufmerksamkeit, ein Gefühl dafür, wie sich ein Rennen entwickeln kann. "Bei solchen Rundfahrten drücken viel massiv drauf", sagt Fidanza vor dem Start. Heißt: Nicht nur die Körper, auch das Material könnte über Gebühr belastet werden. Es schade in seinem Job nicht, ein Rennen von der ersten Sekunde an lesen zu können, ein bisschen zu riechen, wo womöglich etwas passieren kann. "Wir haben viele Leute im Team, die früher gefahren sind", sagt Alice Mutti von Vittoria. Und es gibt enge Kooperationen mit dem Teams. Am Vorabend werden die Räder je nach Vorstellungen der Teams eingestellt. Bei Vittoria produzieren sie seit 1953 Reifen. Die Firma ist im Radsport so legendär wie die Räder von Bianchi oder Colnago, oder die Komponenten von Campagnolo. Vittoria produziert High-Tech-Hochleistungsprodukte und ist gleichzeitig ein schier ewig haltbares Kulturgut.

Bis gut fünf Minuten wächst der Vorsprung der vier im Lauf des Rennens. "Wackere Burschen", kommentiert Fidanza. Man lässt die Lokalmatadore fahren. Das ist es, was Sportliche Leiter und Teammanager meinen, wenn sie vor dem Start eines Rennens sagen: "Wir müssen uns zeigen". Die österreichischen Teams wissen, dass es gegen Bora, Sky oder Bahrein-Merida nur schwer für einen Etappensieg reichen wird. Aber hundert Kilometer lange in einer Fluchtgruppe vorne wegzufahren, bringt Aufmerksamkeit - und das Trikot mit den Sponsoren ins Fernsehen, einen ganzen Nachmittag lang. Aufmerksamkeit ist ein Währung, mit der auch Verträge bezahlt - oder auch abgeschlossen - werden. Auch darum geht es. Erst recht bei einer der wenigen Gelegenheiten, wenn man sich mit der internationalen Elite auf heimischen Straßen messen kann.

Mit der Aufmerksamkeit, der Rennstrategie und der Planung für die ganze Tour tut sich nach dem Rennen der Etappengewinner leichter. "Wir haben ein paar Leader dabei, und werden sehen was die nächsten Tage bringen", sagt Tao Geoghegan Hart vom Team Sky. Nachdem die Fluchtgruppe knapp 20 Kilometer vor dem Ziel eingeholt worden war, setzte er einer Attacke von Vincenzo Nibali nach und siegt schließlich im Sprint.

Giovanni Fidanza lässt sich zu diesem Zeitpunkt ein paar Meter weiter auf dem Stadtplatz von Kufstein einen Espresso aus der Maschine. Im wie eine feines Wohnzimmer ausgestatteten Bus von Vittoria wartet er bis zur Sitzung der Teams. Dann wird er wissen, wie die Räder für den zweiten Tag zu präparieren sind. Und während Fahrer hinter der Ziellinie schwitzend Interviews geben, ihre Flucht feiern, ihre Taktik als "aufgegangen" bewerten und Hoffnung hegen, weil "das Team funktioniert", resümiert Fidanza die erste Etappe mit jenen zwei Worten, die er während des Rennes öfter gesagt hat: "Molto tranquillo."

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