Tour of the Alps (3): Leere für Hermann Pernsteiner

Von den Minuten, in denen hinter der Ziellinie ein langer Tag in den Bergen verschwindet.

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Flieher radelt Bernhard Flieher

Beinen sieht man ihren inneren Zustand nicht an. Wie sehr sie schmerzen beim Stehen, weil sie leer sind, bleibt ungewiss. Die Gewissheit der Anstrengung steht im Gesicht von Hermann Pernsteiner. Diese Gewissheit ist stark. Sie bleicht für ein paar Minuten sogar die Bräune aus dem Höhentrainingslager auf Teneriffa. Vor allem spricht die Gewissheit, mit einen die Leere heimsucht, aus den Augen von Hermann Pernsteiner. Ein paar Sekunden zuvor kam der 28-Jährige ins Ziel, als Fünfter der zweiten Etappe.

Ein Betreuer legt ihm einen Schal um. Er reicht Pernsteiner eine Wasserflasche. Der setzt sie an. Es muss viel Flüssigkeit zurück in den schmalen Körper. Pernsteiner setzt die Flasche noch einmal ab, um den Schweiß über seiner Lippe abzuwischen. Nicht am Rand der Öffnung setzt er die Flasche an seinen Mund. Er steckt die ganze Öffnung hinein. Dann schluckt er. Zweimal. Er setzt ab, holt tief Luft, trinkt noch einmal. Pernsteiner steht ein paar Meter hinter der Ziellinie in Schenna. Fünfter.

Besser war der Niederösterreicher heuer nie. Seine Augen erzählen trotzdem von der Leere, die im Radsport an jeder Ziellinie beginnt, egal welches Rennen, egal welche Tour. Sie dauert nicht lange, diese Leere. Doch in dieser Kürze, in diesen drei vier Minuten erzählt sie von der Mühe des Tages, der zuvor knapp fünf Stunden gedauert hat oder 178,7 Kilometer.

Reith im Alpachtal bis Schenna. Der Brenner dazwischen und der Jaufenpass, hinunter ins Passeiertal und dann noch harte 4,5 Kilometer ins Ziel hinauf in das Dorf über Meran. Am Ende die "Mauer von Schenna", wie der Moderator die Ortsdurchfahrt in Anspielung an die "Muur van Geraardsbergen", ein legendärer Streckenteil der Flandern-Rundfahrt, nennt.

Bloß zwei, drei Hundert Meter. Enge Gasse. Neun Prozent Steigung. Ideale Show fürs Publikum,. Letzter Schmerz für die Fahrer. Da spürt man nichts mehr, geht aus dem Sattel, tritt nur noch, leidet und öffnet das Tor zur Leere. "Es war hart", sagt Pernsteiner. Seine Augen erzählen von der Härte des Tages mehr als es seine kargen Worte könnten. Gegenwind, trotzdem hohes Tempo. 3050 Höhenmeter. Auf dem Jaufenpass entlang der letzten Kilometer Schnee und Kälte und Nebel. Da hätte er noch attackieren wollen. "Ging nicht", sagt er.

Etappen wie diese sind bei jeder Rundfahrt mächtige Meister, wenn es darum geht, das Tor aufzureißen hinter dem sich das Nichts der Leere ausbreitet. Lehrmeister der Demut sind solche Strecken, Spielplätze für Restkraft. Und am Ende schaut Leere aus Augen, von der gute Platzierungen oder die erste Euphorie wartender Journalisten und Teambetreuer bloß ablenkt.

Ein Journalist hält Pernsteiner das Handy hin mit der rasend schnell errechneten Gesamtwertung: Wie in der Tageswertung Platz fünf. Sehr gut. Außerordentlich eigentlich. Pernsteiner schaut kaum hin. "Ja, ja", sagt er und schaut ins Ungefähr. Egal wird es ihm nicht sein, dann im Teambus, im Hotel, bei der Strategie für die nächste Etappe. Im Moment zählt das aber wenig, denn seine Worte erzählen von einer anderen Leere.

Fünfter im Tagesklassment. Nur? Auch wenn er heuer nie besser war. "Es ärgert mich, dass ich am Ende nicht mehr die Beine hatte", sagt er. Man hört die Worte aus seinem Mund, aber sie klingen auch aus den Augen. Es ist die Leere einer vergebenen Chance. Und so viele Chancen ganz vorne zu sein hat er nicht. Bloß Fünfter. So jedenfalls fühlt sich für ihn offenbar an, gerade vom Rad gestiegen und ein Stück geschoben, bevor die Füße auf der Straße halt finden. "Ich war in der Abfahrt richtig gut dabei", sagt er.

Dreimal ist er sie schon gefahren, die Straße herunter vom Jaufenpass, Er kennt alle problematischen Stellen. "Es ist nicht so ein Hochgeschwindigkeit hier herunter", sagt er. Das kommt ihm zu gute. Pernsteiner ist klein und leicht. Deshalb liegen seine Bremspunkte später in der Kurve als die vieler anderer Fahrer. Sein geringes Gewicht ist dann weniger Nachteil beim Bergab-Rasen. "Es ist sehr technisch, das passt für mich", sagt er.

Pernsteiner ist im Ziel in Schenna bester seiner Mannschaft Bahrain-Merida, wo er, einst Sieger der im zweiten Jahr mit den Besten fährt. Zeitgleich mit seinem Chef Vincenzo Nibali kam er ins Ziel. Aber weil er an diesem Tag lange ganz vorne dabei war, sah er am Ende mehr Chancen, als seine Füße zulassen wollten. Gewinnen ist aber gar nicht sein Job.

Wie ausgemacht, wich Pernsteiner seinem Chef Vincenzo Nibali lange nicht von der Seite, begleitet ihn hinauf zum Jaufenpass. Das ist sein Job. Neben Nibali sein, für Nibali arbeiten, Nibali schützen, gegnerische Attacke kontern. Nibali will bei der Tour of the Alps die Gesamtwertung gewinnen.

Gegen Ende der Etappe war das vergessen. Pernsteiner fuhr davon. Nibali kam erst gegen Ende wieder zu ihm. Ihr Team will sich gut einspielen für den Giro d'Italia. Dann muss alles klaglos funktionieren. Der Giro ist bedeutend. Die Tour of the Alps dient als eine Vorbereitung, ein Test, eine Studie für größere Aufgaben. Sie ist eine Lehre darüber, wie zwei Wochen vor den Giro-Start alles zusammenwirkt im Team.

Für die Leere des Einzelnen hinter der Ziellinie macht es aber keinen Unterschied, bei welchem Rennen er ins Ziel kommt. "Ein bisschen ärgert es mich", sagt er noch einmal. Dann klickt Pernsteiner sein Schuhe wieder ein. Die Wasserflasche ist mit vier Schlucken ausgetrunken. Ein Betreuer schubst ihn. Er fährt zum Teambus. Die Beine treten die Leere weg.

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