Tour of the Alps (4): Auf Helden wird gewartet

Radrennen sind schnell. Es wird hart attackiert. Vor allem aber geht es darum, geduldig zu sein.

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Flieher radelt Bernhard Flieher

In wenigen Sekunden nach der Ziellinie ändert sich alles. Da endet die Stille. Da endet das Herumstehen. Wenn die ersten Fahrer über die Ziellinie kommen, endet das Warten in Durcheinander. Z

uvor warten die Soigneurs der Team mit warmen Jacken, Wasser, Cola und Gummibärchen, den Erste-Hilfe-Mittel gegen die Erschöpfung. Es warten Fotografen. Es warten TV-Teams. Es warten Journalisten. Es warten Fans und Kinder.

Sie wollen Fotos, kurze Statements, Trinkflaschen oder Selfies mit den Fahrern. Noch gibt es da alles nicht. Noch ist es nicht so weit. Die Straße ist begrenzt von Absperrgittern. Sie trennen jene, die freiwillig zum Warten kommen von denen, deren Warten zum Job gehört.

Noch suchen die Fotografen die ideale Position. Noch schwenken die Kameras der RAI über den Lago di Serraia, an dem Baselga di Pine liegt. Noch schmeckt der Espresso in der Gelateria Sirena, von wo man bestens auf die Leinwand blicken kann, auf der das Rennen übertragen wird. Das Warten braucht Ablenkung.

Noch sind die Fahrer 20 Kilometer entfernt. Gestartet sind sie in Salurn. Das ist gut zwei Stunden her. 106 Kilometer fahren sie heute. Die letzten Stunde ist im Fernsehen zu sehen. Sonst gibt es für die Wartenden nur Vermutungen oder Gerüchte, die aus dem Pressezentrum dringen, in dem der Tourfunk läuft.

Noch eine halbe Stunde bis ins Ziel. Es ist noch nichts passiert. Passieren wird es erst im Anstieg nach Baselga, auf den letzten zehn Kilometern. Chris Froome wird sich dann umschauen und sich in den Dienst seiner jungen Kollegen Tao Geoghegan Hart und Pavel Sivakov stellen.

Vinzencio Nibali wird sich umschauen, was Chris Froome macht, weil von seinem Team keiner mehr da ist. Wenn im Ziel Nibalis Name aus dem Lautsprecherboxen plärrt, brandet Jubel auf, werden Fähnchen geschwenkt. "Ah Nibali", sagen sie. Oder: "Oh Vincenzo." Oder einfach nur "Il Grande".

Von Nibali ist noch nichts zu sehen. Die meisten haben keine gute Sicht auf die Leinwand. Nibali ist noch acht Kilometer vom Ziel entfernt, aber das ist keine Distanz zu einem Helden. Als der Italiener Fausto Masnada im letzten Anstieg antritt, den richtigen Zeitpunkt für seine Attacke abwartet und deshalb gewinnt, wird Nibali bloß für ein paar Stunden von seiner Heldenrolle abgelöst.

Francesco Moser und Gilberto Simoni werden diese Rolle des Heldenhaften, des "sempre grandissimo" nie mehr los. Wer sich wie die beiden - unter anderem mit Gesamtsiegen beim Giro - in die Geschichtsbücher pedaliert, bleibt in Italien ein Held.

Die beiden sind unter den Wartenden am Ziel in Baselga di Pine. Beide stammen aus Palu di Giovo, das ist keine 20 Kilometer vom Zielort entfernt. Sie sind internationale Helden des Radsportes. Sie sind fast heilig in ihrem Land. Sie sind Lokalmatadore, die für jeden einen freundlichen Satz haben. Sie schütteln Hände. Sie werden umarmt. Manche halten respektvoll Abstand. Ein kurzes "Ciao" mit Moser und Simoni ist besser als die Leinwand, wenn man warten muss.

Irgendwann wird Vincenzo Nibali seine Karriere beenden. Er ist 34 Jahre alt. Und dann wird auch er unter den Wartenden sein am Ziel von Giro-Etappen oder bei der Tour of the Alps oder bei Tirreno-Adriatico. Und er wird lächeln.

Jetzt sieht er sich noch einmal um, wartet, ob noch einmal der Moment für eine Attacke kommt. Das ist auf der Leinwand schön zu sehen. Er kommt nicht weg, aber er kommt den Wartenden im Ziel schnell näher.

Radrennen passieren weit weg, von denen die sie betrachten. Und wenn einem das Rennen nahekommt, ist es im Bruchteil einer Sekunde vorbei. Die Spitzengruppe rast heran. Letzte Kurve. Masnada reißt die Arme hoch. Fünf Sekunden später kommt die Gruppe mit Froome und Nibali.

Jubel. Fähnchen. Zieldurchfahrt. Der Sieger Masada wird belagert. Erster großer Sieg. Italiener. Zweiklassiges Team. Tutto bene!

Nibali wird umringt. Froome hat ein bisschen mehr Ruhe. Für die schnellsten Fahrer ist es zu Ende. Viele Wartende stehen weiter herum.

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