Tour of the Alps (7): Das Ende am See

Von zwei Österreichern, die um einen Sieg fahren, der nicht im Ziel passiert.

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Flieher radelt Bernhard Flieher
Matthias Krizek und Matthias Kuen. SN/sn
Matthias Krizek und Matthias Kuen.

Die Ziellinie ist nicht immer der Richter. Das Urteil über den Erfolg fällt bisweilen mitten auf der Strecke. Mitten zwischen Südtiroler Apfelbaumplantagen. Weit weg von Publikum. Weit weg von jeder Anfeuerung oder Bewunderung. Zu einem so frühen Zeitpunkt im Rennen, dass auch die TV Kameras noch nicht dabei sind. Manche Entscheidung im Radsport fällt jenseits der Wahrnehmung. Zum Beispiel am Kalterer See. Kilometer 26,1. Dort gibt es bei der letzten Etappe der Tour of the Alps eine Sprintwertung. Auf jeder Etappe gibt es ein. Für die Ersten, an dieser imaginären Linie, die nur durch ein paar Werbeplakate und ein aufblasbarer Tunnel über der Straße zu erkennen ist gibt es Punkte. Daraus entsteht eine Gesamtwertung. Sie ist nicht so bedeutend wie der Gesamtsieg einer Rundfahrt. Für manche aber ist es eine gute Möglichkeit, trotz vermeintlicher Unterlegenheit in den Fokus des Rennens zu rasen.

"Für ein Team wie unseres ist es ein Zeichen, dass die Burschen gut in Form sind, dass sie jene Karten, die sie haben, auch zum richtigen Zeitpunkt ausspielen", sagt Werner Salmen, Sportdirektor vom Team Vorarlberg. Er redet von seinem Schützling Maximilian Kuen. Und was er sagt, gilt auch für Matthias Krizek. Kuen liegt nach vier Etappen der Tour of the Alps mit Matthias Krziek in der Sprintwertung gleich auf. Nur, weil Krizek mehr Punkte als Sieger bei den Sprints gesammelt hat, liegt er in Führung. Die beiden fahren sich oft über den Weg. Der Wiener Krziek ist beim Team Felbermayr Wels unter Vertrag. Der Kufsteiner Kuen fährt für das Team Vorarlberg. Das sind die beiden besten österreichischen Profiteams, der dritten Liga des Profi-Radsportes. Bei der Tour of the Alps haben sie eine der wenigen Gelegenheit, sich mit der absoluten Topklasse zu messen. Da fahren ihnen Rafel Majka, Vincenzo Nibal oder Chris Froome über den Weg.

In so einem Feld gibt es für Team Vorarlberg oder Team Felbermayr wenige Möglichkeiten aufzufallen, aber viele Chancen zu lernen gibt es und manche Gelegenheit tut sich auch, erfolgreich davon zu kommen. Und es gibt eine Linie, in der die beiden sogar in ein Duell um einen Preis bei dieser Tour verwickelt sind. Am Kalterer See. Kilometer 26,1. Showdown um die Sprintwertung, "Schau ma, das wir's überleben", sagt Maximilian Kuen ein paar Minuten vor dem Start in Kaltern. Krizek lächelt. Sie schütteln sich die Hände. Auf der Straße werden sie gegeneinander fahren. Wenn die Räder stehen, wissen beide, dass es schwer wird. Und es ist für beide gleich schwer. Ein Foto der beiden wird noch gemacht, ein bisschen Smalltalk. Da wird klar, dass der Respekt vor dem restlichen Geschehen im Rennen größer ist, als die Gedanken an den direkten Konkurrenten. Krizek ahnt, dass es hart wird: "Einen Plan kannst du da eh nicht machen. Ich muss einfach richtig reagieren, wenn etwas passiert." Und: "Wenn die vorne gleich nach dem Start wegfahren, wird es heftig", sagt er, "Die", das sind Fahrer aus höherklassigen Teams. Denen ist die Sprintwertung am See egal. Erstens haben sie keine Chance mehr die Punkte der Österreicher aufzuholen. Außerdem fahren die stärkeren Teams auf den Etappensieg oder sie wollen ihre Kapitäne im Spiel um die Gesamtwertung halten. Auf den letzten Kilometer dieser Tour soll den großen Teams nichts mehr passieren.

Das Duell zwei österreichischer Talente spielt in diesen Überlegungen keine Rolle. Für die beiden geht es nur darum, nach dem Sprint ins Ziel zu kommen. Denn um am Ende gewertet zu werden, um in die Endabrechnungen zu kommen, wird doch die finale Linie zur Pflicht. Sie müssen es bis Bozen ins Ziel schaffen. Egal wie es im Sprint läuft, danach müssen beide immer noch 120 Kilometer fahren. Und am Ende gewinnt deshalb Krizek. Beim Sprint war von beiden nichts zu sehen. Da waren die anderen schon voll weggefahren. Und so ging es nicht mehr um das Sprinten, sondern um das Durchhalten bis zur Ziellinie."

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