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Kontroverse um Polizei-Einsatz bei Wiener Derby

Die Wiener Polizei hat nach Kritik an ihrem Vorgehen am Rande des Wiener Derbys zwischen Austria und Rapid Teile des Einsatzprotokolls und Auszüge aus polizeilichen Videoaufnahmen veröffentlicht. "Die Behauptung einer Sperre der Autobahn vor dem Bewurf ist - wie in den gesicherten Videos ersichtlich - falsch". Rapid bekräftigte aber seine Kritik. Die Polizei-Aktion sei unverhältnismäßig gewesen.

Rapid-Präsident Krammer zeigte sich erbost SN/APA/HANS PUNZ
Rapid-Präsident Krammer zeigte sich erbost

"Hier wurden, aus welchen Motiven auch immer, Leute ihrer Freiheit beraubt und zwar wurden sie stundenlang in einer völlig unangemessenen und jegliche Verhältnismäßigkeit mit Füßen tretenden Art und Weise in einem Kessel festgehalten", sagte Rapids Vizepräsident Nikolaus Rosenauer. Rapid-Präsident Michael Krammer, der sich laut Eigenaussage von 18:30 Uhr bis zum Ende der Identitätsfeststellung um kurz vor 22:00 Uhr selbst ein Bild vom Einsatz entlang der Südosttangente vor der Generali Arena machte, sprach von einer "absurden" Situation. "Es gab keine Chance auf irgendeine Art der menschenwürdigen Behandlung", erklärte Krammer, der sich bei der Pressekonferenz "nicht als Rapid-Präsident, sondern als Staatsbürger" äußern wollte. "Aus meiner Sicht: Das war nicht spontan, das war geplant. Der Einsatz war nicht verhältnismäßig."

Die mittlerweile durch Videoaufnahmen belegten (Schneeball)-Würfe durch Rapid-Anhänger auf die Südosttangente verurteilte die Vereinsführung. Jene waren laut Polizei der Auslöser für die folgenden - knapp sieben Stunden andauernden - Identitätsfeststellungen von 1.338 Personen gewesen. Ein solcher Werfer sei "kein Rapidler, das ist ein Krimineller, der Rapid missbraucht und für sich vereinnahmt", erklärte Rosenauer. Der (hauptberufliche) Anwalt hatte für das Folgende aber keinerlei Verständnis. "Den Rest unter Generalverdacht zu stellen, das sind für mich polizeistaatliche Maßnahmen. Insgesamt wenn dies ohne jegliche Genehmigung durch die Justiz erfolgt."

Die Funktionäre prangerten zudem die Wahl der Streckenführung des Fanmarsches an. Diese erfolge durch die Polizei. "Warum wählt man von Behördenseite so einen Weg zum Stadion über die meistbefahrene Straße Österreichs?", fragte Krammer. Der Weg über die Brücke sei zudem unzureichend gesichert gewesen.

Auf die Frage, ob eine kurz- bis mittelfristige Entspannung im Verhältnis Rapid-Rapidfans-Polizei überhaupt möglich sei, entgegnete Krammer nur: "Mir geht es darum, dass das rechtsstaatliche Prinzip funktioniert. Darum werden wir uns kümmern und wir gehen auch davon aus, dass sich die Behörden darum kümmern."

Aus dem veröffentlichten Protokoll der Polizei geht hervor, dass es bereits um 12.30 Uhr, also viereinhalb Stunden vor dem Spielbeginn, zum Einsatz verbotener pyrotechnischer Gegenstände kam, nämlich beim Marsch zum Bahnhof Hütteldorf und schließlich im Bahnhofsareal. Selbiges geschah laut Angaben der Exekutive auch beim Umstieg am Karlsplatz und setzte sich bei der U-Bahn-Station Reumannplatz und beim anschließenden Abmarsch der Fans in Richtung Generali-Arena fort. Die Polizei vermerkte zudem, dass es gegenüber dem Fanblock "keinerlei polizeiliche Anweisungen gab", auf der Brücke der Süd-Ost-Tangente (A23) stehen zu bleiben, was laut den Angaben gegen 15.00 Uhr der Fall war. Die Autobahn sei dann beworfen worden, "die Behauptung einer Sperre der Autobahn vor dem Bewurf ist - wie in den gesicherten Videos ersichtlich - falsch", hieß es weiter.

Die Landespolizeidirektion äußerte sich zu den Vorwürfen, dass Kinder, Familien und gebrechliche Personen stundenlang festgehalten wurden, und hielt in diesem Zusammenhang fest, dass es kurz nach 15.00 Uhr zu einer Anhaltung von über 1.000 Personen kam. Etwa 40 Minuten darauf erfolgte eine Durchsage per Lautsprecherwagen, bei der die Anwesenden über das weitere Vorgehen seitens der Exekutive informiert worden wären, nämlich eine Identitätsfeststellung und anschließende Wegweisung aus dem Sicherheitsbereich. "Dies hat erneut polizeifeindliche Parolen zufolge. Anwesende führende Fangruppierungen schließen ein Mitwirken für sich und alle anderen Anwesenden aus, weshalb anfänglich nur sehr wenige Personen den Bereich verlassen wollen", hieß es in dem Protokoll.

Auch erneuten Aufrufen zur Mitwirkung wäre nicht nachgekommen worden, jedoch habe sich ein großer Teil der Fans geweigert, sich auszuweisen. Bei diesen Durchsagen sei auch darauf hingewiesen worden, dass Frauen, Kinder sowie gebrechliche Personen "vortreten mögen und bevorzugt behandelt werden". Um 21.55 Uhr - und damit fast sieben Stunden nach der Anhaltung - erfolgte dann schließlich die letzte Identitätsfeststellung, insgesamt wurden 1.338 Personen kontrolliert und erfasst.

Rapid hatte zuvor mangelnde Verhältnismäßigkeit angeprangert und von einem "skandalösen Vorgehen" geschrieben. Auslöser für das Vorgehen war laut Polizei, die rund um das Match mit 550 Beamten im Einsatz war, die zehnminütige Sperre der Wiener Südosttangente (A23) im Vorfeld des Derbys.

Rapid-Präsident Michael Krammer übte am Montag scharfe Kritik am Vorgehen. "Ich habe als ehemaliger Offizier des Bundesheers großes Verständnis für rechtsstaatliche Prinzipien. Was ich am Sonntagabend erlebt habe, hätte ich aber im Rechtsstaat Österreich nicht für möglich gehalten", wurde Krammer in einer Aussendung des Clubs am Montagvormittag zitiert. "Hier war keinerlei Verhältnismäßigkeit gegeben, Menschen über Stunden bei Minusgraden einer solchen Situation auszusetzen, halte ich für skandalös."

Laut Polizei sei der Einsatz ohne gröbere Zwischenfälle abgelaufen. Es mussten "lediglich drei Personen von der Rettung abtransportiert werden". Laut Rechtshilfe Rapid wurde der zur medizinischen Versorgung zwischenzeitlich angerückte Katastrophenzug des Roten Kreuzes aber unverrichteter Dinge wieder weggeschickt. "Die Polizei verweigert eine medizinische Versorgung", heißt es in einem diesbezüglichen Tweet. Dies deckt sich mit Club-Angaben. "Den perlustrierten Personen, darunter auch Kinder, Frauen und ein Mädchen, das aufgrund einer Diabetes-Erkrankung insulinpflichtig ist, mussten ohne Versorgung (Getränke oder Essen) und ohne Möglichkeit sanitäre Anlagen aufzusuchen, dort verharren."

Der Einsatz endete mit zwei Anzeigen. Laut Polizei gab es eine Anzeige wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung und eine verwaltungsrechtliche Festnahme. Zahlreiche pyrotechnische Gegenstände, darunter "eine Rauchgranate polnischen Fabrikats" seien sichergestellt worden. Krammer: "Egal ob ein Gegenstand oder mehrere, so eine Aktion ist natürlich ohne Wenn und Aber zu verurteilen."

In Fankreisen und in den sozialen Netzwerken wurde über eine geplante Retourkutsche der Polizei auf eine Anti-Polizei-Choreografie gemutmaßt. Vor dem Anpfiff des Europa-League-Spiels am vergangenen Donnerstag - dem 13.12. - hatte die organisierte Fanszene tribünenübergreifend in großen, grünen Lettern den Schriftzug "1312" präsentiert. Ein Code für die Abkürzung "ACAB", die für die Beschimpfung "All Cops Are Bastards" steht. Die Justiz stellte am Montag gegenüber der APA klar, dass der Einsatz nicht von ihr angeordnet worden sei.

Wiens Landespräsident Gerhard Pürstl hatte sich noch am späten Sonntagabend in einer Aussendung zu Wort gemeldet. "Gewalt hat auch beim Fußball nichts verloren. Die Wiener Polizei ist dieser entschieden entgegengetreten", wurde Pürstl zitiert. Er wünscht sich nun, dass der Verein "gegen alle gewaltbereiten Fans, soweit sie ihm bekannt sind, konsequent, auch mit Stadionverboten, vorgeht".

Krammer prangerte den Generalverdacht gegenüber über 1.300 Personen an. "Ich stimme dem Landespolizeipräsidenten absolut zu, dass Gewalt auch im Fußball nichts verloren hat. Daher sollten jene zur Verantwortung gezogen werden, die sich in diesem Zusammenhang strafbar machen, aber nicht über 1.300 Personen unter Generalverdacht gestellt und über Stunden unter menschenunwürdigen Umständen festgehalten werden."

Die "Rechtshilfe Rapid" kündigte eine Maßnahmenbeschwerde an. "Die Verhältnismäßigkeit war unserer Meinung nicht gegeben", sagte Vorstandsmitglied Helmut Mitter der APA. Mitter kritisierte ebenfalls das Vorgehen der Beamten. Laut Mitter mussten die angehaltenen Personen bis zu sieben Stunden lang "bei minus zwei Grad mit einer Schneeunterlage" in der Kälte ausharren. "Man kann sich vorstellen, was das kreislauf- und kältetechnisch mit dem Körper macht", sagte er.

Die Teilnehmer des Marsches seien bunt durchmischt gewesen. "Da war alles dabei: Männer, Frauen, Jugendliche und Ältere", beschrieb Mitter. Eine Mutter habe etwa mit ihrer 13-jährigen Tochter "fünf Stunden in der Kälte stehen müssen", kritisierte er. Anwälte der Rapid-Fanclubs hätten zudem urgiert, dass die Festgehaltenen wenigstens mit Heißgetränken und Decken versorgt werden sollten. Dies sei aber seitens der Polizei abgelehnt worden. Den Fans sei sogar der Gang auf die Toilette verwehrt worden.

Auch die Versorgungskette habe nicht funktioniert. Rettungskräfte, die von Teilnehmern des festgesetzten Marsches selbst via Handy verständigt worden waren, wurden Mitter zufolge mit dem Verweis auf eigene Sanitäter von der Polizei wieder weggeschickt. 17 Personen hätten nach dem Einsatz stationär behandelt werden müssen.

Die "Rechtshilfe Rapid" will nun noch weitere Informationen zu dem Einsatz sammeln. Dann will die Organisation eine Maßnahmenbeschwerde gegen den Einsatz einbringen.

Quelle: APA

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