Mixed

"Kopf ist der größte Verhinderer"

Vom Olympiasieg in ein sportliches Loch und wieder zurück: Hinter Andrea Fischbacher liegen bewegte Jahre.

"Kopf ist  der größte Verhinderer" SN/gepa pictures/ mathias mandl
Hoch hinaus ging es für Andrea Fischbacher früh, die letzten Jahre hatte sie aber zu kämpfen.

Für Andrea Fischbacher steigt schon am heutigen Montag das Rennen vor dem Rennen: Weil sie auch im Riesentorlauf nicht mehr unter den besten 30 der Weltrangliste ist, muss sie in die interne ÖSV-Qualifikation um die Startplätze für den Weltcupauftakt am kommenden Samstag in Sölden. Fischbacher nimmt auch das gelassen: Die letzten vier Jahre haben die seit der Vorwoche 29-Jährige nachhaltig geprägt.

SN: Starten wir mit einem kurzen Rückblick: Wie würden Sie denn Ihre letzte Saison sportlich beschreiben?
Fischbacher: Als ein sehr, sehr interessantes Jahr (lacht). Da war wirklich alles dabei. Es hat eigentlich gut begonnen, ich habe mich auch recht wohlgefühlt. Aber mit einem einzigen Rennen in Beaver Creek habe ich mich total aus dem Konzept bringen lassen. Ich bin wieder in alte Muster zurückgefallen.

SN: Dann kam als Tiefschlag die Nichtnominierung für Sotschi ...
... die für mich eigentlich so etwas wie eine Erlösung war. Die ganze Saison ging es ja darum, ob ich mich als Olympiasiegerin für diese Olympischen Spiele qualifiziere oder nicht. Als die Sache dann vom Tisch war, war das wie eine Erleichterung. Eigentlich war es rückblickend gesehen sogar ein Glücksfall.

SN: Pardon: Eine Ausbootung war also ein Glücksfall?
Klingt komisch, aber so war es. Ich blieb mit Charlie Pichler, einem ÖSV-Trainer, daheim und habe mit ihm trainiert. Er hat mir im Training immer wieder gesagt, was ich richtig mache. Die drei Jahre zuvor habe ich immer nur gehört, was ich falsch mache, und jetzt ging es plötzlich darum, was ich gut mache. Auf einmal kam wieder das Selbstvertrauen, auf einmal kam die Sicherheit. Damit konnte ich mich wieder an das Limit herantasten.

SN: Und dann kam vor allem im März die Weltcupabfahrt von Crans Montana, die Sie sensationell gewonnen haben. Haben Sie sich das zuvor vorstellen können?
Dass es in Crans Montana so gut laufen würde, war natürlich nicht absehbar. Klar bin ich schon mit einem guten Gefühl hingefahren und habe gewusst, wenn alles klappt, ist da etwas möglich. Nur: An den Sieg habe ich wirklich nicht gedacht.

SN: Welche Erkenntnis nimmt man aus so einer Berg-und-Tal-Fahrt mit?
Dass alles eine Kopfsache ist. Der Kopf ist der größte Verhinderer. Das habe ich die letzten Jahre leider sehr intensiv gespürt.

SN: Mit welcher Erwartung geht man dann in das neue Jahr?
Mit gar keiner. Ich weiß, dass ich noch ein paar Jahre vor mir habe, und die sollen gut werden. Aber in Wahrheit beginne ich heuer bei null. Ich bin nur mehr in der Abfahrt unter den besten zehn der Weltrangliste, in allen anderen Disziplinen bin ich nicht einmal mehr unter den Top 30. Manchmal erinnert mich die Situation an die Zeit, in der ich in den Weltcup gekommen bin. Ich bin wie eine Neueinsteigerin, nur mit dem Unterschied, dass ich schon einiges erlebt habe.

SN: Sie sagen: Sie beginnen bei null. Aber kann das nicht eine enorme Erleichterung sein, zu sagen: Ich fange jetzt ganz von vorn an?
Ganz so sehe ich es auch nicht, weil ich fahre nicht nur zum Spaß. Die größte Last ist von mir abgefallen, als ich nicht für Sotschi nominiert worden bin. Von da an habe ich gedacht: Es ist, wie es ist. Mit der Einstellung gehe ich jetzt auch in die Saison. Oder ich versuche es zumindest.

SN: War jemals der Gedanke dabei, alles hinzuwerfen?
Solange ich noch Träume und Ziele habe, fahre ich Ski. Dieses Ziel hatte ich eigentlich immer, auch in schwierigen Phasen.

SN: Sie sind just nach Ihrem größten Triumph, dem Olympiasieg 2010, in ein tiefes Loch gefallen, haben seitdem vier harte Jahre hinter sich gebracht. Haben Sie je einen Zusammenhang zwischen Triumph und Talfahrt hergestellt?
Der Olympiasieg war sicher nicht schuld an irgendetwas. Okay, er hat vielleicht die Erwartungen bei mir und in der Öffentlichkeit hochgeschraubt.

Nur: Wenn es dann nicht läuft, dann denkst du 24 Stunden an das Falsche. Du denkst nämlich nur daran, was du falsch machst. Ich nenne das "fehlerorientiertes Denken". Du beschäftigst dich nur mehr mit deinen Schwächen und nicht mehr mit deinen Stärken. Aus dieser Gedankenwelt kommst du dann auch nicht mehr heraus. Du kommst in so einen Teufelskreis, dass du am Start nur an die möglichen Fehler denkst, die du jetzt in den nächsten Kurven gleich machen kannst.

Damit ist das Rennen eigentlich schon gelaufen.

SN: Welche Gedanken sollen Sie heuer in das Starthaus begleiten?
Ich will daran denken, dass ich gern Ski fahre und dass ich schnell Ski fahren kann. Wobei: Noch besser wäre es, nicht zu denken. Einfach nur fahren.



Quelle: SN

Aufgerufen am 21.11.2018 um 09:13 auf https://www.sn.at/sport/mixed/kopf-ist-der-groesste-verhinderer-3082531

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