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Ludwig Paischer: "Ich kann meine Karriere bedenkenlos beenden"

Ein letztes Mal stieg Ludwig Paischer auf die Judomatte. Mit seinem Sport bleibt er dennoch eng verbunden. Seine berufliche Zukunft liegt im Mutterland des Judo, in Japan.

Ludwig Paischer: "Ich kann meine Karriere bedenkenlos beenden" SN/gepa
Die nächste Generation steht schon bereit: Salzburgs Judostar Ludwig Paischer mit seinem eineinhalb Jahre alten Neffen Nico.

Dort, wo seine Karriere vor knapp 30 Jahren begonnen hatte, zele brierte Ludwig Paischer am Freitag seinen Abschied vom Judosport: in seiner Trainingshalle in Straßwalchen. Mit Paischer auf der Matte stand sein Entdecker, Trainer und Förderer Gerhard Dorfinger, der die Ehre hatte, den Olympia-Silbermedaillengewinner von 2008 ein letztes Mal auf den Boden zu schicken. Paischer kämpfte indes mit den Tränen, er bedankte sich vor rund 50 Wegbegleitern in sehr familiär gehaltenem Rahmen für überaus erfolgreiche und vor allem prägende Jahre im Judo. Danach ließ der 34-Jährige im Interview mit den SN seine Karriere noch einmal Revue passieren, er sparte dabei nicht mit Kritik am Sportsystem in Österreich und erzählte von seinem neuen Job für Red Bull in Japan.

SN: Ihr Rücktritt war schon seit Längerem beschlossene Sache, jetzt übermannten Sie doch noch die Emotionen . . .
Paischer: Es ist etwas ganz anderes, eine Entscheidung im Kopf zu treffen, als sie dann auch umzusetzen und auszusprechen. Dass auch noch so viele Leute gekommen sind, hat den Moment für mich sehr emotional gemacht.

SN: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?
Sportlich gesehen natürlich die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Peking. Aber auch der Kano-Cup 2006 in Japan, den ich als einer von nur wenigen Ausländern gewinnen konnte. Und selbstverständlich die Bronzemedaille bei der Heim-EM 2008 in Wien. Ich hatte selten in meiner Karriere so viel Spaß auf der Matte. Das Publikum war genial und hat mich am Ende auch zu dieser Medaille getragen.

SN: Und Ihr bitterster Moment?
Sicher war mein letzter Karrierekampf (Aus bei Olympia 2016 in Runde eins, Anm.) schlimm, am bittersten war aber die Auftaktniederlage bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Bis dahin ist es für mich immer nur bergauf gegangen. Gewinnen war für mich ganz normal, ist beinahe zur Gewohnheit geworden. In Athen musste ich lernen, was es heißt zu verlieren. Und seither weiß ich auch, dass man den Erfolg schätzen muss.

SN: Sie haben Ihr Karriereende im Kimono auf einer Judomatte bekannt gegeben. Warum?
Weil hier in Straßwalchen alles begonnen hat. Die Judomatte ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle, wo du dem Boden sehr nahe bist. Dass ist auch das, was mich Judo abseits des Sports gelehrt hat: auf dem Boden zu bleiben.

SN: Ihre berufliche Zukunft liegt im Mutterland des Judo, in Japan. Wie kam es dazu?
Ich habe unmittelbar nach den Olympischen Spielen die Möglichkeit bekommen, im "normalen" Berufsleben Fuß zu fassen. Ich bin mittlerweile nach Tokio übersiedelt und arbeite dort für Red Bull im Sportmarketing. Eine spannende Aufgabe. Und so bleibe ich auch mit der olympischen Bewegung in Verbindung. Eine Wohnung habe ich bereits gefunden, als nächsten Schritt werde ich so schnell wie möglich versuchen, die Sprache zu lernen. Grundkenntnisse habe ich durch meine vielen Trainingsaufenthalte in Japan ja schon.

SN: Sie werden also Olympiaathleten für die Spiele 2020 in Tokio betreuen?

Ja, allerdings mache ich das nicht allein. Wir sind ein Team von zehn Leuten, acht Japaner und zwei Österreicher. Es ist eine Riesenchance für mich, für die ich auch sehr dankbar bin. Nebenbei hatte ich durch den fliegenden Wechsel von der Wettkampfmatte ins Sportmarketing gar keine Chance, mich lang mit der Niederlage in Rio aufzuhalten. Das hätte mich ohnehin nur aufgerieben, also habe ich mir gesagt: Das Leben geht weiter. Und das Letzte, was ich will, ist, meine Karriere an diesem einen Wettkampf aufzuhängen. Ich bin froh darüber, dass ich es trotz meines fortgeschrittenen Judoalters noch einmal probiert habe und mich für Olympia qualifizieren konnte. Jetzt kann ich bedenkenlos meine Karriere beenden und bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

SN: Was sind die größten Unterschiede im Sport zwischen Österreich und Japan?
Ich habe schnell gemerkt, dass der Sport in Japan eine völlig andere Wertigkeit hat. Dort hat jeder Athlet, der sich für Olympische Spiele qualifiziert, einen hohen Stellenwert und wird nicht als Olympiatourist beschimpft, wenn er keine Medaille mit nach Hause bringt. Ich denke, in Österreich braucht der Sport zuallererst eine gesellschaft liche Aufwertung.

SN: Wie kann das funktionieren?
Es ist nicht alles so schlecht, wie es in Österreich gern dargestellt wird. Zum Beispiel glaube ich, dass es für die Olympischen Spiele 2012 in London und 2016 in Rio genug Fördermittel gab, gescheitert sind am Ende aber die Menschen hinter den Spitzensportlern. Ich zum Beispiel war bis zu 300 Tage im Jahr im Ausland, weit weg von Freunden, von Familie. Das schmerzt. Und dadurch wird man nicht unbedingt stärker. Ziel müsste es sein, die Basis professioneller zu machen, in Trainer zu investieren. In vielen Sportarten gibt es nicht einmal einen Landestrainer, dadurch bekommt man auch keine Breite. Und wo keine Breite ist, gibt es auch keine Konkurrenz. In meinem Fall heißt das: Ich musste nach Japan reisen, um entsprechende Trainingspartner zu finden.

SN: Sie waren 15 Jahre lang in einer Randsportart Weltspitze. Blieb davon eigentlich auch ein finanzieller Gewinn?
Ich hatte Glück in meiner Karriere, aber ich denke, Glück kann man sich bis zu einem bestimmten Grad auch erarbeiten. Grundsätzlich ist es in einer Randsportart nie leicht, gut davon zu leben, erst mit einer Olympiamedaille geht das durchaus schon. Dennoch weiß jeder: Im Judo wird man kein Millionär, dafür bietet unser Sport sehr viele Werte. Judo ist Lebensschule und eine Lebenseinstellung. So gesehen hört man auch nie damit auf.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:19 auf https://www.sn.at/sport/mixed/ludwig-paischer-ich-kann-meine-karriere-bedenkenlos-beenden-869617

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