Sport

Ohne Sport auch (fast) keine Wette

Ein Milliardenbusiness steht still oder weicht auf Gaming aus - oder auf Tischtennis in Russland.

Mit Beginn des Fußballs kommen auch die Sportwetten wieder in Fahrt.  SN/GEPA pictures
Mit Beginn des Fußballs kommen auch die Sportwetten wieder in Fahrt.

Das nennt man gemeinhin den Wegfall der Geschäftsgrundlage: Praktisch über Nacht verlor die Sportwettbranche mit Ausbruch der Coronakrise ihren ganzen Markt. Mit dem Abbruch oder der Unterbrechung fast aller Ligen in Europa und den USA kamen auch die Sportwetten zum Erliegen.

Dabei: So einfach ist das nicht, denn Sportwetten sind ein diffiziles und stark segmentiertes Geschäft, das längst weniger mit verrauchten Hinterzimmern denn mit dem Börsenparkett zu tun hat. Zu unterscheiden ist grundsätzlich zwischen dem Onlinegeschäft und dem Sportwettcafé - zwischen diesen Unternehmensbereichen liegen Welten. Das Onlinegeschäft wird dominiert von großen und meist börsenotierten Anbietern, die fast alle eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie spielen mit Lizenzen aus Malta und das Geschäft ist zwischen Gaming (also casinoartigen Spielen im Internet) sowie Sportwetten aufgeteilt.

Der nach eigenen Angaben weltgrößte Anbieter ist GVC Holdings, dessen Sportwettzweig das einstige österreichische Paradeunternehmen bwin ist. Bwins größter Verdienst war wohl, dass man Sportwetten in Österreich aus der Schmuddelecke geführt hat, dazu diente auch Hannes Androsch als Investor. Nach einer Übernahmeschlacht wurde bwin bis 2016 um 1,1 Milliarden Pfund (damals zirka 1,4 Milliarden Euro) von der GVC Holdings übernommen.

Einer der größten europäischen Anbieter ist das oberösterreichische Unternehmen bet-at-home. Franz Ömer, der einst das Unternehmen gegründet hat, ist nach wie vor Geschäftsführer. Über fünf Millionen registrierte Kunden hat man, die Aktie notiert in Frankfurt und mit dem Ligen-Sponsoring der heimischen Eishockey- und Basketballliga hat man hier zuletzt Schlagzeilen gemacht. Auch bet-at-home trifft der Stillstand des Sports, aber nicht so sehr wie die kleinen Anbieter - denn: "Bereits im Vorjahr haben wir 57 Prozent unserer Geschäfte mit dem Gaming gemacht, der Bereich wird heuer sicher noch steigen", sagt Ömer. Ganz ist aber das Geschäft mit Sportwetten auch jetzt nicht zum Erliegen gekommen, denn dem echten Sportwetter geht es um das Wetterlebnis und weniger um die Liga. So sind die Wetter zuletzt auch auf reichlich exotische Dinge ausgewichen: Tischtennis in Russland oder Basketball in Taiwan.

Das sich abzeichnende Supersportjahr 2021 ist auch aus Sicht von bet-at-home ein enorm wichtiges. Aber eher aus marketingtechnischen Gründen: Es gibt bei Großereignissen deutlich mehr Neukunden. Aber der klassische Sportwetter hat ein gewisses Budget zur Verfügung und wettet bei Großereignissen nicht mehr als an normalen Tagen. Für das laufende Geschäftsjahr bleibt Ömer trotz Sportstillstands und Corona optimistisch, dank der Rücklagen bleibt bet-at-home bei einer Dividende von zwei Euro.

Ganz anders sieht es in dem Bereich aus, der einem fast täglich ins Auge sticht: den Sportwettcafés. Sharif Shoukry, einst Pressesprecher von Rapid und RB Leipzig, ist Sprecher der heimischen Sportwettanbieter, die derzeit völlig stillstehen. "Unsere Anbieter sind doppelt getroffen, vom Wegfall der Sportwetten und von der Schließung der Gastronomie." Unterschätzen darf man diesen Geschäftszweig auch in Österreich nicht. "Wir reden immerhin von 3000 Mitarbeitern in den Sportwettcafés." Der Markt in Österreich wird dominiert von Admiral (gehört zur Novomatic-Gruppe), die allein fast 260 Wettbüros hat, Tipico, cashpoint und HPYbet, dazu kommen sogar 20 regionale Anbieter. Fast schon tragisch-komisch: Mit Tipico und HPYbet sind auch die Sponsoren der ersten und zweiten österreichischen Fußballbundesliga davon betroffen.
Den Ausfall des Geschäfts wird man hier hingegen nicht mehr wettmachen können. "Zudem wären gerade diese letzten sechs Wochen ja eine recht intensive Zeit mit Champions League, Fußballfinalphase und Eishockey-Plays-off gewesen, von der Euro gar nicht zu reden", sagt Shoukry.

Und auch hier gelte, dass das Supersportjahr 2021 samt Ski-WM, Olympia und EURO viele Kunden zurückbringen werde, aber die würden auch dann nicht mehr spielen oder bei Großereignissen ihre Einsätze so deutlich erhöhen. So hat der Neustart der Deutschen Fußball-Bundesliga in dieser Woche mehr als nur Signalwirkung für den ganzen Markt. Ömer: "Es ist nicht wichtig, welche Liga beginnt, es ist wichtig, dass gespielt wird."

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Aufgerufen am 27.10.2020 um 02:01 auf https://www.sn.at/sport/mixed/ohne-sport-auch-fast-keine-wette-87380224

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