Motorsport

Der letzte Brasilianer in der Formel 1

Im Grand Prix von Brasilien gibt es Sonntag keinen Fahrer als Lokalmatador. Lediglich einen Teamchef: Auf die Indy-Legende Gil de Ferran wartet bei McLaren eine "Mission impossible".

Gil de Ferran (l.) muss McLaren neu aufstellen, auch ohne Alonso.  SN/gepa pictures
Gil de Ferran (l.) muss McLaren neu aufstellen, auch ohne Alonso.

Wenn Sonntag (Start 18.10 MEZ) die Formel 1 ihren vorletzten Saisonlauf in São Paulo absolviert, wird sich ein Fast-Einheimischer als "letzter Mohikaner", Pardon, Brasilianer, fühlen: Gil de Ferran. Der Nachfahre französischer Hugenotten ist in Brasilien ein Star. Doch so wirklich geht der seit Juli als Sportdirektor von McLaren in die Formel 1 zurückgekehrte Sympathieträger, der schon früher bei BAR-Honda (2005 bis 2007) diese Position innehatte, auch nicht durch: De Ferran wurde in Paris geboren und wuchs dort und in England, wo er seine Motorsportkarriere begann, auf.

Weil er es als Fahrer "nur" bis zur Formel 3000 (Gesamtdritter 1994) und zu einem F1-Test für Footwork Arrows schaffte, wechselte er in die USA. In der CART-Serie (später Champ Cars, dann Indycar) wurde er zum Champion: Zwei Meistertitel und ein Sieg im Indy 500 machten de Ferran, der mit seiner britischen Gattin primär in Fort Lauderdale/Florida lebt, zu einem Publikumsliebling.

Doch einen echten Lokalmatador können die Fans im Autodrom Carlos Pace von Interlagos nicht anfeuern. Mit dem Abgang von Felipe Massa nach der Saison 2017 (der Ex-Williams-Fahrer debütiert im Dezember für Susie Wolffs Venturi-Team in der Elektro-Formel E) ist der letzte Fahrer aus dem Formel-1-fokussierten Brasilien verschwunden. Man muss weit zurückschauen, bis man die letzte Saison ohne Brasilero im Starterfeld entdeckt: 1969, in dem Jahr, in dem Jochen Rindt seinen ersten Grand Prix und Jackie Stewart seine erste WM gewann. Seither fuhren 27 Brasilianer in der Formel 1, darunter 17 aus São Paulo. Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und Ayrton Senna holten acht WM-Titel, drei weitere (Carlos Pace, Rubens Barrichello, Felipe Massa) gewannen Formel-1-WM-Läufe.

Doch der Niedergang der brasilianischen Wirtschaft und der Währungsverfall ließen die einst üppigen Sponsorgelder aus dem größten Land Lateinamerikas versiegen. Damit war es auch nicht mehr möglich, was Fahrern wie Pedro Diniz, Antonio Pizzonia, Bruno Senna usw. ermöglicht wurde: eine steile Karriere in Europa.

Der Mangel an brasilianischen Fahrern hatte auch direkte Auswirkung in den Media Centers der Formel 1: Schon lange nicht war die Zahl der Berichterstatter aus Brasilien so überschaubar wie heuer.

Und de Ferran, der neue Lenker bei McLaren? Der wird in dem völlig in die Krise geschlitterten Team zumindest kurzfristig nicht viel bewegen können. Die Hoffnungen liegen schon auf 2019, wenn Carlos Sainz und Talent Lando Norris ins Lenkrad greifen werden. Zumindest ein junger Brasilianer macht sich Hoffnungen: Sergio Sette Camara, 20-jähriger Formel-2-Pilot, ist neuer Test- und Entwicklungsfahrer.

Und Gil de Ferran wird Sonntag doch etwas zum Feiern haben: keinen Sensationssieg, aber seinen Geburtstag. Den 51.


Aufgerufen am 21.11.2018 um 12:20 auf https://www.sn.at/sport/motorsport/der-letzte-brasilianer-in-der-formel-1-60610426

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