Nach der Fußball-EM - Rückkehr zur Normalität

Krisengeschüttelte Nationen spielten sich bei der EM den Frust kurzfristig von der Seele. Der Alltag kommt früh genug.

Autorenbild
Sport | Fußball, Eishockey, Skifahren und Co. Richard Oberndorfer


Kollektives Aufatmen hat es für viele Nationen während der Fußball-EM in der Ukraine und in Polen gegeben. Da schafften es doch gerade die krisengeschüttelten Euroländer Spanien und Italien in das Finale. "Die schönste Nebensache der Welt", wie der Sport oft bezeichnet wird, hat in Spanien die quälende Bankenkrise kurzzeitig vergessen lassen. In Italien war der Wettskandal, der vor Beginn dieser EM sogar zu Ausschlüssen von Teamspielern geführt hat, plötzlich aus den Schlagzeilen verschwunden. In Griechenland beherrschte bis zur Viertelfinal-Niederlage gegen Deutschland das runde Leder die Emotionen. Das befürchtete Hass-Spiel gegen das Land von Angela Merkel, die konsequent auf strengen Sparmaßnahmen in Griechenland bestanden hatte, blieb aus. Und die deutsche Bundeskanzlerin hätte im Falle eines Finaleinzugs des DFB-Teams sogar einen Platz auf der Ehrentribüne in Kiew neben dem umstrittenen Präsidenten Janukowitsch eingenommen. Verdrängt hatte sie die Menschenrechtsverletzungen gegen Julia Timoschenko. Dabei hatten die Unruhen im Vorfeld die EM in der Ukraine sogar infrage gestellt.

Was wird sportlich nach dieser EM im Gedächtnis haften bleiben? Die Offensiv-kraft aller 16 teilnehmenden Nationen, das frühe Ausscheiden der Niederlande und der Russen, der vermeintlichen Mitfavoriten. Das nicht gegebene Tor für die Ukraine im Match gegen England, das die Rufe nach technischen Hilfsmitteln im Fußball verstärkte. Viele Details, die Lust auf mehr machten und die Vorfreude auf die WM 2014 in Brasilien steigerten.

Welche Emotionen Krisenzeiten auslösen, konnte man vor jedem Spiel der Italiener bei dieser EM hautnah mitverfolgen: Inbrünstig wurde bei der Hymne mitgesungen. Die Entschlossenheit war jedem einzelnen Spieler förmlich anzusehen. Der Wille, für die eigene Nation zu gewinnen - auch eine Art der Problembewältigung.

Wie endlich die "schönste Nebensache der Welt" aber in Wahrheit ist, wird man bereits in den nächsten Tagen erleben: Dann, wenn die Welt nicht mehr auf die Ukraine schaut, wird es die nächsten Schlagzeilen um Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko geben. Die Ermittlungen im italienischen Wettskandal werden unvermindert weitergehen. Die Griechen werden sich wieder mit unumgänglichen Sparmaßnahmen quälen. Das ist die bittere Erkenntnis in den Tagen nach einer ansehnlichen EURO 2012.

Aufgerufen am 17.07.2018 um 11:10 auf https://www.sn.at/sport/nach-der-fussball-em-rueckkehr-zur-normalitaet-5968711

Schlagzeilen