"Neymar-Effekt" ist ein Sittenbild des Fußballsports

Der Transferwahn im Fußballgeschäft geht turbulent zu Ende.
Wie kann er künftig gestoppt werden?

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Standpunkt Richard Oberndorfer

Die Summen, die in den letzten Wochen über den Tisch der großen Fußballclubs gingen, sind schier unglaublich. 222 Millionen Euro für Neymar, fast 150 Millionen für Ousmane Dembélé, 2018 sind 180 Millionen Euro für Kylian Mbappé fällig. Bitte nicht in Schilling umrechnen! Investoren, TV-Gelder und Marketing haben diesen Sport verändert. Hinter den meisten Transfers steckt Kalkül. Der Brasilianer Neymar, der von Barcelona zu Paris Saint-Germain wechselte - der französische Verein ist im Besitz des Scheichtums Katar -, wird wohl auch für sportpolitische Zwecke und Imageverbesserung rund um die umstrittene Fußball-WM 2022 in Katar verwendet werden. Oft steht nüchtern das Investment im Vordergrund. Dembélé wurde erst im Vorjahr als 19-Jähriger von Dortmund erworben. Ein Jahr später spülte er fast das Zehnfache in die Kassen des börsenotierten Clubs. Wer braucht da noch Aktien?

Ein deutscher Fußball-Manager meinte dieser Tage treffend: "Die Flut hebt alle Boote." Die Spirale wird sich nach oben und unten weiterdrehen. Zuerst einmal haben die Vereine nach den Transfers unglaublich viel Geld zur Verfügung. Geld, das sie wieder investieren können. Aber die großen Summen werden für immer jüngere Spieler ausgegeben. Dembélé 20 Jahre alt, Mbappé sogar zwei Jahre jünger. Schon jetzt lassen die Erfolgsclubs nach Kindern scouten, die erst elf oder zwölf Jahre alt sind. Ernüchternd ist: Millionen werden damit nicht nur für herausragende Spieler, sondern auch für durchschnittliche Fußballer mit ein paar Länderspielen oder Bundesligaeinsätzen ausgegeben. Ein heimisches Beispiel: die 7,5 Millionen Euro für Maximilian Wöber, der von Rapid zu Ajax Amsterdam wechselte - früher undenkbar.

Wie kann der "Neymar-Effekt" gestoppt werden? Kaum. Eine finanzielle Deckelung durch den europäischen Fußballverband UEFA bringt nichts, weil das oft zitierte "Financial Fair Play", also dass ein Verein nicht mehr ausgeben darf, als er einnimmt, leicht durch Scheinverträge (siehe Neymar) umgangen werden kann. Geldstrafen verbreiten ohnehin keine Angst bei Scheichs oder Oligarchen. Einzig Punktabzüge in der Champions League würden schmerzen.

Hoffnungsschimmer sind die verärgerten Fans, bei denen es bereits brodelt. Sie können Signale und Taten setzen, wenn teuer erworbene Trikots von verabschiedeten Spielern verrotten und die Ticketpreise ins Unermessliche steigen. Der Transferwahn ist zum Sittenbild eines Sports geworden. Die nächste Transferzeit startet übrigens im Jänner.

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