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Warum in Tokio die Rekorde purzeln

Eine Laufbahn, die wie ein Trampolin wirkt, Schuhe mit Formel-1-Technologie und möglicherweise Doping: Deshalb wird bei den olympischen Leichtathletikbewerben so schnell gelaufen.

Sydney McLaughlin am Start ihres Weltrekordlaufs über 400 Meter Hürden.  SN/AFP
Sydney McLaughlin am Start ihres Weltrekordlaufs über 400 Meter Hürden.

Dunkle Geheimnisse, hilfloses Rätselraten, triftige Erklärungen: Die fabelhaften Leichtathletik-Rekorde und -Bestzeiten am laufenden Band in den olympischen Rennen in Tokio verblüffen angesichts der Dimensionen. Sie werfen die Frage auf: Wie geht das? Es gibt drei plausible Gründe für die Leistungssprünge: Die beflügelnde, energierückführende Laufbahn im Olympiastadion, Hightech-Spikes und das Talent von Athleten. Hinzu kommt die Mutmaßung: Auch Doping!

In 45,94 Sekunden durchbrach der Norweger Karsten Warholm über 400 Meter Hürden die 46-Sekunden-Schallmauer und in seinem Sog rasten auch Rai Benjamin (46,17) und Alison dos Santos (46,72) in den absoluten Grenzbereich der Disziplin. Es sei, als wäre Warholms Sensationszeit "bei reduzierter Schwerkraft auf dem Mond" erzielt worden, schreibt die "Neue Züricher Zeitung".

Wie eine Mondlandung

Einer leichtathletischen Mondlandung kamen auch die 51,46 Sekunden nahe, die die US-Amerikanerin Sydney McLaughlin am Mittwoch ebenfalls über 400 Meter Hürden gerast ist. Damit verbesserte die 21-Jährige ihren Ende Juni aufgestellten Weltrekord um 44 Hundertstelsekunden. Als Zweite blieb auch Ex-Weltrekordlerin Dalilah Muhammad (USA/51,58) ebenfalls klar unter der alten Bestmarke. Bronze mit dem Europarekord von 52,03 Sekunden holte die Niederländerin Femke Bol.

Statt außerirdische Kräfte ins Spiel zu bringen, muss man zunächst beim Boden bleiben - der von der italienischen Firma Mondo in dreijähriger Tüftelei entwickelten Laufbahn im Olympiastadion von Tokio. Sie soll Schubkraft wie nie zuvor geben.

Ein Untergrund mit Energierückführung

Die Oberfläche besteht aus dreidimensionalen Gummikörnchen, die eine Stoßdämpfung und eine Energierückgabe ermöglichen wie "bei einem Trampolin", erklärte Mondo-Entwickler Andrea Vallauri der "New York Times". Bestätigt wird das von McLaughlin: "Manche Bahnen absorbieren einfach den Aufprall und die Bewegung. Diese hier regeneriert sie und gibt sie zurück." Die italienische Firma hat zwölf Olympiabahnen konzipiert. Das Tokio-Modell ist der Renner.

Viel hätte nicht gefehlt und Elaine Thompson-Herah wäre auf dem Belag unsterblich geworden. In 10,61 Sekunden über 100 Meter kam sie dem Uralt-Weltrekord von Florence Griffith-Joyner (USA/10,49) so nah wie keine andere zuvor. An der Bahn lag es nicht. "Ich hätte schneller laufen können, wenn ich nicht so früh auf die Ziellinie gezeigt und gefeiert hätte", sagte die Jamaikanerin, die auch bei ihrem Sieg über 200 Meter in 21,53 Sekunden Werbung für den schnellen Untergrund machte.

"Sobald man auf der Bahn steht, lassen sie ihrer Magie freien Lauf. Das ist schon Wahnsinn", sagte Lisa Marie Kwayie nach ihrem Aus im 200-Meter-Halbfinale über die übermächtigen Konkurrentinnen. Die Berlinerin wurde in 23,42 Sekunden Letzte.

Schuhe wiegen nur 132 Gramm

Das Wettrennen um Rekorde und Topzeiten für die Ewigkeit wird aber auch durch modernes Hightech-Schuhwerk beschleunigt. Reaktive Schaumstoffe, Kohlenstofffasern und Karbonplatten sind die Materialien, die aus nicht mehr als 132 Gramm wiegenden Spikes mit Titan-Dornen einen Formel-1-Schuh für Sprinter machen: Mit Rückfederung und damit Vorwärtsantrieb.

Blitzschnelle Bahn, rasante Spikes: Davon profitierte auch Italiens Sprint-Olympiasieger Lamont Marcell Jacobs, der über 100 Meter aus dem Nichts in 9,80 Sekunden den Europarekord verbesserte. Unerwartetes befördert in der Leichtathletik aber auch konkrete Zweifel, ob Rekorde und Siege nur auf technischem Fortschritt, Training und Talent basieren - oder ihnen auch mit verbotenen Mitteln nachgeholfen wird.

Coronazeit begünstigte Doping

In der Pandemie gab es Monate, in denen das globale Anti-Doping-System stillstand. "Das hat Türen geöffnet", betont der deutsche Athletensprecher Max Hartung. Das Internationale Olympische Komitee hat im vergangenen halben Jahr mit Hilfe der Internationalen Test-Agentur (Ita) das umfangreichste vorolympische Kontrollprogramm initiiert. Von 25.000 Empfehlungen, welcher Olympiastarter wann, wo und wie oft getestet werden solle, seien laut Ita rund 80 Prozent umgesetzt worden.

Besonders viele Dopingsünder wurden dabei in Nigeria ausfindig gemacht, nämlich zehn Athleten. Ein Fall wie der der Sprinterin und Weitspringerin Blessing Okagbare zeigt, wie mutmaßlich bedenkenlos alles für den illegalen Erfolg eingenommen wird. Sie wurde bei den Tokio-Spielen bei einer Dopingkontrolle positiv auf das menschliche Wachstumshormon getestet und aus dem Starterfeld genommen.

"Ich habe nach den vielen Fällen den Eindruck, dass das Wachstumshormon auf eine wissenschaftlich nicht leicht nachweisbare Weise eine Leistungssteigerung bewirkt und eine Art Ganzkörper-Doping ist", erklärt Doping-Experte Fritz Sörgel. "Es fördert den Fettabbau, was ebenfalls vorteilhaft für die Leistung ist." Es fördert aber auch die Vorstellung, dass trotz aufwendiger Anti-Doping-Maßnahmen vieles im Verborgenen möglich ist.

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