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Olympia 2022

Wie die Zeit verfliegt: Als Schnabl, Innauer und Co. Skisprung-Olympiasieger wurden

Vier österreichische Skisprung-Legenden erinnern sich an ihren jeweils größten Karriereerfolg - und erzählen von vier durchaus unterschiedlichen Wegen zu olympischem Gold.

Sie kommen aus unterschiedlichen Sport-Epochen, doch in einem Punkt sind Karl Schnabl, Toni Innauer, Ernst Vettori und Thomas Morgenstern untrennbar miteinander verbunden: Alle vier sind Olympiasieger im Skispringen - die einzigen vier in der österreichischen Sportgeschichte, die Gold in einem Einzelbewerb gewinnen konnten. ÖSV-Sponsor Volksbank hat das Quartett im Hotel Oberforsthof in St. Johann im Pongau zusammengeführt. Bei einem Kamingespräch wurden Erinnerungen ausgetauscht und Anekdoten erzählt, während über dem lodernden Feuer die vier goldenen Olympiamedaillen im Scheinwerferlicht der TV-Kameras glänzten.

Karl Schnabl, Olympiasieger 1976 in Innsbruck: Das Skispringen verfolgt der mittlerweile 67-Jährige nur mehr als TV-Konsument, seine eigenen Erlebnisse sind aber nach wie vor sehr präsent. "Ich habe die Olympischen Spiele '76 und vor allem meinen zweiten Durchgang sehr bewusst erlebt", erinnert sich Schnabl daran, dass er vor seinem zweiten Sprung auf der Großschanze (damals noch eine 90-Meter-Schanze) geschlagene 30 Sekunden auf dem Zitterbalken gewartet hatte, ehe er bereit zum Sprung war. "Damals gab es noch keine zeitliche Beschränkung, also habe ich ausgeharrt, bis ich das Gefühl hatte, dass der richtige Moment gekommen ist. Ich habe meine innere Ruhe gefunden und war gleichzeitig ganz explosiv", erzählt Schnabl.

Es sollte ein Sprung von Rang drei zur Halbzeit auf Platz eins sein. "Zum Leidwesen von Toni", betont der Olympiasieger von 1976 mit einem fast entschuldigenden Blick in Richtung Toni Innauer, der überlegen geführt hatte und sich am Ende mit Silber trösten musste.

"Was danach passierte, war ein einmaliges Erlebnis. Ich hatte so eine Freude, dass ich eine Migräne bekommen habe. Es war, wie man im Volksmund sagt: Das hält man ja im Kopf nicht aus", erzählt Schnabl. Nur zwei Jahre später beendete der Musterschüler von Trainerlegende Baldur Preiml ("Er hat das Skispringen revolutioniert") seine Sportkarriere mit nur 24 Jahren. Die Zeit war reif für die Karriere danach: Schnabl begann ein Medizinstudium in Innsbruck und promovierte 1984. Zwischendurch gab es sogar ein Comeback bei den ÖSV-Adlern - als Mannschaftsarzt.

Toni Innauer, Olympiasieger 1980 in Lake Placid: Vier Jahre später erfolgte doch noch die Krönung Innauers. Der Vorarlberger siegte auf der Normalschanze in Lake Placid (damals noch eine 70-Meter-Schanze) und empfand das vor allem als große Genugtuung nach der Schmach bei den Heimspielen in Innsbruck. "Damals war ich gerade einmal 17 Jahre alt und hatte vor dem Finalsprung neun Punkte Vorsprung. Richtig viel also, aber ich war auf diese Situation nicht vorbereitet. Ich war völlig abgehoben, hab mir zwischen erstem und zweitem Durchgang ständig überlegt, wie ich für den Olympiasieg daheim in Innsbruck gefeiert werden würde. Diese Gedanken bin ich nicht mehr losgeworden, schließlich habe ich den Sprung versemmelt", kramt Innauer in Erinnerungen. "Etwa ein Jahr habe ich gebraucht, um mich zu ärgern und Ausreden zu finden, bis ich irgendwann eingesehen habe: Charly (Schnabl) war an diesem Tag einfach zu gut."

Innauer lernte aus dieser Erfahrung und den darauffolgenden Verletzungen, die ihn nach seinen eigenen Worten reifer gemacht haben. "Ich habe mir für die Spiele in Lake Placid ein Konzept gemacht. Sollte ich wieder in eine Situation wie in Innsbruck kommen, wollte ich es besser machen. Es allen beweisen, dass ich vorbereitet bin, unter anderem mit Visualisierungen und Meditationen, wie wir es bei Preiml gelernt haben. Er war ein guter Mentor", erzählt Innauer. "Ich wusste, bevor ich überhaupt nach Lake Placid gekommen bin, wie der Schnee riecht. Bei den Olympischen Spielen selbst ist dann nur mehr ein Film in mir abgelaufen, mit den Bildern von meinen Visualisierungen", erinnert sich Innauer.

Olympiagold war schließlich auch ein Sieg über die eigene (nicht immer recht angepasste) Persönlichkeit. "Ich war sicher nicht der Einfachste in jungen Jahren, vielleicht weil auch alles so schnell gegangen ist. Ich war Quereinsteiger, mit 11 habe ich zu springen begonnen, mit 15 war ich bei meiner ersten WM dabei", betont Innauer. Mit nur 22 Jahren war die vielversprechende Karriere aufgrund einer Knöchelverletzung schon wieder vorbei, die Lust am Siegen aber noch nicht erloschen. Olympiasieger wurde Innauer schließlich auch noch einmal als Trainer ...

Ernst Vettori, Olympiasieger 1992 in Albertville: ... und zwar an der Seite von Vettori, den er erfolgreich vom Parallel- auf den V-Stil umgestellt hatte. "Im Gegensatz zu Schnabl und Innauer habe ich zwei Olympische Spiele lang bloß ,trainiert'. Sowohl in Sarajevo als auch in Calgary war ich nicht in Form. Außerdem gab es Wind und das hat mich aus dem Konzept gebracht. Dennoch war es immer mein Antrieb, meinen Idolen - von Willi Pürstl über Karl Schnabl bis hin zu Edi Federer - nachzueifern", sagt Vettori. Eigentlich sei sein Ziel gewesen, einmal auf dem Bergisel mitspringen zu dürfen. Dass er einmal Olympiasieger werden würde, das hätte sich Vettori damals nicht einmal getraut zu träumen.

"Albertville waren für uns fast mystische Spiele. Ernst hatte dieselbe Startnummer wie ich in Lake Placid, mental war er perfekt vorbereitet. Durch dieses spirituelle Denken hat das Ganze eine enorme Kraft entwickelt", erinnert sich Innauer, damals ÖSV-Cheftrainer. Vettori führt den Gedanken weiter aus: "Ich wusste, wenn ich meine besten Sprünge mache, gewinne ich eine Medaille. Deshalb war bei diesen Spielen trotz des Rummels rundherum bei mir von Anfang an eine gewisse Gelassenheit da."

Weniger spirituell, sondern einfach nur wild war schließlich die Goldmedaillenfeier: "Eine Riesenparty, weil das für uns alle eine große Erlösung war. Danach hatten wir, glaube ich, fünf Tage Hausverbot im Österreicher-Haus", erzählt Innauer mit einem breiten Grinsen. Und auch darauf ist Vettori stolz: Der 57-jährige Tiroler ist der letzte Skisprung-Olympiasieger, der seine Ski noch selbst gewachst hat.

Thomas Morgenstern, Olympiasieger 2006 in Turin: Als bislang letzter österreichischer Goldmedaillengewinner in einem olympischen Einzelbewerb trug sich Morgenstern in die Geschichtsbücher ein. Doch die Erfolgsgeschichte des damals 19-jährigen unbekümmerten Kärntners beginnt nicht vertikal auf dem Siegertreppchen, sondern horizontal im Wachscontainer. Morgenstern lag mit Schnappatmung flach - und wieder kommt Toni Innauer, mittlerweile ÖSV-Sportdirektor, ins Spiel. "Er hat mir dabei geholfen, meine Atmung mit Übungen zu kontrollieren, um so runterzukommen. Im Skispringen gibt es leider kein Allheilmittel, man muss immer wieder nach neuen Lösungen suchen", erklärt Morgenstern. Es war vergebens.

Auf der von ihm bevorzugten Normalschanze belegte er nur Rang neun, auch weil er Pech mit dem Wind hatte. "Ich habe regelrecht durchgedreht im Auslauf, so verärgert war ich", erinnert sich Morgenstern. Die Lösung diesmal: "Wir sind feiern gegangen. Und wie! Frustfeiern, um die Festplatte zu formatieren", verrät Morgenstern pikante Details. Wenige Tage später flog er auf der Großschanze zu Olympiagold, mit dem kleinstmöglichen Vorsprung von 0,1 Punkten vor seinem Freund und Zimmerkollegen Andreas Kofler. "Ich ziehe heute noch den Hut, wie er die Situation respektiert hat", sagt Morgenstern. "Wären wir ex aequo gewesen, würden wir heute zu fünft hier vor dem Kamin sitzen. Vielleicht dann ja bei unserem nächsten Treffen - nach einem hoffentlich österreichischen Sieg bei den Olympischen Spielen in Peking."

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