Triathlon

"Wir werden oft als Eindringlinge wahrgenommen"

Salzburgs Triathleten nähern sich kontinuierlich der Weltspitze. Trainer Anton Kesselbacher erklärt, wie innovative Lösungen einen Vorsprung bringen und wo noch Aufholbedarf besteht.

Anton Kesselbacher betreut Lukas Hollaus seit 14 Jahren. SN/privat
Anton Kesselbacher betreut Lukas Hollaus seit 14 Jahren.

Anton Kesselbacher führt Salzburgs beste Triathleten Lukas Hollaus, Lukas Pertl und Philip Pertl als Trainer Richtung Weltspitze. Die "Salzburger Nachrichten" erreichten den 55-Jährigen im Trainingscamp in Fuerteventura und sprachen mit ihm über sein aus der Not geborenes "österreichisches System", den Kampf um Sportstätten und kürzlich erfolgte Ehrungen.

Sie wurden vom Salzburger Triathlonverband als Trainer des Jahres und vom Bundesverband als herausragende Trainerpersönlichkeit der letzten Jahre geehrt. Welchen Stellenwert haben diese Auszeichnungen für Sie? Anton Kesselbacher: Das bedeutet mir viel. Vor allem, dass der Bundesverband bei der erstmaligen Vergabe des Preises an mich gedacht hat, freut mich sehr.

Was war Ihr persönliches Highlight im Sportjahr 2019? Die Stabilität von Lukas Hollaus. Er hat sich konsequent an der Weltspitze behauptet und ist dort jetzt voll angekommen.

Wie schätzen Sie seine Chancen ein, im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio teilzunehmen? Lukas hat sich eine sensationelle Ausgangslage geschaffen und hat keinen Druck, noch mit aller Gewalt Punkte sammeln zu müssen. Wir können schon jetzt die Vorbereitung auf Tokio angehen und einiges testen. Das hat es in der Konstellation österreichischer Triathlet mit österreichischem Trainer so noch nicht gegeben.

Ihr ehemaliger Schützling Andreas Giglmayr qualifizierte sich für Olympia 2012 und belegte in London den 40. Platz. Was war damals anders? Unsere Wege haben sich ja einige Jahre vorher getrennt. Ich habe ihm nicht mehr weiterhelfen können. Er hat sich dann über eine internationale Trainingsgruppe qualifiziert. Lukas Hollaus beweist jetzt, dass man es heute auch aus einem österreichischen System heraus schaffen kann.

Was zeichnet Ihr System denn aus? Da wir in Österreich kaum auf Erfahrungen zurückgreifen können, müssen wir kreativ sein. Die große Herausforderung ist, dass die Athleten in der ganzen Welt unterwegs sind. Sie immer zu begleiten spielt es aus finanziellen Gründen nicht. Wir setzen daher auf Hightech-Lösungen, die es möglich machen, das Training trotz räumlicher Distanz zu steuern, zu optimieren und individuell abzustimmen. Jeder hat so die Möglichkeit, das Beste aus seinen Fähigkeiten zu machen.

Wie sieht diese Arbeit im Detail aus? An der Universität habe ich vor 18 Jahren ein Analysesystem entwickelt, mit dem die Überbelastung gemessen und die Regeneration optimiert werden kann. Nach vielen Jahren der Weiterentwicklung können wir heute auf viele Biodaten zurückgreifen und sehr viel kontrollieren. Ich kann mich sogar live in den Status meiner Sportler einwählen - wenn sie es zulassen. Training 4.0 ist in vielen Sportarten auf dem Vormarsch und wird in ein paar Jahren State of the Art sein. Wir haben da jetzt schon einen Vorsprung, quasi aus der Not heraus.

Ist diese Not vor allem eine finanzielle? Nicht nur. Wir haben zum Beispiel großen Bedarf an einer individuellen Betreuung durch Physiotherapeuten bei Wettkämpfen und Trainingslagern. Das würde uns noch einmal nach vorn bringen. Um das zu finanzieren, reicht die Unterstützung des Bundesheers oder des Triathlonverbands nicht aus. Es gäbe da aber Gelder aus einem Fördertopf (Anm.: Medical Pool). Diese werden aber nicht wahrgenommen. Ich kämpfe da schon lange.

Welche Rahmenbedingungen fehlen zudem, um sich den Weltbesten noch weiter zu nähern? Wir haben gute Trainingsmöglichkeiten im ULSZ Rif und mit dem Ausdauerlabor der Universität einen tollen Partner für Leistungstests. Schwimmbahnen zu reservieren ist in Salzburg aber immer ein Kampf. Wir werden in den Sportstätten oft als Eindringlinge wahrgenommen. Und das, obwohl wir im Gegensatz zu anderen Sportarten auf Olympianiveau unterwegs sind. Das geht aber unter.

Wo haben Ihre Athleten noch Aufholbedarf? Das wichtigste Thema ist immer das Schwimmen. In Salzburg sind die Möglichkeiten nicht da. Unsere Sportler wachsen nicht als Schwimmer auf, kommen erst mit zwölf oder 13 Jahren zum Triathlon. Da mit dem Schwimmen anzufangen ist im Vergleich zu den weltbesten Nationen zu spät.

Als Sportwissenschafter arbeiten Sie als Diagnostiker. Wie lautet Ihr Befund des Sommersports in Österreich? Man sieht an den sensationellen Ergebnissen in der Leichtathletik oder bei einzelnen Ausdauersportlern, was möglich ist. Meistens sind das aber Insellösungen mit innovativen Trainern. System sehe ich da leider keines dahinter. Ich hätte jedenfalls einige Ideen, denn eines ist klar: Ohne Innovation hast du heute keine Chance.


Zur Person
Der gebürtige Steirer Anton Kesselbacher, 55, ist seit über 25 Jahren Triathlon-Trainer in Salzburg. Als Sportwissenschafter und ABIOS-Geschäftsführer macht er sein Analysesystem für jedermann (ABIOS.coach) zugänglich.

Quelle: SN

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