Wintersport

Allrounder sterben aus - Giger: "Zweieinhalb Disziplinen"

Im alpinen Ski-Weltcup der Herren sind die echten Allrounder praktisch ausgestorben. Indem er den Drei-Disziplinen-Fahrer groß gemacht hat, hatte Ex-ÖSV-Erfolgstrainer Anton "Toni" Giger wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung. Mittlerweile ist aber auch dieser Typus fast verschwunden. "Jetzt eigentlich, das zeigt der Marcel Hirscher, reichen zweieinhalb Disziplinen", sagte der Salzburger.

Hirscher reichen eigentlich zwei Disziplinen SN/APA (AFP/Getty/Archiv)/TOM PENNI
Hirscher reichen eigentlich zwei Disziplinen

Für die Rennen in Gröden und Alta Badia ist auch heuer wieder die "Südtirol Ski Trophy" ausgelobt worden. Die Menge der Athleten, die die vier Events - Super-G, Abfahrt, Riesentorlauf und Parallel-RTL - überhaupt bestreiten könnten, wird aber immer kleiner. Das liegt zum einen an den nicht unkomplizierten Teilnahmebedingungen der FIS für den Parallel-Riesentorlauf, zum anderen schlicht am immer weiter fortschreitenden Spezialistentum.

"Die Voraussetzungen werden immer anspruchsvoller", erklärte 2017-Trophy-Gewinner Aleksander Aamodt Kilde. Der Norweger war einer von einer Handvoll Athleten, die im vorigen Jahren an allen vier Südtirol-Rennen teilnahmen. "Es fehlt einfach die Zeit. Es geht sich nicht aus, die schnellen und die technischen Disziplinen ausreichend zu trainieren", betonte der 26-Jährige.

Noch bis weit in die 1990er-Jahre dominierten Allrounder, die von Abfahrt bis Slalom jede Disziplin beherrschten, unter den Weltcup-Gesamtsiegern. Pirmin Zurbriggen, Marc Girardelli, Kjetil Andre Aamodt und Lasse Kjus waren die überragenden Figuren, Bode Miller schon ein Nachzügler. Denn als der US-Amerikaner 2004/05 und 2007/08 seine beiden großen Kugeln gewann, hatte sich bereits das Modell des Drei-Disziplinen-Fahrers durchgesetzt, das im Wesentlichen eine österreichische Erfindung war.

Das kam daher, dass Toni Giger Mitte der 1990er-Jahre, als er erfolgreich als Europacup-Trainer tätig war, mit einer heiklen Mission betraut wurde. ÖSV-Herrenchef Werner Margreiter, erzählte Giger im APA-Gespräch, habe ihn gebeten, eine Strategie zu entwickeln, damit Österreich wieder den Gesamtweltcup-Sieger stellt. Schließlich wartete die Ski-Nation damals seit 1969/70 auf einen Nachfolger von Karl Schranz.

"Ich habe dem Werner dann gesagt: Ich glaube, dass du vier Disziplinen schwer unter einen Hut bringst. Wieso probieren wir es nicht mit drei Disziplinen?", erinnerte sich Giger. "Wir haben dann zwei Ansätze gehabt: Slalom, Riesentorlauf, Super-G, und wir haben probiert Riesentorlauf, Super-G, Abfahrt." Die Speed-lastigere Gruppe, die um das Zugpferd Hermann Maier aufgebaut wurde, übernahm Giger selbst im Weltcup. Die WC3 mit Maier, Andreas Schifferer, Stephan Eberharter oder Hans Knauss eilte fortan von Sieg zu Sieg.

Ein hilfreicher Umstand sei damals die Entwicklung hin zu immer weiteren Torabständen im Riesentorlauf gewesen, erklärte Giger, der 1999 zum Herren-Rennsportleiter befördert wurde. "Der Riesentorlauf hat damals einen Torabstand gehabt von 28 bis 32 Meter." Riesentorlauf, Super-G und Abfahrt waren sich also nicht so unähnlich.

Die endgültige Umkehr dieses Phänomens kam 2012/13 mit der Erhöhung des Radius bei Riesentorlauf-Skiern auf 35 Meter. "Da ist der Riesentorlauf irrsinnig trainingsintensiv geworden, und das hast du aus dem Grund fast nicht mehr unter einen Hut gebracht", sagte Giger. "Vor allem in der Ausbildung von den jungen Athleten ist das zum Problem geworden. Im Europacup hast du kaum mehr Athleten gehabt, die in den Speed-Disziplinen und im Riesentorlauf gut dabei waren."

ÖSV-Talente wie Matthias Mayer, Max Franz und Vincent Kriechmayr seien so als Drei-Disziplinen-Allrounder verloren gegangen. "Über die Jahre, wo der 35-Meter-Radius war, haben sie sich natürlich spezialisieren müssen zwangsläufig", erläuterte Giger. Und mittlerweile müssten sie quasi von vorne beginnen, da die Entwicklung wieder zurück zu einem kürzeren Radius gegangen ist.

Die letzten "echten" Allrounder, die in allen Disziplinen regelmäßig am Start und höchst erfolgreich waren, hießen Miller, Ivica Kostelic und Benjamin Raich. Heute greifen Techniker wie Marcel Hirscher, Ted Ligety oder Alexis Pinturault fast nur mehr für Kombi-Bewerbe zu den langen Skiern.

"Von der Grundausbildung im Nachwuchs hat der Marcel alles, der ist ja dort Speed gefahren", betonte Giger, der seit 2010 die Abteilung für Entwicklung, Forschung und Innovation im ÖSV leitet. "Er hat die Option, dass er, wenn der Hut sozusagen brennt punktemäßig, Super-G fahren kann. Er kann eine Kombi vorne mitfahren. Das heißt, das dritte Standbein hätte er, aber er setzt es halt taktisch nur dann ein, wenn er muss."

Quelle: APA

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