Wintersport

Bernhard Russi: "Der Skizirkus betreibt Inzucht"

Interview mit einer lebenden Legende: Der Schweizer Bernhard Russi über Sicherheit im Skisport, die Zukunft der Abfahrt und sein legendäres Duell mit Franz Klammer.

Bernhard Russi macht sich viele Gedanken über den Skisport.  SN/gepa
Bernhard Russi macht sich viele Gedanken über den Skisport.

Grödnertal: Dieser Ort hat für den Schweizer Bernhard Russi eine besondere Bedeutung: Hier ging 1970 mit seinem WM-Sieg sein Stern auf. Bis heute ist Russi dem Skisport eng verbunden, als Planer und Bauer fast aller Olympia-Abfahrten, bis zur Heim-WM in St. Moritz auch als TV-Kommentator des Schweizer Fernsehens, noch immer als Kolumnist der Tageszeitung "Blick" und letztlich auch als stets gehörter Berater der FIS. Die SN trafen Russi zum Exklusivinterview - natürlich bei Speck und Rotwein im Grödnertal.

Mit welchen Erinnerungen kommen Sie denn hierher? Bernhard Russi: Immer wieder mit bewegenden. Der 15. Februar 1970, der Tag, an dem ich Gold gewonnen habe, ist mein zweiter Geburtstag. Es gibt so Tage, da nimmt das Leben einfach eine Abzweigung und einen anderen Verlauf. Das war für mich dieser Tag.

Sie waren Abfahrtsweltmeister mit 22. Das ist heute undenkbar. Was hat sich im Skisport verändert, dass das heute undenkbar ist? Das ist eine Sache der Sportwissenschaften. Es ist heute möglich, eine Karriere viel länger hinauszuziehen, weil das Training, speziell im Sommer, ungleich professioneller ist. Dazu kommen die Bereiche Rehabilitation und die Vorbeugung. Und es ist halt schwierig, den Ernstfall Abfahrt zu trainieren. Was in einem Weltcuprennen passiert, das kann man unmöglich im Sommer in Chile simulieren. Dazu haben wir immer mehr Abfahrten, bei denen es gerade einen Trainingslauf zuvor gibt - das alles macht es jungen Läufern nicht einfacher.

Nach dem tödlichen Unfall von David Poisson ist gerade in Österreich der Ruf nach einer permanenten Trainingsstrecke laut geworden. Eine gute Idee? Das wäre schön, aber es ändert nichts am Grundproblem. Das Grundproblem ist: Wir betreiben hier auf dem Berg eine Hochrisikosportart. Wir gehen davon aus, dass jedes Rennen so gut gesichert ist, dass es keine schweren Unfälle geben kann. Aber wer sagt das? Matthias Mayer wäre vor zwei Jahren hier fast im Rollstuhl gelandet und alles hat sich innerhalb der Netze und ohne Fremdverschulden abgespielt. Zum Fall Poisson: Ich habe in Val d'Isère bei einem Training auf der neuen Damen-Abfahrt in Solaise einen Abflug von Poisson gesehen, den ich nie vergessen werde. Er war zu hoch für die Fangnetze, er war zu hoch für die Bäume, er flog über den Wald hinweg. Dann stirbt er Jahre später bei einer Trainingsfahrt. Wenn es sein muss, dann passiert so etwas auch. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der nach jedem Unfall die Suche nach dem Schuldigen beginnt. Ja, wir finden vielleicht einen Schuldigen, aber wir lösen das Problem nicht.

Wo hat sich der Skisport seit Ihrer Zeit am meisten verändert? Drehen wir die Frage um: Was hat sich nicht verändert? Die Bereitschaft, an seine Grenzen zu gehen. Alles andere hat sich radikal verändert. Da wäre der Kunstschnee, der die Pistenbeschaffenheit verändert hat. Darauf reagiert man mit dem Material. Mit den heutigen Ski wäre man in meiner Zeit nie und nimmer ins Ziel gekommen. Dann die Rennanzüge. Wenn man früher bei Tempo 130 aufgestanden ist, wurde man sofort auf 80 Stundenkilometer abgebremst. Heute fährst du stehend locker 110 Stundenkilometer weiter. Allein deswegen kommst du zu jeder Passage schneller hin.

Haben Sie eigentlich das Gefühl, dass der Skisport gut vermarktet ist? Wir sind immer auf einem sehr hohen Level gewesen, schon zu meiner Zeit. Daher haben wir die TV-Revolution nie mitgemacht. Andere Sportarten wie Biathlon, die früher inexistent waren, haben sich dem unterwerfen müssen, haben sich dadurch aber auch enorm entwickelt. Das hat Vor- und Nachteile.

Mangelt es an Ideen Wir leben doch in einer Inzucht. Jeder, der etwas in diesem Zirkus sagt, ist ja ein Insider, das ist mit ein Problem in diesem Sport. Ein Thema ist, dass wir ein zu unübersichtliches Format bieten. In Gröden schalten die TV-Stationen nach 40 Läufern weg. In welcher Sportart schaltet das TV vor dem Ende ab? Eine Variante sind etwa Sprintabfahrten mit den besten 30 im zweiten Durchgang oder eine Vorqualifikation. Aber da wird einiges kommen, da will ich der FIS noch nicht vorgreifen.

Ihr Duell mit Franz Klammer hat eine ganze Ski-Generation elektrisiert - wie haben Sie das in Erinnerung? In drei Teilen. Zunächst Franz Klammer der Draufgänger. Dann Franz der Unantastbare und dann Olympia 1976. Vor der Abfahrt kam Franz im Starthaus zu mir, gab mir die Hand und sagte: "Der Bessere soll heute gewinnen." Das habe ich vorher und nachher nie erlebt. Dann lag ich in Führung, wartete, bis Klammer kommt. Bei der Zwischenzeit lag Klammer zurück und ich dachte: Ich möchte diese Goldmedaille, aber eigentlich muss sie Klammer gewinnen, das ist eine Art Vorhersehung. So kam es. Aber seit diesem Tag sind wir dicke Freunde.

Aufgerufen am 20.04.2018 um 08:49 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/bernhard-russi-der-skizirkus-betreibt-inzucht-21994495

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