Wintersport

"Das Doppel ist nicht unmöglich"

SN-Kolumnist Fritz Strobl analysiert die Abfahrt des Jahres in Kitzbühel - vor der Österreichs Abfahrer dank Vincent Kriechmayr schon einen Klassiker gewonnen haben.

Vincent Kriechmayr auf der Jagd nach der goldenen Gams.  SN/APA/HANS KLAUS TECHT
Vincent Kriechmayr auf der Jagd nach der goldenen Gams.

Einen Abfahrts-Klassiker haben Österreichs Abfahrer schon geholt - dank Vincent Kriechmayr in Wengen. Kriechmayr hat das Potenzial, dass er es auch hier krachen lässt, das technische Vermögen und Rüstzeug hat er und er mag es auch so eisig und ruppig.

Allerdings gibt es leichtere Aufgaben, als nach Wengen gleich in Kitzbühel mit einem Sieg nachzulegen. Ich kann mich noch gut erinnern: Im Jahr meines Streckenrekords in Kitzbühel war ich unmittelbar davor in Wengen Dritter. Aber keiner wollte bei der Pressekonferenz etwas von mir wissen. Und ich habe mir gedacht: Wartet nur bis Kitzbühel. Mich hat das angestachelt, ich war hungrig nach dem Erfolg. Wenn du aber mit einem Sieg in der Tasche nach Kitzbühel kommst, dann hast du schon etwas erreicht. Ich kann mir vorstellen, dass das mit der Spannung im Körper und dem Energiefluss nicht mehr ganz so leicht ist.

Dabei finde ich, dass es von der Charakteristik der Strecken her zwar große Unterschiede gibt, aber doch Gemeinsamkeiten. Für mich war das Lauberhorn immer eine Art Hassliebe, eine Reise in die Vergangenheit, per Zug zum Start, das war fast ein wenig Nostalgie. Auf der Strecke hast du Zeit, den Rhythmus zu finden. Dagegen geht es in Kitzbühel ab dem Start in drei Sekunden von null auf 100 - zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Unterschiedlicher kann es fast nicht sein.

Und doch: Von der Idee, wie man gewinnt, gibt es Ähnlichkeiten. Da hast du den Hundschopf, die Minsch-Kante, das Brüggli-S, technisch extrem schwierige Passagen, die man durchaus mit Mausefalle, U-Hakerl und dem Steilhang vergleichen kann. Dazu kannst du das Rennen in Kitzbühel am Ende gewinnen, über den Hausberg, die Traverse. Da muss man riskieren, kann aber gewinnen. In Wengen kann man sich auch ganz am Ende im Ziel-S noch Zeit holen. Insofern haben die beiden Strecken tatsächlich Ähnlichkeiten.

Und die Geschichte hat gezeigt: Unmöglich ist das "Doppel" an Siegen nicht, auch wenn es seit Didier Défago vor zehn Jahren keiner mehr geschafft hat.

Aber klar, die Konkurrenz ist groß. Aus dem eigenen Lager wäre da für mich vor allem Matthias Mayer zu nennen. Der hat bei Olympia schon Goldene in Abfahrt und Super G, in Kitzbühel fehlt ihm der Abfahrtssieg noch. Was man sieht: Er hat den nötigen Speed, keine Frage. Aber zu Beginn der Saison ist er noch nicht so reingekommen und er hat immer wieder auch "Aussetzer" und Ausfälle. Dann ist da natürlich Dominik Paris - er liebt solche Bedingungen wie heuer in Kitzbühel, wie er mit zwei Siegen in Bormio bewiesen hat. Er scheint auch nicht alles zu Tode zu analysieren, er weiß um seine Stärke auf technisch anspruchsvollen Pisten.

Im Gegensatz zu Aksel Lund Svindal. Ich war fast überrascht, wie genau er analysiert, wo und warum er gewinnt - und wo nicht, wie eben in Kitzbühel. Das klingt fast danach, als ob er schon vor dem Rennen resigniert, aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Viele Chancen auf den Abfahrtssieg in Kitzbühel wird er nicht mehr haben.

Apropos Chancen: Die Speed-Fahrer haben nur noch Kitzbühel und Garmisch, um auf den WM-Zug aufzuspringen. An sich scheint das österreichische Quartett für Åre gesetzt - Kriechmayr, Mayer, Franz, Reichelt. Mit Sicherheit wird man aber fünf Abfahrer mit nach Schweden nehmen - damit hat jeder noch seine Chance. Wenn man sich noch wo empfehlen kann, dann hier in Kitzbühel. Nur: Man sollte sein Leben und die Gesundheit nicht aufs Spiel setzen, nicht für einen WM-Start. Wenn die Form passt, kommt der von allein.

Fritz Strobl (46) wurde 2002

Olympiasieger in der Abfahrt.

Quelle: SN

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