Wintersport

Lukas Müller: "Der Sturz fällt unter die Rubrik Berufsrisiko"

Skispringer Lukas Müller verunglückte vor einem Jahr am Kulm. Heute kämpft er für ein neues Bewusstsein im Umgang mit Rollstuhlfahrern.

Der Kämpfertyp meistert sein Schicksal: Lukas Müller.  SN/red bull/haschka
Der Kämpfertyp meistert sein Schicksal: Lukas Müller.

Es war der 13. Jänner 2016, der das gewohnte Leben von Lukas Müller auf den Kopf stellte. Der Kärntner stürzte beim Einfliegen zur Heim-WM am Kulm, nachdem er während des Flugs aus dem Sprungschuh gerutscht war. Schon als sein Körper im Auslauf zum Stillstand kam, wusste er, dass ihm Schlimmes drohen würde. Die niederschmetternde Diagnose im Krankenhaus Graz: inkomplette Querschnittslähmung. Wie Müller den heutigen Jahrestag seines folgenschweren Sturzes bestreitet, erzählte der 24-Jährige im SN-Interview.

Ihr Unfall jährt sich zum ersten Mal. Wie präsent sind heute noch die Erinnerungen an den 13. Jänner 2016? Und mit welchem Gefühl gehen Sie in diesen Jahrestag?
Lukas Müller: Ich werde versuchen, den Tag so gut wie möglich zu absolvieren, wie jeden anderen Tag auch. Aber ich kann nicht verleugnen, dass es mir schwerfallen wird. Dieser Tag hat mein Leben in einer einzigen Sekunde verändert. Aber damit beschäftige ich mich nicht nur am Jahrestag, das ist immer sehr präsent. Besonders zäh war es während der Tournee, da sind viele Erinnerungen hochgekommen.

Zum Tourneefinale nach Bischofshofen sind Sie dennoch gekommen . . .
Weil mir das ein persönliches Bedürfnis war. Dort war ich vor einem Jahr noch Vorspringer. Bischofshofen war immer meine Lieblingsschanze, damit verbinde ich viele positive Erinnerungen. Ich habe eine Menge langjähriger Wegbegleiter getroffen. Auch einige von den Vorspringern, die damals am Kulm dabei waren, als ich gestürzt bin. Es war schön, dass sich so viele über ein Wiedersehen gefreut haben. Das hat mir gutgetan und gehört zur seelischen Rehabilitation dazu.

Und wie läuft die körperliche Reha?
Gut. Obwohl man schon dazusagen muss, dass es jetzt nicht mehr um weitere Fortschritte geht, sondern vielmehr darum, dass ich das Plateau, das ich schon erreicht habe, halten kann. Ich baue körperlich sehr schnell wieder ab. Nach meiner ersten, sehr intensiven Reha in Bad Häring konnte ich ja sogar ein paar Schritte gehen, das funktioniert derzeit leider nicht mehr.

Wie oft haben Sie Ihren Sturz analysiert?
Ich bin eigentlich ganz froh darum, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit sehr flach gehalten wird. Wenn etwas passiert, sucht man automatisch nach Gründen. In meinem Fall muss ich mich aber damit abfinden, dass es eine Verkettung von äußerst unglücklichen Umständen war, die zu diesem Unfall geführt hat. Man könnte sagen, ich habe den Jackpot getroffen. Letztendlich fällt der Sturz unter die Rubrik Berufsrisiko.

Heißt das auch, Sie sind finanziell abgesichert?
Jeder Springer hat natürlich eine Versicherung, das ist Vorschrift. Offen ist, ob es sich tatsächlich um einen Arbeitsunfall handelt. Das Ermittlungsverfahren läuft noch, und da hoffe ich schon auf die Unterstützung des ÖSV.

Wann rechnen Sie mit einem Ergebnis?
Ein konkretes Datum gibt es nicht. Unterdessen will ich versuchen, die Versicherungsanstalten aufmerksam zu machen, dass die maximale Versicherungssumme im Fall einer Querschnittslähmung - salopp gesagt - eine Schweinerei ist. Das ist keine Verletzung, die einen fünf oder zehn Jahre begleitet, sondern ein ganzes Leben lang. 450.000 Euro für jemanden, der nie wieder aufstehen kann, sind bei dem finan ziellen Aufwand, den eine Querschnittslähmung mit sich bringt, wenig bis gar nichts. Ich möchte aber betonen, dass es mir dabei nicht um mich persönlich geht. Es geht ums Prinzip und darum, ein neues Bewusstsein zu schaffen.

Sie setzen sich auch als Botschafter beim Wings for Life World Run für Aufklärung ein. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Das sind unglaubliche Erfahrungen. Das Wichtigste beim Wings for Life World Run ist nicht, dass man 20, 30 oder gar 50 Kilometer schafft. Es geht in erster Linie ums Dabeisein. Hier lebt der olympische Gedanke neu auf. Und ganz nebenbei ist das alles für einen guten Zweck, das komplette Startgeld wird von der Wings for Life Stiftung in die Forschung investiert. Die hat es sich zum Ziel gesetzt, eines der letzten großen Geheimnisse der Medizin zu lüften: nämlich Querschnittslähmung heilbar zu machen.

Aufgerufen am 19.09.2018 um 08:46 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/lukas-mueller-der-sturz-faellt-unter-die-rubrik-berufsrisiko-534715

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