Wintersport

Marcel Hirscher: Erst konkurrenzlos, dann sprachlos

Die Konkurrenten sind ihm längst ausgegangen, nun gehen ihm bald die Ziele aus: Hirscher gewinnt zum sechsten Mal en suite den Gesamt-Weltcup und die Kugeln 13 und 14. Was jetzt kommt, weiß er auch noch nicht.

Marcel Hirscher war nach seinem Riesentorlauf-Sieg von Kranjska Gora zwar ausgelaugt, aber trotzdem unbezwingbar – belohnt mit dem sechsten Sieg im Gesamtweltcup. SN/apa
Marcel Hirscher war nach seinem Riesentorlauf-Sieg von Kranjska Gora zwar ausgelaugt, aber trotzdem unbezwingbar – belohnt mit dem sechsten Sieg im Gesamtweltcup.

Den Moment, auf den er so lange hingearbeitet hat, bekam er anfangs gar nicht mit. Erst als ihn eine FIS-Sprecherin darauf aufmerksam gemacht hat, dass er als erster Skifahrer in der Historie eben zum sechsten Mal in Folge den Gesamt-Weltcup gewonnen habe, da reagierte Marcel Hirscher ebenso verblüfft wie schlagfertig. "Auch keine schlechte Nachricht."

Am Ende einer langen Saison hat Marcel Hirscher wieder einmal alles gewonnen und darob für einen Moment die Sprache verloren. "Ich muss das jetzt alles einmal setzen lassen. Ich bin im Moment fast sprachlos", meinte er danach. "Was das alles heißt, werde ich erst später einmal begreifen."

Sechster Weltcup-Gesamtsieg in Folge - das klingt schon bald nach Alltag.

Und doch gibt es heuer einen ganz signifikanten Unterschied: Duellierte sich Hirscher früher bis zur Ziellinie mit der Konkurrenz, ging ihm diese im Laufe des Winters regelrecht aus. Vor allem die direkten Herausforderer Alexis Pinturault und Henrik Kristoffersen, die die ersten Wochen des Weltcups geprägt haben, wurden von Hirscher ab Weihnachten stückweise demontiert. Beide wirkten im Finish regelrecht entnervt. Beide gingen als hohe Favoriten bei der WM leer aus (sieht man von Pinturaults Teamgold für Frankreich ab) und waren im Weltcup am Ende völlig neben der Spur.

Pinturault leistete sich in Kranjska Gora im Riesentorlauf einen Ausfall, weswegen Hirscher auch die Riesentorlauf-Kugel am Samstag gewinnen konnte - Kugel Nummer 13. Kristoffersen konnte sich im sonntägigen Slalom nicht für den zweiten Durchgang qualifizieren, weswegen Hirscher auch die Slalom-Kugel gewinnen konnte - Kugel Nummer 14.

Der Rest kam gar nicht in Schlagdistanz. Kjetil Jansrud war zu unbeständig, dessen Landsmann Aksel Lund Svindal wurde wieder einmal von einer Verletzung gebremst.

Ein wenig Glück und sehr viel Arbeit

Als Hirscher seine Worte wiedergefunden hatte, da fand er auch noch zwei wesentliche Punkte in seiner Karriere, die dafür Voraussetzungen waren: Das eine ist das Fehlen von Verletzungen, das andere ein Team hinter Hirscher, das seit Jahren Maßstäbe setzt.

"Es ist sicher auch Glück dabei, wenn man so lange von Verletzungen verschont bleibt", sagte er, auch das "eine Voraussetzung, um überhaupt um den Weltcup mitfahren zu können. Denn zwei Mal krank in einem Winter oder ein gebrochener Finger und es schaut anders aus."

Mag das auch mit Glück zu tun haben, so ist Erfolgsfaktor zwei auf unermüdliche Arbeit zurückzuführen. Das Team hinter Hirscher, von Trainer Mike Pircher über Trainervater Ferdinand und die Physiotherapeuten bis zu den Servicemännern Thomas Graggaber und "Mastermind" Edi Unterberger, arbeitet mehr und detailreicher am Erfolg als alle anderen. Das zeigten auch die Tage vor Kranjska Gora eindrucksvoll: Da simulierte man die zu erwartende Salzpiste in Slowenien auf der Reiteralm. Erst wurde die Piste fünf, sechs Stunden gewässert, dann sackweise mit Salz bearbeitet und quasi ruiniert - Bedingungen, wie sie Hirscher nun am Wochenende vorgefunden hat. "Eigentlich krass, dass mir die Reiteralm die Möglichkeit gegeben hat, denn die Piste ist jetzt vermutlich hin", meinte er selbst staunend. Aber so konnte er sich nicht nur auf die Verhältnisse einstellen, er testete auch die passenden Ski heraus. "Weil meine Rennski verwende ich da nicht."

Es sind derartige Details, die Hirscher im Laufe der Jahre zu dem gemacht haben, was er seit diesem Wochenende ist: der erfolgreichste Läufer der Weltcup-Geschichte, sechsfacher Weltmeister und sechsfacher Gesamt-Weltcup-Sieger, und das alles mit erst 28 Jahren.

Wer soll Hirscher stoppen?

Da drängt sich schon fast die Frage auf: Wer soll denn im kommenden Jahr Hirscher auf dem Weg zur siebenten Weltcup-Kugel hintereinander fordern oder stoppen? Und vor allem: Was ist noch eine Herausforderung für ihn?

Fragen, die er später beantworten will. "Jetzt kommt erst das Finale." Dort fährt er hin, um die Rennen "zu genießen und mir die ganzen Kristallkugeln abzuholen". Es folgt ein Urlaub und "dann werde ich mir im Sommer Gedanken machen, wie es weitergeht".

Viel Auswahl hat er nicht: Seine Alternativen heißen "Aufhören oder Olympia", wie er selbst sagt. Man darf als gesichert annehmen, dass die Entscheidung Olympia heißen wird: Denn Olympia-Gold fehlt ihm noch, das soll im Februar 2018 in Südkorea her, ansonsten wäre die Karriere unvollendet. "Sollte es nicht sein, fehlt halt dieses Detail", sagte er am Wochenende locker.

Doch spätestens in einem Jahr wird man sich ganz genau erinnern müssen, dass Hirscher schon in diesem Winter häufiger als früher "vom Aufhören" und von "den Tagen später einmal" sprach. Dass er erst 28 ist, hat damit nichts zu tun. "Ich fahre seit zehn Jahren im Weltcup und lange auf diesem Niveau, das ist eine lange Zeit, die auch nicht spurlos vorübergeht."

Kaum vorstellbar, was Hirschers Rücktritt für den österreichischen Skisport bedeuten würde.

Aufgerufen am 21.06.2018 um 06:26 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/marcel-hirscher-erst-konkurrenzlos-dann-sprachlos-212842

Die Bauprofis seit 40 Jahren

Ihre Leistungen sind überall in Salzburg und weit darüber hinaus sichtbar. Wessen Arbeit aber tatsächlich dahintersteht, wissen die wenigsten, denn Bautechniker arbeiten im Hintergrund. Sie planen, …

Meistgelesen

    Schlagzeilen

      SN.at Startseite