Wintersport

Michael Hayböck: "Wir haben mit stumpfen Waffen gekämpft"

Mit Zuversicht starten Österreichs Skispringer am Wochenende beim Weltcup in Wisla in die neue Saison, in der alles anders werden soll als im sieglosen Olympiawinter.

Michael Hayböck.  SN/gepa
Michael Hayböck.

Michael Hayböck bringt nichts so schnell aus der Ruhe. Der gebürtige Oberösterreicher, seit Kurzem Wahlsalzburger, ist stets mit Bedacht und Vernunft unterwegs, auf und abseits der Schanze. Nur in der vergangenen Saison wurde auch Hayböck einmal so richtig unrund. Im SN-Interview wirft der 27-jährige ÖSV-Skispringer noch einmal einen kritischen Blick zurück auf die vergangene Pleiten-, Pech- & und Pannensaison und erklärt, wie er sich in diesem Winter wieder in die richtige Balance bringen will.

Die neue Saison hat noch gar nicht richtig begonnen und Sie haben schon einen Titel geholt: Österreichischer Meister von der Normalschanze. War der Sommer besser als der letzte Winter? Hayböck: Es war in jedem Fall ein spannender Sommer. Mit einem komplett neuen Trainerteam, mit Umstellungen auf allen Ebenen, im Training, beim Material, alles resultierend aus den Erfahrungen der vergangenen Saison. Wir haben gesehen, dass wir in mehreren Bereichen nicht mehr vorn dabei sind. Was mich persönlich betrifft, hatte ich im Sommer lange nicht das Gefühl, dass ich mein Paket beisammenhabe. Weil eben so vieles neu war, musste man sehr viel investieren, aber jetzt merke ich, dass die Feinabstimmung besser wird und sich die Arbeit bezahlt macht. Meine Sprünge werden konstanter, die Form stimmt. Der erste Lohn dafür war bei den Österreichischen Meisterschaften der Titel.

Nicht belohnt wurde man im vergangenen Winter. Das ÖSV-Team blieb ohne Weltcupsieg und ohne Olympiamedaille. Was ist passiert Mein Eindruck war, dass wir von Anfang an der Konkurrenz hinterhergelaufen sind, ohne genau zu wissen, was uns fehlt. Obwohl wir alles probiert haben, haben wir am Ende doch nur mit stumpfen Waffen gekämpft. Wenn man dazu ständig auf die anderen schaut und nicht mehr auf sich, verbraucht man irrsinnig viel Energie. Das hat dazu geführt, dass wir in diese Abwärtsspirale gekommen sind. Dass jeder mit sich selbst unzufrieden war, hat der Mannschaftssituation auch nicht geholfen.

Wie kommt man aus dieser misslichen Lage heraus Wir haben gut analysiert, viele Gespräche geführt und ich bin verletzungsfrei durch den Sommer gekommen. Das ist einmal die Basis. Das neue Trainerteam rund um Andreas Felder hat dazu viele neue Reize gesetzt. Obwohl ich Heinz (Kuttin) mag und ihn sehr schätze, war dieser Trainerwechsel wichtig und richtig. Ich bin überzeugt, dass es so etwas wie einen Trainereffekt nicht nur im Fußball, sondern auch beim Skispringen gibt.

Was haben Sie sich selbst vorzuwerfen Eine schwierige Frage. Ich weiß, dass ich bis zum Schluss gekämpft habe, alles probiert habe. Bei den Olympischen Spielen war ich nahe an einer Einzelmedaille dran, insofern habe ich mir nichts vorzuwerfen. Außer vielleicht: dass ich am Ende selbst die Ruhe verloren habe. Normalerweise passiert mir das nicht, bin ich die Ruhe in Person, aber das ist der Gesamtsituation geschuldet gewesen.

Sie sind seit vielen Jahren im Weltcup dabei. Ist Skispringen komplizierter geworden seit Ihren Anfängen Ja, sehr viel komplizierter. In meiner ersten Weltcupsaison gab es Reglements beim Gewicht und beim Anzug, der Rest war Skispringen. Was da heute teilweise für ein Trara gemacht wird mit dem Material und bei den Kontrollen, macht es für die Athleten nicht leichter. Früher habe ich mich drei Luken vor dem Balken sprungfertig gemacht, jetzt muss ich 20 Luken weiter oben die Keile in die Sprungschuhe geben und darf mich selbst nicht mehr angreifen, um mich am Vorstart vermessen zu lassen. Du konzentrierst dich nur noch darauf, keinen falschen Handgriff zu machen, um ja nicht disqualifiziert zu werden, und nicht mehr auf deinen Sprung. Man muss ehrlicherweise aber auch dazusagen: Skispringen ist zwar komplizierter, aber mit Sicherheit auch fairer geworden.

Zum Abschluss noch die Frage nach der Heim-WM: Wie präsent ist Seefeld 2019 schon für Sie Das ist noch sehr weit weg. Dennoch ist es etwas Besonderes, etwas Einzigartiges in einer Sportkarriere, weil die nächste nordische WM in Österreich vielleicht erst in 20 Jahren stattfindet. Im Skispringen ist es extrem schwierig, langfristig zu planen, aber das Ziel wäre natürlich, in Seefeld in Topform zu sein. Eine Medaille wäre großartig und die wahrscheinlich beste Antwort auf den letzten Winter.

Aufgerufen am 16.10.2019 um 12:09 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/michael-hayboeck-wir-haben-mit-stumpfen-waffen-gekaempft-60752584

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