Wintersport

Prozess: Charly Kahr wehrt sich gegen massive Vorwürfe

Für Ex-ÖSV-Trainer Karl Kahr hagelte es vor Gericht Anschuldigungen wegen Missbrauchs. Annemarie Moser-Pröll verteidigte ihn jedoch.

Ex-ÖSV-Trainer Karl Kahr. SN/APA/BARBARA GINDL
Ex-ÖSV-Trainer Karl Kahr.

Im Bludenzer Bezirksgericht blieb Prozessbeobachtern angesichts der massiven Vorwürfe gegen den früheren ÖSV-Trainer Karl "Charly" Kahr wiederholt der Mund offen: Kahr hatte Privatanklage gegen eine frühere Vorarlberger Skirennläuferin und deren Gatten wegen übler Nachrede eingebracht.

Zuerst ging es darum, dass die beiden Angeklagten in SMS und WhatsApp-Nachrichten an Österreichs Jahrhundertsportlerin Annemarie Moser-Pröll im Dezember 2017 und Jänner 2018 geschrieben hatten, dass Kahr in den 60er- und 70er-Jahren als Trainer junge Rennläuferinnen sexuell missbraucht haben soll. Moser-Pröll leitete die Nachrichten prompt an Kahr weiter. Der mittlerweile 85-Jährige klagte über Anwalt Manfred Ainedter.

Im Prozess betonten die inzwischen 65-jährige Vorarlberger Ex-Skiläuferin und ihr Mann dann, dass Kahr, der gefasst im Anzug vor Gericht erschien, einst sogar sechs unter seinen Trainer-Fittichen stehende Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren missbraucht, teils sogar vergewaltigt haben soll. Der 60-jährige mitangeklagte Ehemann der Ex-Skisportlerin wörtlich: "Namentlich weiß ich, dass Kahr Annemarie Moser-Pröll, dann meine Gattin sowie eine weitere einstige Läuferin missbraucht hat." Von weiteren drei angeblich missbrauchten Mädchen habe er sich "die Namen nicht gemerkt" - diese kenne aber Nicola Werdenigg. Die Tiroler Ex-Skirennläuferin hatte 2017 erstmals Missbrauchsvorwürfe innerhalb des ÖSV in den 70er-Jahren erhoben.

Auf die Frage der Richterin, woher der Gatte sein Wissen über die angeblichen Übergriffe beziehe, antwortete er: "Von meiner Frau. Das war ständig Thema daheim. Es gab damals Entjungferungen, schwere sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen - alles durch Kahr." Ebenso brisant : Die Angeklagte gab an, dass Kahr sie sexuell mehrmals attackiert haben soll.

Kahrs Anwalt wies sämtliche Anschuldigungen schärfstens zurück. Dann zitierte er aus einer der inkriminierten WhatsApp-Nachrichten der angeklagten Ex-Skirennläuferin (65), die die Vorarlbergerin an ihre ehemalige Zimmerkollegin Moser-Pröll im Jänner 2018 schrieb - samt eines Fotos von Kahr: "Dein Entjungferer Charly - Du warst noch keine 16 Jahre alt." Der Ehemann der einstigen Zimmerkollegin Moser-Prölls habe Moser-Pröll geschrieben, sie solle sich "schämen, den Kahr in Schutz zu nehmen". Dieser habe "Skifahrerinnen missbraucht und gebrochen".

"Wie haben Sie von diesen Nachrichten erfahren?", fragte die Richterin Charly Kahr. Antwort: "Frau Moser-Pröll hat mich informiert. Ich habe niemals solche Dinge getan." Er habe "nie eine Rennläuferin missbraucht oder vergewaltigt". Warum die Angeklagten das behaupten, wisse er nicht. Kahr: "Ich habe Annemarie Moser-Pröll nicht entjungfert. Oder missbraucht." Das bestätigte diese dann selbst: Sieben Stunden nach Prozessbeginn wurde Annemarie Moser-Pröll vernommen.

Die Kleinarlerin (65) gab an, die besagten Nachrichten von den beiden Angeklagten erhalten zu haben. "Für mich war das so furchtbar, weil ich da in etwas hineingedrängt worden bin, worüber ich überhaupt nichts sagen kann." Sie habe nie etwas mitbekommen von Missbrauch: "Dass Charly Kahr da einfach beschuldigt wird und auch in anderem Zusammenhang ein Toni Sailer - das hat mich schockiert. Die haben so viel für uns Mädchen getan." Und: "Ich wurde weder von Charly Kahr entjungfert noch sexuell missbraucht." Auf die Frage der Richterin nach einem möglichen Motiv sagte Moser-Pröll: "Vielleicht weil meine Schwester (Evi, damals auch im Damenskikader, Anm.) damals den Vorzug gegenüber ihr bekam, zu den Amerikarennen zu fahren." Das, so die Zeugin, dürfte die Angeklagte nicht verkraftet haben.

Zurück zur Anklage: Der Anwalt des beschuldigten Paares betonte, dass der Tatbestand der üblen Nachrede den Angeklagten nicht anzulasten sei: "Die WhatsApp, in denen Kahr des unehrenhaften Verhaltens bezichtigt wird, waren ja gar nicht an dritte Personen gerichtet, sondern nur an Moser-Pröll."

Die angeklagte Ex-Rennläuferin konkretisierte ihre Vorwürfe gegen Kahr: "Ich habe mit meinen WhatsApp der Annemarie sagen wollen, dass sie sich doch bitte erinnern soll, was passiert ist. Sie hat mir 1969, als sie in unser Zimmer kam, erzählt, dass der Charly gerade mit ihr Geschlechtsverkehr hatte." Auf die Frage der Richterin, ob sie, die Angeklagte, den Eindruck gehabt habe, Moser-Pröll habe die angebliche Entjungferung gewollt, sagte die 65-Jährige: "Das weiß ich nicht. Mir ist nur vorgekommen, dass sie ab diesem Zeitpunkt den Kahr irgendwie in der Hand hatte." Im Übrigen sei es ihr "unerklärlich, warum Annemarie mit diesen WhatsApp, in denen ich ihr schreibe, sie soll doch sagen, dass Kahr sie entjungfert und andere Mädchen missbraucht hat, an die Öffentlichkeit gegangen ist".

Um 23.15 Uhr wurde der Prozess auf unbestimmte Zeit vertagt. Die Richterin Daniela Flatz will noch weitere Zeuginnen befragen.

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