Wintersport

Rennleiter Axel Naglich: "Die Streif ist ja mein Baby"

Der Rennleiter der Hahnenkammrennen über Risiko, Stürze, die Liebe zur Streif und die Lust am Tempo.

Rennleiter Axel Naglich auf „seinem“ Hahnenkamm in Kitzbühel. SN/gepa pictures
Rennleiter Axel Naglich auf „seinem“ Hahnenkamm in Kitzbühel.

Axel Naglich (48) ist am Fuße der Streif aufgewachsen, war Extrem skifahrer und ist seit 2016 Renn leiter der Hahnenkammrennen. Da hatte er einen denkwürdigen Einstieg mit bösen Stürzen und viel Kritik.

Was bleibt, wenn Sie an die Rennen im Vorjahr denken?
Axel Naglich: Dass wir keine Abfahrt veranstalten können, die nicht gefährlich ist. Wer mit 140 durch das Gelände brettert, der geht ein Risiko ein. An allen anderen Schrauben können wir drehen.

In Österreich muss es für alles und jedes einen Schuldigen geben. Fühlen Sie sich schuldig?
Natürlich stellt man sich die Schuldfrage und ich habe mich 100 Mal gefragt, was wir hätten besser machen können. Eine Handvoll Antworten haben wir für heuer gefunden. Mich ärgern nur Leute, die Lichtjahre vom Skisport entfernt sind und auf einmal alles besser wissen. Da werde ich dann ein bisschen böse, denn die Streif ist ja mein Baby.

Haben Sie mit den Sturzopfern danach gesprochen?
Ja, ich habe alle persönlich kon taktiert. Svindal habe ich etwa in der Klinik besucht. Da war ich auf alles gefasst. Aber er war mega-entspannt. "Macht euch keine Sorgen, das ist Profisport", hat er gesagt. Und noch einen Satz: "Ich bin bis zum Sturz nicht gut gefahren, habe daher alles riskiert." Ihm würde ich hier einen Sieg vergönnen. Schade, dass er heuer fehlt.

Jansrud hat gesagt: "Hier gibt es zwei Linien. Eine, um ins Ziel zu kommen, eine, um zu gewinnen." Darf man als Rennleiter sagen: Jungs, ihr seid selbst verantwortlich?
Natürlich darf man das. Da bin ich bei der Grundfrage: Will ich gewinnen oder heil im Ziel stehen? Hier können maximal zehn Läufer gewinnen, die geben dann auch mehr als die 100 Prozent.

Von allen Ihren Vorgängern hörte man immer nur: Die Streif ist heuer noch schneller und brutaler als je zuvor. Sie reden mehr über Sicherheit und Verantwortung. Ist das ein Paradigmenwechsel?
Die Streif ist auch so schnell und schwierig genug, da braucht man nicht Sprünge und Wellen einbauen. Wenn ich die Streckenführung von 1975 nehme, da käme heute keiner mehr runter, da hätte jeder vor dem Zielsprung 165 km/h drauf. Der Zielsprung ist ein gutes Beispiel. Manche heben gar nicht ab. Dann kommt man mit fünf Stundenkilometern mehr dorthin und springt 40 Meter weit. Dann nimmt man im Rennen noch mehr Risiko und hat noch einmal fünf km/h mehr drauf. Da sieht man, wie sensibel das ist.

Andererseits: Nach der Sturzorgie 2016 ist das Thema Streif richtig aufgeheizt, der ORF überträgt heute schon das erste Training live. Geht Ihnen das an die Nieren?
Brot und Spiele. Jeder ist bestürzt, was er da sehen muss, aber jeder sieht zu. Scheinheiligkeit ist kein typisch österreichisches Phänomen.

Sie haben vorher gesagt: Die Streif ist Ihr Baby. Beschreiben Sie das.
Ich bin an der Streif aufgewachsen, habe jeden Tag auf die Strecke geblickt und ein Mal im Jahr sind die Helden meiner Kindheit bei den Rennen quasi zu mir nach Hause gekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es im Leben etwas Größeres als Skifahren und Kitzbühel gibt.

Und seit Sie Rennleiter sind, haben Sie eine andere Ansicht?
Franz Klammer hat gesagt: "Es hat nach meiner Karriere einige Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, dass Skifahren nicht das Wichtigste auf der Welt ist." So war es bei mir auch.

Beim Europacup auf der Streif waren 86 Fahrer aus 17 Nationen dabei: Hat Sie das Interesse überrascht?
Nein. Stellen Sie Kinder auf Ski und schauen Sie zu, was die machen. Fahren die Kurven oder Vollgas? Eben. Die Abfahrt wird niemals sterben. Außerdem: Wo gibt es einen Sport, bei dem Sie ohne Motor Tempo 140 erreichen?

Wo steht der Rennleiter am Samstag?
Bei der Hausberg-Querfahrt. Da sehe ich mit eigenen Augen viele wichtige Dinge, etwa wenn der Nebel hereinziehen sollte.

Erklären Sie uns zum Abschluss bitte auch noch den oft zitierten Mythos Kitzbühel.
Bevor wir jetzt noch großkopferter werden, sage ich: Wir können zwar nix dafür, aber es ist halt wunderschön hier.

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Aufgerufen am 21.11.2018 um 03:25 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/rennleiter-axel-naglich-die-streif-ist-ja-mein-baby-520156

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