Wintersport

Ryoyu Kobayashi - der etwas verrückte Japaner

Kazuyoshi Funaki war Tourneesieger und ein Popstar des Skispringens, 21 Jahre später ist Ryoyu Kobayashi auf dem besten Weg dazu.

Es fliegt, es fliegt: Ryoyu Kobayashi springt dem ersten japanischen Tourneesieg seit 21 Jahren entgegen. SN/gepa pictures
Es fliegt, es fliegt: Ryoyu Kobayashi springt dem ersten japanischen Tourneesieg seit 21 Jahren entgegen.

Die Etikette war ihm für einen kurzen Moment egal, als auf der riesigen Videowall im Innsbrucker Bergiselstadion die eins neben seinem Namen aufleuchtete. Ryoyu Kobayashi machte nach seinem dritten Sieg im dritten Springen der 67. Vierschanzentournee einen Luftsprung und klatschte mit seinen Teamkollegen ab. Es hatte sich viel aufgestaut bei dem 22-jährigen Japaner, der erst lernen muss, mit seiner neuen Rolle umzugehen.

Plötzlich wird er überall erkannt, Mädchen kreischen, wenn sie ihn sehen. Er muss Autogramme schreiben, Fragen zu seiner Springerkarriere und zu seinem Privatleben beantworten. Extrovertiert zu sein, ist nicht unbedingt in der DNA von Japanern veranlagt. Sie bevorzugen höfliche Zurückhaltung, Demut, Diskretion. Zum Glück ist Kobayashi kein Japaner wie jeder andere. "Ich bin ein Neo-Japaner", sagte er bei der Tournee und erklärte diesen Begriff wiefolgt: "Ein etwas verrückter Japaner." Einer von Japans neuer, etwas offeneren Generation, hin und hergerissen zwischen Tradition und Ausbruch. Kobayashi mag seine Freude über seine Siege mit allen teilen, er mag Musik und Autos, er geht gern shoppen und ist auf Social-Media-Kanälen hochaktiv. Vor allem aber liebt er es, mit zwei Skiern an den Füßen möglichst weit zu fliegen.

In Innsbruck gewann Seriensieger Kobayashi am Freitag mit 136,5 und 130,5 Metern vor dem wieder erstarkten ÖSV-Adler Stefan Kraft und dem Norweger Andreas Stjernen - und baute seine Tourneeführung vor dem großen Showdown am Sonntag (17 Uhr) in Bischofshofen auf 45,5 Punkte aus. Das sind umgerechnet 25 Meter, die der Deutsche Markus Eisenbichler, trotz Platz 13 in Innsbruck nach wie vor Kobayashis erster Verfolger im Rennen um die Tourneekrone, auf der Paul-Außerleitner-Schanze aufholen müsste. Das ist unwahrscheinlich, fast unmöglich.

Wahrscheinlicher ist da schon, dass Kobayashi auch den Abschlussbewerb in Bischofshofen gewinnt und als dritter Springer der Geschichte nach Sven Hannawald 2001 und Kamil Stoch 2018 den Grand Slam schafft. Kampfansage kommt von ihm selbstverständlich keine, soweit geht der Neo-Japaner dann doch nicht.

Dabei stellt sich nach seiner Machtdemonstration in Innsbruck die Frage: Wer soll diesen etwas verrückten Japaner schlagen? Als großes Talent gilt Kobayashi schon lange, doch erst in diesem Winter startete er durch, ist in zehn Weltcupspringen neun Mal aufs Podest geflogen und hat sieben Siege gefeiert. "Eigentlich bin ich selbst überrascht von meinen Leistungen", sagte Kobayashi, der daheim in Japan unter dem früheren finnischen Nationalcoach Janne Väätäinen trainiert. "Aber es war immer mein Ziel, so konstant zu springen."

Begonnen hat Kobayashi seine Wintersportkarriere einst als nordischer Kombinierer. Zum Fliegen hat ihn sein Vater gebracht, der als Sportlehrer in der Präfektur Iwate im Norden Japans arbeitet. Auch alle seine drei Geschwister sind Skispringer. Ryōyūs fünf Jahre älterer Bruder Junshiro etablierte sich bereits vor einem Jahr in der Weltspitze. Jetzt ist er vor allem der familiäre Beistand für seinen kleinen Bruder, der sich anschickt, den ersten japanischen Tourneesieg seit 21 Jahren, seit Kazuyoshi "Kamikaze" Funaki zum Popstar des Skispringens aufstieg, zu holen.

Österreichs Springerteam kehrte dank Stefan Kraft auf das Siegespodest zurück. Der Ex-Tourneesieger zeigte mit Sprüngen auf 129,5 und 130,5 Meter eine bärenstarke Leistung und war noch der einzige, der Kobayashi etwas Paroli bieten konnte. Aus heutiger Sicht ist sein Totalausfall beim Neujahrsspringen umso ärgerlicher, das Tournee-Podest wäre für Kraft durchaus in Reichweite gewesen.

Daniel Huber hatte im zweiten Durchgang viel Pech mit dem Wind, wurde auf Platz 14 durchgereicht, rangiert rangiert in der Gesamtwertung als bester ÖSV-Adler aber immer noch auf Platz zehn - mehr als ein Achtungserfolg. Den feierte auch der junge Jan Hörl vom SC Bischofshofen, der als 29. erstmals Weltcuppunkte einsammelte.

Quelle: SN

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Aufgerufen am 25.08.2019 um 11:14 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/ryoyu-kobayashi-der-etwas-verrueckte-japaner-63532537

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