Wintersport

Sexuelle Übergriffe im Skisport: Was der ÖSV und ehemalige Rennfahrerinnen sagen

Aus dem heimischen Skisport in den 1970er-Jahren sind schwere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs publik geworden. Die Ex-Skifahrerin Nicola Werdenigg, vormals Spieß, berichtete im "Standard" von systematischem Missbrauch in ihrer aktiven Zeit. Die SN haben Skilegende Annemarie Moser-Pröll und Ex-Weltmeisterin Alexandra Meissnitzer um ihre Einschätzung gefragt.

Die frühere Tiroler Skirennläuferin Nicola Werdenigg hat schwere Vorwürfe gegen einen ehemaligen Kollegen und die Verbände in den 70er-Jahren erhoben. In einem Interview mit dem "Standard" berichtet sie, wie sie vor 40 Jahren von einem Teamkollegen vergewaltigt worden sei. Sexuelle Missbräuche seien damals an der Tagesordnung gewesen, sagt die 59-Jährige, die früher Nicola Spieß hieß.

Werdenigg erzählt unter anderem, wie eine andere junge Läuferin beim Geschlechtsverkehr ohne ihr Wissen gefilmt worden sei. Der Film "wurde kurz darauf der Mannschaft vorgespielt, das ging damals als Scherz durch". Die Läuferin habe völlig entnervt und geschockt ihre Karriere beendet.

Rennläufer hätten in einem Hotelzimmer Pornofilme abgedreht, sie selbst sei mit 16 Jahren nach einem Trinkgelage von zwei Männern, darunter einem Kollegen, vergewaltigt worden. "Ich habe mir die Schuld dafür gegeben, wie es junge Frauen oft machen, weil ich mich habe ansaufen lassen", sagt Werdenigg, die bei den Olympischen Winterspielen von 1976 in Innsbruck Vierte in der Abfahrt wurde.

Passiert sei keinem der Männer etwas, sagt Werdenigg. Sie selbst habe erst nach vielen Jahren die Kraft gefunden, darüber zu reden: "Heute bin ich Großmutter, ich habe alles hinter mir, es ist verarbeitet, abgeschlossen. Ich bin nicht mehr wütend. Ich kann über das Erlebte sprechen."

ÖSV-Präsident Schröcksnadel: "Das waren damals sicher andere Zeiten"

Der Österreichische Skiverband (ÖSV) hat auf die von der ehemaligen Skirennläuferin Nicola Werdenigg (Mädchenname Spieß) erhobenen Missbrauchsvorwürfe in den 1970er-Jahren reagiert. "Wenn jetzt so etwas vorfallen würde, würden wir dazwischenfahren und kurzen Prozess machen", betonte Peter Schröcksnadel, seit 1990 ÖSV-Präsident, gegenüber der Tageszeitung "Der Standard".

Zu den Ausführungen von Werdenigg stellte Schröcksnadel fest: "Das waren damals sicher andere Zeiten."

Er hielt im Gespräch fest, ihm sei in seiner Zeit als Präsident "nie etwas über sexuelle Übergriffe zu Ohren gekommen". Er könne nicht ausschließen, "dass ab und zu zwischen Trainern und Athletinnen ein rauer Ton herrscht". Der ÖSV-Chef will auch "das eine oder andere Pantscherl nicht ausschließen. Aber ein Pantscherl ist ja auch kein Übergriff."

Gleichzeitig gab der 76-jährige Tiroler zu, dass der ÖSV "darauf nicht wirklich eingestellt" wäre, würde er sich aktuell mit solchen Vorwürfen konfrontiert sehen. Schröcksnadel verwies aber auf die ehemalige Weltklasseläuferin Petra Kronberger, "unsere Frauenbeauftragte", und hofft, dass mögliche Betroffene "sofort zur Frau Kronberger gehen - und auch zu mir".

Olympiasiegerin Petra Kronberger: "Es ist ein ganz sensibles Thema"

Kronberger, zweifache Olympiasiegerin, fungiert seit Herbst 2015 als "Konsulentin für Damensport" im ÖSV. Auch sie kommentierte den Bericht Werdeniggs: "Das ist eine sehr aufwühlende und erschütternde Geschichte. Es braucht großen Mut, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber es ist wichtig, dass Nicola Werdenigg diesen Schritt getan hat."

Die 48-jährige Salzburgerin hofft, dass sich mögliche aktuell betroffene Sportlerinnen direkt an sie wenden würden. Auch habe sie Ende November mit Schröcksnadel einen schon länger vereinbarten Termin, bei dem exakt dieses Thema besprochen werden soll. "Es ist ein ganz sensibles Thema", sagte Kronberger, "mit dem man aufmerksam und sorgsam umgehen muss." Im Fall des Falles würde sie einer Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Außerdem müsste man sich "in Ruhe überlegen, wie man damit umgeht und an wen man sich wendet".

Kronberger sprach auch von einem im Sport besonders schmalen Grat. "Man benützt seinen Körper, um Superleistungen zu bringen. Eine gewisse Nähe zu anderen Personen ist manchmal notwendig. Und da sollte sich jeder besonders bewusst sein, was noch ein respektvoller Umgang und was ein Übergriff ist." Ein Übergriff müsse auch nicht automatisch mit körperlicher Gewalt verbunden sein. "Es genügen, auch wenn das nicht alle so empfinden, oft schon Worte", betonte die Olympiasiegerin.

Skilegende Annemarie Moser-Pröll teilt diese Erfahrungen nicht

Salzburgs Skilegende Annemarie Moser-Pröll (Jahrgang 1953) erzählt, sie sei nach dem Standard-Artikel schon von vielen auf das Thema angesprochen worden. "Ich habe mir schon sehr viele Gedanken darüber gemacht, aber bei mir ist nie das Geringste vorgekommen, mir ist auch sonst nichts aufgefallen." Sie habe auch schon mit einer Ex-Kollegin darüber gesprochen. Moser-Pröll findet, dass das "die Gschicht" von der Nicola Werdenigg sei und nicht die ganze Branche in einen Topf geworfen werden solle.

Annemarie Moser-Pröll hatte ihre Hoch-Zeit in den 1970ern, sie war die Siegfahrerin des Jahrzehnts. Ihre Karriere beendete sie 1980.

Ex-Weltmeisterin Alexandra Meissnitzer spricht von mutigen Statements

Auch Alexandra Meissnitzer zeigt sich betroffen von dem, was Nicola Spieß gesagt hat bzw. was ihr in den 1970er-Jahren passiert ist. "Ich hoffe, das war die Ausnahme", sagt die Ex-Skifahrerin und ORF-Kommentatorin (Jahrgang 1973), die allerdings viel später als Spieß renngefahren ist. Sie ist der Überzeugung, dass sexuelle Übergriffe ein "generelles und nicht branchenspezifisches Thema" sind, im Skisport genauso wie in anderen Bereichen vorkommen.
"Darüber zu sprechen war bisher tabu. Nun wird Aufmerksamkeit generiert, Bewusstsein geschaffen, die Gesellschaft sensibilisiert. Es geht darum, betroffene Frauen zu unterstützen, jedoch auch objektiv zu bleiben. Die mutigen Statements der Betroffenen sollen alle Frauen ermutigen, eigene Grenzen zu setzen, klar zu kommunizieren."

Quelle: SN

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