Analyse: Das fatale Erbe der Superadler

Wie der Golfer seinen Schwung haben die österreichischen Skispringer ihren Sprung verloren. Die Ausgangslage vor Beginn der 67. Vierschanzentournee war selten so hoffnungslos wie dieses Jahr. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

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Standpunkt Michael Unverdorben
Letzter verbliebener Siegspringer im ÖSV: der 25-jährige Salzburger Stefan Kraft. SN/gepa pictures
Letzter verbliebener Siegspringer im ÖSV: der 25-jährige Salzburger Stefan Kraft.

Was ist eigentlich mit den Skispringern los? Zigmal wurde diese Frage in den vergangenen Wochen der SN-Sportredaktion gestellt. Eine konkrete Antwort darauf, so scheint es zumindest, kennen jedoch nicht einmal die einst so hoch gepriesenen und nun so arg gerupften ÖSV-Adler selbst genau.

So hilflos Gregor Schlierenzauer derzeit im Schanzenauslauf wirkt, so ratlos bleibt auch der österreichische Sportfan vor dem Beginn der Vierschanzentournee zurück. Wie kann jemand, der 53 Einzel-Weltcups gewonnen hat und damit als erfolgreichster Springer der Geschichte gilt, das Skispringen plötzlich verlernt haben? Was läuft falsch am Schanzentisch? Oder gar in den Strukturen des ÖSV? Die "Salzburger Nachrichten" haben sich auf Spurensuche begeben.

Ehemalige Springer sprechen davon, dass den rot-weiß-roten Weltcup-Adlern vor allem das Selbstvertrauen und damit auch das Selbstverständnis für den Sprung verloren gegangen ist. Im ehesten ist das mit dem Gefühlsverlust beim Golfen zu vergleichen. Selbst Tiger Woods, der Superstar des Golfsports, hat schon seinen Schwung verloren. Nicht alle finden wieder zurück in die Spur. Im Skispringen etwa ist Martin Schmitt nach dem Gewinn von vier Weltmeistertiteln und dem Gesamtweltcup jahrelang der Konkurrenz hinterher gesprungen. Auch der fünffache Tourneesieger Janne Ahonen war am Ende seiner Karriere nur mehr ein Schatten seiner selbst, weil sich die Skisprung-Technik, aber nicht er selbst weiterentwickelt hat. In einer ähnlichen Situation ist nun Gregor Schlierenzauer.

ÖSV-externe Trainer, die die Performance der Österreicher von außen beobachten, berichten, dass die Hubwirkung am Schanzentisch fehle. Die Konkurrenz aus Deutschland, Norwegen und Polen, vor allem aber der japanische Seriensieger Ryōyū Kobayashi, bekommen die Kraftübertragung vom Absprung in die Flugphase besser hin. Der Grund hierfür: Technisch ist der ÖSV nicht mehr auf dem modernsten Stand. Der neue Cheftrainer Andreas Felder versucht da auch bereits aktiv dagegen zu steuern und hat gemeinsam mit den Athleten ein neues Sprungbild erarbeitet. Doch nur Stefan Kraft und Daniel Huber können die Vorgaben - zumindest teilweise - umsetzen. Der Rest des Teams ist in der Weltspitze aktuell nicht konkurrenzfähig, wie Felder erst kürzlich in einem Interview erklärte.

Dass der ÖSV auch beim Material Nachteile habe, dagegen wehrt sich der neue ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher mit aller Vehemenz. Er ortet die Probleme viel mehr im mentalen Bereich und attestiert den Athleten, dass sie zu oft mit der Brechstange und damit mit zu wenig Gefühl springen. Unbestritten ist aber auch, dass die Österreicher zumindest keinen Materialvorteil haben. Der Innovationsgeist hatte die als Tüftler bekannten ÖSV-Adler über Jahrzehnte ausgezeichnet.

Innovationen gibt es auch heute noch, beispielsweise einen Hartschalen-Sprungschuh, in dessen Entwicklung der Skiverband viel Zeit und Geld investiert hat. Nur funktioniert er (noch) nicht so, dass er auch einen Vorteil bringen würde. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Stefan Kraft und Michael Hayböck machten die Testphase des Hartschalenschuhs vor der Olympiasaison dafür mitverantwortlich, dass man im vergangenen Winter nicht so recht ins Fliegen gekommen ist. Letztlich sind alle im Nationalteam zum herkömmlichen Lederschuh der deutschen Firma Rass zurückgekehrt. Einziger Österreicher mit dem blauen ÖSV-Schuh ist Manuel Fettner, er springt der Konkurrenz aktuell allerdings auch hinterher. Und dennoch ist es im Grunde ein schlauer Schachzug des Verbands, sich auf den weitgehend noch unreglementierten Schuh-Bereich zu fokussieren, um Innovationen zu schaffen.

Last but not least das wahrscheinlich schwerwiegendste Problem der sieglosen Skispringer: Österreich erlebt momentan das fatale Erbe der Superadler-Generation. Mit Siegspringern wie Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer, Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler und Martin Koch an der Spitze hat man auf den Nachwuchs "vergessen". Die Jungadler kamen schlichtweg nicht an die Könige der Lüfte heran, blieben im Kontinentalcup stecken und beendeten irgendwann ihre möglicherweise vielversprechende Karriere viel zu früh. Dazu hat man in der Ära von Chefcoach Alexander Pointner (2004 bis 2014) eine gesamte Trainergeneration ans Ausland verloren. Ehemalige ÖSV-Nachwuchstrainer wie Werner Schuster (Deutschland), Alexander Stöckl (Norwegen) oder Stefan Horngacher (Polen) haben viel österreichisches Skisprung-Know-how zur Konkurrenz mitgenommen.

Die Krise der ÖSV-Adler ist kein Versäumnis einzelner, Schuldzuweisungen sind deshalb fehl am Platz. Vielmehr war der Absturz der lange Zeit erfolgsverwöhnten Superadler ein schleichender Prozess, der sich über lange Zeit hingezogen hat, nicht erkannt oder zumindest falsch eingeschätzt wurde.

Was also muss Skisprung-Österreich tun, um dauerhaft zurück in die Erfolgsspur zu finden? Das neue Trainerteam mit Andreas Felder an der Spitze und den jungen, hungrigen Assistenten Florian Liegl und Florian Schabereiter müssen sich ein innovatives Team um sich aufbauen. Ein Umfeld, das bereit ist, jahrelange Aufbauarbeit zu leisten, um wieder eine gewisse Breite zu erreichen. Der deutsche Skiverband hat es nach der Ära von Sven Hannawald und Martin Schmitt unter der Regie des Vorarlbergers Werner Schuster vorgezeigt, wie man von null beginnt, hat dafür allerdings auch etliche Jahre gebraucht.

In einem ersten Schritt muss sich der ÖSV eine neue Kommunikationsstrategie überlegen. Eine Erwartungshaltung zu schüren, die dem momentanen Leistungslevel der Skispringer - Doppelweltmeister und Skiflug-Weltrekordler Kraft einmal ausgenommen - gerecht wird, bringt niemandem etwas. Eine Topform lässt sich nicht herbeireden, genauso wenig hilft es, wenn wöchentlich Kritik aus allen Richtungen auf das Springerteam einprasselt.

Die Vierschanzentournee ist eine gute Gelegenheit, mit dem Neustart zu beginnen.

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