„Der kleine Prinz“ im Salzburger Marionettentheater: von der Idee bis zur Premiere

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Lane Schäfer mit ihrem "Geschäftsmann"
Barbara Heuberger hält die Köpfe des kleinen Prinzen (links) und des Piloten zu deren Marionettenkörpern
oben ein Entwurf des „Säufers“, unten die Proportionen-Darstellung einiger Marionetten
Barbara Heuberger zeigt einige Entwürfe von Szenen auf der Marionettenbühne – jeder Vorgang wird also zunächst zeichnerisch festgelegt
Monsieur Edouard Funck, Kostümschneider und Puppenspieler
Eva Wiener, und damit es einen Farbtupfen hat, das Bild, haben wir es etwas begrünt
mit fachkundigen Fingern entstehen seit 1960 Kostüme: Heide Hölzl

„Der kleine Prinz“ im Salzburger Marionettentheater: von der Idee bis zur Premiere ist eine Reportage des Salzburger Journalisten Peter Krackowizer.

Teil 1: Die Marionetten werden geboren

Einleitung

Der sechsarmige Geschäftsmann will Sterne kaufen und verkaufen. Als Marionettenfigur schleppt er eine Registrierkasse hinter sich her. Seine Schöpferin, die Kostümbildnerin Lane Schäfer, zeigt mir ihre Lieblingsfigur aus der gerade im Entstehen begriffenen neuen Produktion „Der kleine Prinz“ am Salzburger Marionettentheater (17. Mai 2016).

Am 18. Juni 2016 soll die Premiere des vom französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry (* 1900; † 1944) geschriebenen „Kleinen Prinzen“ im Salzburger Marionettentheater stattfinden. Doch wie entsteht eine solche Produktion? Hat ein Marionettenspiel in der heutigen Zeit der Tablets, iPhones und ‚Social Media‘ überhaupt noch seine Anhänger? Ich bin diesen Fragen nachgegangen und habe das Ensemble des „Kleinen Prinzen“ im Salzburger Marionettentheater besucht.

103 Jahre „Seelenfreuden“ an Schnüren

Das Marionettentheater in Salzburg hatte 1913 seine Geburtsstunde erlebt. Bei einer Faschingsveranstaltung der Salzburger Künstlergenossenschaft ‚Gral‘ führte Anton Aicher am 27. Februar 1913 erstmals öffentlich mit seinen handgeschnitzten Gliederpuppen das Schäferstück „Bastien und Bastienne“ von Wolfgang Amadé Mozart im Saal des Hotels Bristol am Makartplatz auf.

Die Erstaufführung wurde ein derart großer Erfolg, dass Anton Aicher noch gegen Ende des Premierenjahres mit seinem Künstler-Marionettentheater in den Turnsaal des alten Borromäums (heute Teil der Universität Salzburg) einziehen konnte. Dieser blieb bis 1960 Spielstätte des Theaters. 1926 übernahm Hermann Aicher, der Sohn von Anton Aicher, die Leitung des Marionettentheaters.

1960 wurde die Spielstätte vom alten Borromäum zunächst ins Mozarteum, dann in den Kapitelsaal am Kapitelplatz verlegt. Am 11. Juli 1971 schließlich konnte das neue und endgültige, noch heutige "Heim" an der Schwarzstraße 24 im ehemaligen Hotel Mirabell mit Rossinis "Barbier von Sevilla" bezogen werden.

Seit 1977, nach dem Tod von Hermann Aicher, lag die Leitung des Marionettentheaters in den Händen seiner Tochter Margarethe „Gretl“ (* 1928; † 2012). Heute wird es von Barbara Heuberger geführt.

Spielstätte mit besonderer Atmosphäre

Das Gebäude an der Schwarzstraße, in dem sich heute das Marionettentheater befindet, hat eine bewegte Vergangenheit. Erbaut wurde es 1893 von Architekt Carl Demel und Baumeister Valentin Ceconi. Sie errichteten für die „Gräfl. Arco-Zinnebergischen Brauerei Kaltenhausen“ (in Hallein) ein „Restaurations- und Saalgebäude”. Aus diesem wurde 1897 das „Hotel Mirabell“, das bei vielen Künstlern zur beliebten Absteige für ihre Salzburg-Aufenthalte wurde. 1932 fand die Preisverleihung für die Sieger des Gaisbergrennens im Hotel Mirabell statt. Von 1934 bis 1938 beherbergte es das Salzburger Spielkasino. Nachdem die amerikanischen Besatzer, die es für ihre Soldaten nutzen, abgezogen waren, wurde das Gebäude von 1955 bis 1968 erneut an das Spielcasino Salzburg vermietet.

Am 11. Juni 1971 begann die Zeit des Marionettentheaters in diesem Haus. Der ehemalige Speisesaal des Hotels Mirabell wurde zum Zuschauerraum mit Bühne umfunktioniert und beeindruckt heute noch durch seine reichhaltige Stuckatur und Malerei.

„Der Kleine Prinz“: von der Idee zur Figur

Ich treffe mich mit dem aus Paris stammenden Kostümschneider und Puppenspieler Edouard Funck im Foyer des Marionettentheaters. Dort erlebt man bereits die Geschichte des Marionettentheaters an Hand von Ausstellungsstücken, Szenen-Darstellungen und Marionetten aus ehemaligen Produktionen. Stiegen und Gänge erinnern an die Zeit des Gebäudes als es ein Hotel war, an den Wänden aber hängen schwarzweiß-Bilder von Anton, Hermann und Gretl Aicher – der Seelen des Hauses – sowie von Produktionen und alte Vorstellungsplakate. Wir betreten die „Geburtsstation“ der Marionetten, wo Lane Schäfer gerade den „Säufer“ zum Leben erweckt. Sie ist seit acht Jahren Kostümbildnerin und „der kleine Prinz“ ihre erste Mitwirkung am Marionettentheater. Zusammen mit Regisseurin Alexandra Liedke begann sie im Oktober 2015 die Produktion für den kleinen Prinzen zu entwickeln. Nicht die Originalillustration ist ihre Vorstellung, sondern neue Figuren. Dies sind Figuren der Fantasie, Mischwesen und Aliens von Planeten. Nur der kleine Prinz und der Piloten bleiben „echte“ Menschenmarionetten.

Im November 2015 holten sie dann den Bühnenbildner Raimund Orpheo Voigt dazu und Entwürfe wurden gezeichnet. Dabei wurden die Marionetten aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt, um einerseits ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen und andererseits, um sie möglichst ihren Vorstellungen anzupassen.

Dann folgte der eigentliche Geburtsprozess der Marionetten. Maskenbildner und Bildhauer modellierten die Köpfe aus Ton. Die Köpfe wurden aber ausnahmsweise aus einer Harzsubstanz gegossen. Ausnahmsweise deswegen, weil üblicherweise die gesamte Marionette aus Holz geschnitzt ist. Aber in dieser Produktion werden die Köpfe der Marionetten ungleich größer in Proportion zum restlichen Marionetten-Körper gestaltet. Dies, um den Köpfen noch mehr Aussagekraft zu verleihen, sie in den Fokus des Zuschauers zu rücken.

Der nächste Schritt war die Herstellung die Kleidung und Bemalung der Marionetten. Dabei sind die Künstler gerade bei meinem Besuch Mitte Mai 2016. Lane Schäfer möchte mir gerne einige der Figuren vorstellen. Wir gehen in den Marionettenkeller, wo alle bisherigen Marionetten fein säuberlich an ihren Führungskreuzen hängen. Schäfer nimmt ihre Lieblingsfigur, den „Geschäftsmann“, in die Hand und, ja, mir erscheint es so, wirft ihm verliebte Blicke zu. Er ist so etwas wie ein Börsenmakler, erklärt sie. Bei seinem Aussehen hat sie sich von einem Geier inspirieren lassen, einem raffgierigen Geier. Deshalb hat der Geschäftsmann auch sechs Arme, die er darüber hinaus auch zum Fuchteln braucht, muss er doch als Makler stets gleichzeitig viele Geschäfte abschließen. Aber fertig sei er noch nicht, meint Schäfer. Eine Figur wachse, immer wieder ändert sie noch ein Detail, die Lackschuhe fehlen noch. Die innige Beziehung, die die Künstlerin im Laufe der Erschaffung ihrer Marionetten entwickelt hat, ist unüberhör- und -sehbar.

Und wann ist so eine Figur fertig? Das fühlt man, das spürt man und dann bleibt sie so.

Marionettentheater hat nichts an seiner Magie verloren

Zurück auf der „Geburtsstation“ erwartet mich die Geschäftsführerin Barbara Heuberger. Sie war 1999 noch von der 2012 verstorbenen Enkelin des Gründers des Marionettentheaters, Prof. Margarethe „Gretl“ Aicher engagiert worden. Für sie stellt das Marionettentheater das „Ideal deiner Fantasie“ dar. Es erzeugt Illusionen und Träume beim Besucher, der sich in die Figuren hinein denkt und fühlt. Dass der Besucher in die magische Welt der Marionetten entführt wird, sorgen beim „kleinen Prinzen“ auch die ungleich proportionierten Marionetten und die bis ins Detail gestalteten Gesichter und Köpfe. Barbara Heuberger gerät ins Philosophieren: Maximale Freiheit … der Besucher steigt in die Illusion, dass Puppen größer sind als ihre tatsächliche Größe … das Marionettentheater erzeugt Seelenfreuden…, sprudelt aus der Leiterin des Theaters heraus.

Bei den Besuchern der Stadt Salzburg hat es sich längst herumgesprochen, dass der Besuch einer Marionettentheater-Aufführung ein eindrucksvolles Erlebnis ist. Ein wenig hadert Heuberger aber mit dem Salzburger Publikum. Das Ensemble sei ja nur auf Tourneen unterwegs und wenn es mal da ist, gäbe es keine Karten, so die Meinung vieler Salzburger.

Ganz so stimmt das aber nicht, meine ich. Etwa acht Wochen im Jahr begeistert das Team mit ihren Marionetten auf ihren weltweiten Tourneen das Publikum. Bleiben also immer noch zehn Monate, die sie in Salzburg spielen. Und Karten sind auch fast immer erhältlich. Während ich diese Zeilen schreibe, zeigt mir ein Blick im Internet, dass Karten für die nächsten Vorstellungen noch erhältlich sind. Für die Premiere des kleinen Prinzen, beispielsweise, gibt es Kinderkarten um 15 Euro und Erwachsene können zwischen Preiskategorien um 20, 22 und 27 Euro wählen. Für „die Zauberflöte“ oder „Sommernachtstraum“ gibt es ab 20 Euro Karten.

Salzburger haben am 11. Juni Gelegenheit, eine öffentliche Probe mitzuerleben

Ach ja, und es soll da Salzburger geben, die dem Salzburger Marionettentheater einen „verstaubten Ruf“ nachsagen. Das kann ich bei meinem Besuch nicht bestätigen: junge, engagierte Mitarbeiter, ein Theaterraum mit Flair und Marionetten, die gerade nur darauf warten, vom Publikum „angesprochen“ zu werden. „Und sind die Salzburger dann erst einmal in einer Vorstellung, haben sie Tränen der Faszination und Begeisterung in den Augen und wollen unbedingt einen Blick hinter die Kulissen machen“ schildert Heuberger. Den kann man werfen, an manchen Terminen. Und am 11. Juni 2016, zwischen 14:00 und 16:00 Uhr können Interessierte eine öffentliche Probe des Stücks "Der kleine Prinz" mit Regisseurin Alexandra Liedtke miterleben (keine Anmeldung erforderlich.)

Der Fuchs, der Säufer und der Laternenanzünder

der Säufer erhält seine Frisur von Lane Schäfer
Lane Schäfer mit dem Polarfuchs

Doch zurück zur Marionettendesignerin Lane Schäfer. Sie ist mittlerweile mit der Frisur des Säufers beschäftigt. Warum sauft der? Ich lasse kurz Saint-Exupéry zu Wort kommen:

"Warum trinkst Du?" fragte ihn der kleine Prinz.
"Um zu vergessen", antwortete der Säufer.
"Um was zu vergessen?" erkundigte sich der kleine Prinz, der ihn schon bedauerte.
"Um zu vergessen, dass ich mich schäme", gestand der Säufer und senkte den Kopf.
"Weshalb schämst Du Dich?" fragte der kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihm zu helfen.
"Weil ich saufe!" endete der Säufer und verschloss sich endgültig in sein Schweigen.

Passend zu seiner Rolle tritt der Säufer in einem Alkohol-Aquarium auf. Auch der Laternenanzünder, der Schlafprobleme hat, wird ganz besonders auf der Marionettenbühne ins „Laternenlicht“ gerückt werden, mehr verrate ich nicht. Dass der Fuchs ein Polarfuchs und kein gewöhnlicher Fuchs ist, zeigt eine weitere Facette der modernen Inszenierung des Stücks. Beim kleinen Prinzen und dem Pilot wird der Zuschauer sich vielleicht fragen, ob beide nicht eine ‚Seelenwelt‘ sind. Der Besucher wird in die Dreiecksbeziehung zur Marionette und seinem Spieler miteinbezogen werden. Spannend.

Die tapferen SchneiderInnen

Bevor ich für heute diesen besonderen künstlerischen Ort verlasse, besuche ich noch die „Haupt“-Arbeitsstätte meines Pariser Freundes, Kostümschneiders und Puppenspielers Edouard Funck. Er steht gerade in der Kaffeeküche, vor ihm brodelt in einem Topf Farbe. Einfache Frage an ihn: Deine Vorliebe? Seine einfache Antwort: „Antizipation, Konzeption, Kreation“. Aha! Antizipation? „Damit alles läuft, musst du immer einen Schritt vorausschauen“ meint der Leiter der Schneiderei im Marionettentheater in seinem Farbtopf rührend.

Und was sagen seine Kolleginnen zu „Vorliebe“?

Eva Wiener, die seit 25 Jahren am Salzburger Marionettentheater als Puppenspielerin und Schneiderin der Kostüme ist, meint auf die Frage nach ihrer Vorliebe: „Bastien“ (aus „Bastien und Bastienne“, eines der frühesten Singspiele von Wolfgang Amadé Mozart), gefolgt von „Siegfried“ aus dem „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner.

Ihre Kollegin, Heide Hölzl, schaut kurz von ihrer Arbeit auf. „Puppenspielen ist meine Vorliebe“ sagt sie und arbeitet gekonnt mit Faden und Zwirn weiter. Sie spielt hier im Salzburger Marionettentheater Marionetten und fertigt für sie Kostüme seit 1960 - 56 Jahre – das spricht für ein gutes und erfüllendes Arbeiten hier am Salzburger Marionettentheater.

Wie geht es weiter?

Sobald alle Marionetten fertiggestellt sind, geht es ans Proben. Diese begannen am 30. Mai. Etwa eine gute Woche später gab es dann die Lichtprobe(n).

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Weblinks

Quelle