Der Weg zum „Anschluss“ im März 1938

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Über den Weg zum "Anschluss" im März 1938 berichteten die Salzburger Nachrichten in ihrer Samstagausgabe am 9. März 2013 im Erinnerung an die 75. Wiederkehr des Anschlusses am 12. März 1938, Autor Alexander Purger.

Fünf Jahre lang hatte Adolf Hitler die Okkupation seiner einstigen Heimat vorbereitet

Schließlich erlag Österreich, weil es intern uneinig war und vom Ausland keine Hilfe erhielt. Warum war das erste Land, gegen das der Nationalsozialismus seine militärische Aggression richtete, ausgerechnet Österreich? Die Antwort, die der Diktator Adolf Hitler vor 75 Jahren, im März 1938, auf diese Frage gab, lautete: Er hole seine Heimat „heim ins Reich“.

Das war eine Geschichtslüge. Denn der alte Vielvölkerstaat Österreich war niemals Teil eines deutschen Nationalstaates gewesen. Und mit dem Heiligen Römischen Reich, an das Hitler anknüpfen wollte, hatte die nationalsozialistische Diktatur ungefähr so viel zu tun wie der Kaiser mit einem Blockwart.

Der wahre Grund für den Einmarsch 1938 war ein strategischer. Hitler plante von Anfang an einen Krieg im Osten und brauchte dafür die uralten Heerstraßen, die durch Österreich führen.

Ohne den Besitz Österreichs hätte Hitler nicht nach Italien und auf den Balkan marschieren können. Erst durch den Einmarsch in Österreich wurde die strategische Lage der Tschechoslowakei unhaltbar und durch den Einmarsch in der Tschechoslowakei die Lage Polens. Polen war dann wiederum Ausgangsbasis für Hitlers Hauptziel: den Russlandfeldzug.

Um seine Kriegspläne verwirklichen zu können, brauchte Hitler also zunächst Österreich.

Die Vorarbeiten für den März 1938 begannen schon fünf Jahre davor. Seit seinem Amtsantritt in Deutschland im Jänner 1933 hatte Hitler versucht, seine einstige Heimat zu destabilisieren. Bereits im Mai 1933 verhängte er die Tausend-Mark-Sperre. Jeder Deutsche, der nach Österreich reisen wollte, musste die ungeheure Summe von 1000 Mark (das entspräche zirka 4000 Euro) als Gebühr zahlen (Tausend-Mark-Sperre). Der Touristenstrom aus Deutschland kam dadurch fast völlig zum Erliegen, was Österreichs Wirtschaft ins Mark traf.

Das war aber noch das subtilste Mittel, das Hitler einsetzte. Nationalsozialisten überzogen Österreich mit einer blutigen Terrorwelle. Saalschlachten und Bombenanschläge standen an der Tagesordnung. Im Juli 1934 wurde der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß bei einem nationalsozialistischen Putschversuch im Kanzleramt erschossen.

Noch konnte sich Österreich halten, da es Rückendeckung durch Italien hatte. Der faschistische Duce Benito Mussolini drohte Deutschland für den Fall einer Okkupation Österreichs mit militärischem Eingreifen. Als Gegenleistung für diese Schutzmachtfunktion verlangte Mussolini (obwohl er selbst ursprünglich Sozialist war) von der Regierung in Wien eine rücksichtlose Politik gegen die Sozialdemokratie.

Als sich der Duce jedoch durch das Abenteuer des Abessinienkriegs 1935/36 selbst schwächte, begann er sich an Hitlerdeutschland anzulehnen. Österreich verlor seine einzige Stütze. Frankreich und Großbritannien verkannten die wahre Natur Hitlers und ließen Österreich im Stich.

Österreichs Lage war dadurch unhaltbar. Von außen wurde der Druck Deutschlands immer stärker. Doch auch im Inneren erhielten die Nationalsozialisten immer mehr Zulauf. Zum einen spielte ihnen die nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg verbreitete „Anschluss“-Sehnsucht in die Hände. Zum anderen wirkte es im sparsam regierten Österreich verführerisch, dass Hitler in Deutschland für üppige Sozialleistungen und Vollbeschäftigung sorgte.

Im Februar 1938 wurde Kanzler Schuschnigg auf den Berghof zu Hitler zitiert. Der Diktator zwang ihn mit wüsten Drohungen, Nationalsozialisten in die Regierung aufzunehmen. Schon mit dem Juliabkommen 1936 hatte Schuschnigg eine braune Infiltration der Regierung hinnehmen müssen. Nun musste er sogar das Innenministerium und damit die gesamte Polizei dem NS-Mann Arthur Seyß-Inquart unterstellen.

Schuschnigg wusste, dass dies der Anfang vom Ende war. Der Versuch eines Schulterschlusses zwischen der Regierung und der seit Jahren unterdrückten Sozialdemokratie scheiterte. Eine gemeinsame Front gegen Hitler wäre vermutlich Österreichs letzte Chance gewesen. Aber zu tief waren nach dem blutigen Bürgerkrieg 1934 die Gräben zwischen den beiden großen Lagern.

Schuschnigg sah die letzte Rettung in einer Volksabstimmung. Noch waren 60 bis 70 Prozent der Österreicher für die Unabhängigkeit von Deutschland. Das sollte am 13. März eine Volksabstimmung vor aller Welt bestätigen und damit der Nazipropaganda den Wind aus den Segeln nehmen, dass alle Österreicher „heim ins Reich“ wollten.

Schuschnigg ließ die Planungen für die Volksabstimmung unter strenger Geheimhaltung ablaufen, um Hitler zu überraschen. Doch eine Sekretärin verriet den Plan an einen Agenten aus Berlin.

Am 11. März 1938 gab Hitler Weisung zum Einmarsch in Österreich

Hitler erkannte die Gefahr und reagierte blitzschnell. Am 11. März gab er die Weisung zum Einmarsch in Österreich. Angesichts des drohenden Überfalls trat Schuschnigg am Abend des 11. März zurück. „Wir weichen der Gewalt“, sagte er in seiner letzten Radioansprache. „Gott schütze Österreich!“ Eine der letzten Weisungen Schuschniggs erging an das Bundesheer: Es sollte der deutschen Wehrmacht keinen Widerstand entgegensetzen, damit es kein sinnloses Blutvergießen gebe. Denn alle Hilferufe an den Westen verhallten ungehört.

Am 12. März begann der Einmarsch der deutschen Wehrmacht mit mehr als 100 000 Mann. Hitler erreichte gegen Abend Linz und war von der Begeisterung entlang der Straßen überrascht. Erst daraufhin entschied er, Österreich nicht nur zu besetzen, sondern zum Teil des Deutschen Reichs zu machen. Das entsprechende Gesetz wurde am 13. März beschlossen. Am 15. März sprach Hitler auf dem Wiener Heldenplatz.

Mit der Wehrmacht kamen auch die Schergen von SS und Gestapo nach Wien. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, die österreichischen Goldreserven – 80 000 Kilogramm Gold – nach Berlin zu bringen. Denn was damals noch niemand wusste: Hitler, der sich seine Popularität durch staatliche Arbeitsbeschaffung und soziale Wohltaten wie Gratisurlaube erkaufte, hatte Deutschland nach nur fünf Jahren praktisch in die Staatspleite geführt und konnte sich fortan nur noch durch Raubzüge in anderen Staaten finanzieren.

Sofort nach dem „Anschluss“ begann auch die Verhaftungswelle. Am 1. April 1938 rollte der erste Prominententransport ins KZ Dachau, u. a. mit dem späteren Kanzler Leopold Figl und dem späteren InnenMinister Franz Olah. Auch Kanzler Schuschnigg verschwand für sieben Jahre im Konzentrationslager.

Insgesamt wurden nach dem „Anschluss“ 70 000 Österreicher verhaftet. Das und vor allem die forsche Machtübernahme durch die deutschen Behörden trieb den Österreichern die anfänglich verbreitete Begeisterung für den „Anschluss“ ziemlich rasch aus.

Siehe auch

Quelle