Erste Medikamente stehen in Salzburg im Einsatz gegen den Corona-Virus

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Erste Medikamente stehen in Salzburg im Einsatz gegen den Corona-Virus und geben Hoffnung.

21. März: Am Salzburger Uniklinikum bekommen zwei schwer erkrankte Corona-Patienten Wirkstoffe aus der Krebsmedizin und gegen Ebola

Richard Greil ist am Uniklinikum Salzburg als Leiter der III. Inneren Medizin federführend für das Corona-Management zuständig. Als international angesehener Krebsforscher hat er auch einen leichteren Zugang zu Medikamenten, die gegen den Corona-Virus helfen könnten. Im SN-Interview erklärt er, welche Wirkstoffe in Salzburg zur Verfügung stehen.

SN: Im Wettlauf um Medikamente gegen das Coronavirus gibt es einige Wirkstoffe, die vielversprechend scheinen und bereits an Patienten getestet werden. Sind solche Wirkstoffe auch in Salzburg verfügbar?

Richard Greil: Wir werden zwei Wirkstoffe zur Verfügung haben. Ab sofort können wir Tocilizumab einsetzen, das aus der Krebstherapie kommt. Das ist ein Interleukin-6-Rezeptor-Antikörper. Das Interleukin-6 ist ein entscheidender Spieler in der Regulation von Entzündungen. Das Coronavirus schädigt zum einen direkt die Innenauskleidung der Lungenbläschen und löst dabei einen Sturm von Entzündungsfaktoren aus, die freigesetzt werden. Interleukin-6 ist einer der zentralen Regulatoren der Entzündungsfaktoren. Und Tocilizumab blockt das direkt.

Kann Tocilizumab Lungenversagen verhindern?

Die Chinesen haben Tocilizumab bereits in besonders schweren Fällen, die beatmungspflichtig waren, getestet. Die Ergebnisse, die mir bereits vorliegen, werden demnächst veröffentlicht. Die Effekte sind gravierend: Bei 75 Prozent der Patienten ist es zu einer signifikanten Verbesserung der Symptomatik gekommen, in 90 Prozent der Fälle zu einer Verbesserung des CT-Bilds der Lunge und bei 53 Prozent zu einer signifikanten Zunahme der Zahl der Lymphozyten, der weißen Blutkörperchen, die für die Abwehr wichtig sind. Je schwerer nämlich jemand am Coronavirus erkrankt ist, umso weniger Lymphozyten sind vorhanden.

Wie groß sind Ihre Hoffnungen, was dieses Medikament betrifft?

Diese positiven Effekte sind innerhalb von fünf Tagen eingetreten, also in sehr kurzer Zeit. Über das Salzburger Krebsforschungszentrum haben wir den Wirkstoff sofort zur Verfügung, weil wir sehr viele Studien machen.

Wird es das Mittel auch in ausreichender Menge geben, wenn die Zahl schwerer Fälle stark steigen sollte?

Wir haben schon Reserven zurückgestellt und haben Zusagen der Firma für weitere Lieferungen. Wir werden auch eine Studie machen.

Sie haben eingangs von einem zweiten Medikament gesprochen. Worum handelt es sich dabei?

Hier geht es um den Wirkstoff Remdesivir, den wir in zwei bis drei Tagen zur Verfügung haben.

Woher kommt der Wirkstoff?

Er kommt aus der Gruppe der antiviralen Medikamente gegen das Ebolavirus. Remdesivir verhindert direkt die Vermehrung der Viren in den Zellen. Die Studien bei Coronapatienten laufen noch, erste Fallberichte sind aber sehr ermutigend. Wir bemühen uns um eine Studie. Und wir haben noch eine weitere Substanz aus der Krebsmedizin im Visier - Avastin. Der Einsatz bei noch wenigen Coronapatienten zeigte bisher eine starke Verringerung der Atemnot, indem der Gasaustausch in der Lunge intakt bleibt. Mit enorm großer Geschwindigkeit wird derzeit versucht, Wirkstoffe zu testen.

Heißt das, jede Woche, die die Medizin durch die ungeliebten strengen Maßnahmen gewinnt, ist hilfreich, um schweren Fällen künftig helfen zu können?

Das ist absolut so. Remdesivir hätten wir in dieser Indikation vor zwei Wochen nicht bekommen. Ich hoffe schon, dass wir mit den jetzt zur Verfügung stehenden Medikamenten die schweren Verläufe bremsen können. Da zählt jeder Tag.

Haben Sie in der Uniklinik bereits Patienten, die diese Medikamente bekommen?

Wir haben derzeit zwei beatmete Coronapatienten, die wir damit behandeln wollen. Dann werden wir sehen.

Wird es auch Versuche geben, Immunglobuline von Patienten zu gewinnen, die eine Infektion bereits hinter sich haben?

Wir sammeln dazu derzeit die Daten der Infizierten, um allfällig darauf zurückgreifen zu können. Solche Hyperimmunglobuline verwendet man bei vielen Erkrankungen, wie bei Tollwut, wo das reine Medikament allein nicht reicht. Die Frage ist nur, wie man es in ausreichender Menge gewinnen kann. Aber es gibt bereits Versuche, das auf künstlichem Weg herzustellen.

Welche Patienten, um das noch einmal zu konkretisieren und zu betonen, sind besonders gefährdet?

Das sind Patienten mit Krebserkrankungen, Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck, mit bestehenden Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch alle Menschen mit Immunsuppression, also Transplantierte oder Rheumapatienten. Die Menschen, die älter als 80 Jahre sind, haben die höchste Todesrate. Sie haben auch die größte Zahl an Begleiterkrankungen. Aber es ist eine Fehlannahme, dass nur die 80-Jährigen und noch Älteren sterben.

An Bluthochdruck und Diabetes leiden ja sehr viele Menschen: Müssen sich da jetzt wirklich alle fürchten?

Es kommt immer auf die Kumulation der Risikofaktoren an. Es ist sicher nicht so, dass jemand, der einen Risikofaktor hat, garantiert schwer krank werden wird. Aber wenn jemand Hypertonie, Herzinsuffizienz, Diabetes und ein Lungenproblem hat, hat er ein gravierendes Risiko für einen schweren Verlauf. In meinen Augen muss sich niemand fürchten, nur weil er Blutdrucktabletten zur Kontrolle des Blutdrucks nimmt.

'Worauf kommt es nun besonders an?

Es ist ganz wichtig, den Menschen zu sagen, dass wir alles versuchen, um an jeder erdenklichen Front für sie zu sorgen in dem Ausmaß, wie wir es können.
Es ist wichtig, dass die Menschen uns unterstützen, indem sie die Richtlinien befolgen. Und natürlich benötigen wir Freiwillige aus Bereichen wie den freiwilligen sozialen Institutionen, Medizinstudenten etc., die uns bei einer möglicherweise großflächigen Versorgung von Patienten helfen.
Aus dem rein professionellen Personal allein ist das nicht bewältigbar, wenn sich alles so entwickelt, wie es anzunehmen ist.

Quelle

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