Salzburg hilft - ein Nachmittag für freiwilliges Engagement

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Salzburg hilft - ein Nachmittag für freiwilliges Engagement, war eine Veranstaltung vom Land Salzburg.

Einleitung

Gut 150 ehrenamtliche Helfer in Sachen Flüchtlingstransit und Asylwerber trafen sich am Freitagnachmittag, den 30. Oktober 2015, im Festsaal der Stadt Neumarkt am Wallersee. Mit dabei waren auch zahlreiche Asylwerber. Der Stadtschreiber Neumarkt am Wallersee war dabei und hat nachstehende Reportage dazu geschrieben, die er dem Salzburgwiki zur Verfügung stellt:

Präsentationen, Thementische, Podiumsdiskussion und Kabarett

Der von Wolfgang Schick (Leiter des Referats Jugend, Generationen, Integration beim Land Salzburg) moderierte Nachmittag begann mit Begrüßungsworten von Mag.a[1] Martina Berthold (Ländesrätin für Integration und Grundversorgung) und DI Adi Rieger (Bürgermeister der Stadt Neumarkt am Wallersee). Bürgermeister Rieger wies darauf hin, dass Neumarkt seit 20 Jahren Asylerwerber beherbergt, aktuell 79 in drei Unterkünften. Darüber hinaus hatte sich im September dieses Jahres die unabhängige „Plattform Neumarkt für Menschen“ gegründet. So wie Landesrätin Berthold bedankte sich auch Rieger bei allen im Bundesland Salzburg tätigen Freiwilligen. Er dankte ihnen im Besonderen dafür, dass sie sich trotz vieler Beschimpfungen und Kritik nicht beirren lassen und für die Flüchtlinge und Asylwerber da sind.

Flucht, Vertreibung und Wanderung sind Teile der Menschheit(sgeschichte)

In einem Gespräch mit Ingo Vogl ging es um das Thema „Trauma erzeugt eine Lücke – wie kann damit umgegangen werden?“. Vogl, der als Kabarettist bekannt ist, ist Sozialarbeiter und seit 21 Jahren Rettungsfahrer beim Roten Kreuz. Er erzählte, wie er begonnen hatte, darüber nachzudenken, wie man den Angehörigen von Verunglückten und den Ersthelfern helfen könnte, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Vogl selbst war bei der Brandkatastrophe der Gletscherbahn in Kaprun am 11. November 2000 im Einsatz. Zur derzeitigen Flüchtlingsbewegung meinte Vogl, dass dies Menschen mit noch einmal einer anderen Geschichte seien. Aber, und so endete er, „zum Glück zerstört uns ein Trauma nicht ganz, Kräfte in uns werden mobilisiert“.

Susanne Kerschbaumer, Leiterin des Integrationshauses der Diakonie, stellte ihre „Bleib-Steh-Cafés als Methode zur Lösung von Konflikten in der Nachbarschaft vor“. Ausgangsüberlegungen waren die andauernden Nachbarschaftskonflikte in Wohnanlagen in Salzburg-Lehen und Liefering: Lärm, mangelnde Mülltrennung, Besuche und Untermieter; Kerschbaumer und ihr Team stellten sich die Frage, ob es sich dabei um Ignoranz oder Unwissenheit, Angst vor Fremden, handelt. Sie beschlossen, mit den Betroffenen auf neutralem Boden darüber zu reden. Neutral erschienen ihnen die Innenhöfe der Wohnanlagen, wohin sie mit Stehtischen, Kaffee und Knabbereien gingen – das „Bleib-Steh-Café“ war geboren. Vorsatz bei jedem dieser „Bleib-Steh-Cafés“ war: Zwei kultursensible Standbetreuer und keine Voreingenommenheit. Und so stellte sich beispielsweise heraus, dass der „unheimliche nächtliche Besucher, der die Treppen spätnachts hinauf schlich“ der Nachbar „von oben“ ist, der wegen seines Schichtdienstes oft erst spätnachts nach Hause kommt.

„Flucht im globalen Kontext – gestern – heute – morgen“, Stefan Wally, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, beleuchtete die Entwicklung der Menschheit. Dabei stellte er fest, dass die Menschen immer gewandert, geflohen waren: von kargen Böden in Gebiete mit ertragreicherem Ackerboden, zu Stätten der Arbeit – hier erwähnte er Schwaz in Tirol, das vor einigen Jahrhunderten Zentrum des europäischen Bergbaus mit zehntausenden von Arbeitern war, die nach dem Ende des Bergbaus wieder weitergezogen waren. Um 1900 verbesserte sich die Mobilität stark und heute ist die Vernetzung schon sehr global. Wally meint also, dass Flucht, Vertreibung und Wanderung immer schon ein Teil unsere Menschheitsgeschichte waren und es bleiben werden. Der Schulsprecher der HAK.HAS Neumarkt, David Biro, stellte zusammen mit einem Kollegen die gerade abgeschlossenen Projekttage „Wir und die anderen“ vor. 43 Schüler in zehn Gruppen gingen den Fragen nach Gebräuchen, Gesetzen und anderem anderer Kulturen nach.

Im letzten Gespräch der Einleitungsrunde ging es mit Ingrid Weydemann MAS, Leiterin des Museums in der Fronfeste und der „Plattform Neumarkt für Menschen“, und Mag. Johannes Dines, Direktor des Caritasverbandes der Erzdiözese Salzburg, um „Integration und Ehrenamt“.

Thementische und Vernetzungsmöglichkeiten

Ehrenamt – Flüchtlinge gut integrieren, eine Podiumsdiskussion

Unter der Leitung von Michael Mair (ORF, Chef vom Dienst und Moderator bei „Salzburg heute“) diskutierten Landesrätin Martina Berthold, Ingrid Weydemann, Brigitte Leister (Koordinatorin für Sprachtraining im Freiwilligen Netz des Diakoniewerkes), Sirikit Reuchlin (vielfältiges und internationales ehrenamtliches Engagement), Eva Schaflinger (Integrationsfond KAMA) und Hansjörg Obinger (Bürgermeister der Stadt Bischofshofen, aktives Engagement u. a. Projekt „Buntes Bischofshofen, Integrationskindergarten Neue Heimat“).

Mit dem Dolch im Gewande geht er zur Schule

Sirikit Reuchlin hat sich im Zeltlager Alpenstraße in der Stadt Salzburg mit verschiedenen Deutsch-Unterrichtsformen eingebracht. Aber nur wenige kämen zu einem Deutschunterricht, der von einer Frau gehalten werde. Da sie lange Zeit im Norden von Pakistan lebte, hat sie Erfahrung im Umgang mit Sikhs und kümmert sich im Besonderen um sie. So brachte sie Sikhs aus dem Zeltlager bei, dass man in Österreich nicht mit einem Dolch in der Kleidung in die Schule geht (in Pakistan schon) und dass man bei uns mit Messer und Gabeln isst. Die Sache mit der Ehefrau – bei den Afghanen sucht der Vater die Braut, bei den Syrern der Mann sich selbst – dauerte sechs Nachmittage bei Frau Reuchlin zu Hause, um vier afghanischen Asylwerbern klar zu machen, dass man in Österreich sich selbst die Frau aussucht und sie vor allem nicht schlägt!

Brigitte Leister sieht ihre Hauptaufgabe darin, dafür zu sorgen, dass es ihren Mitarbeitern gut geht. Ingrid Weydeman sieht in der Arbeit mit Asylwerbern auch die Möglichkeit, neue Freunde zu gewinnen und Erfolgserlebnisse im miteinander umgehen.

Eva Schaflinger von KAMA berichtete, dass sie die Sache umgekehrt angehen: die Einheimischen sollen von den Asylwerbern lernen. Sie bietet beispielsweise pakistanische Tanz- oder persische Kochkurse an.

1:0 für die barfüßigen Afghanen

Für Bürgermeister Obinger ist es wichtig in Bischofshofen den Asylwerbern langfristig eine Heimat bieten zu können. Er sieht auch in den vielen jungen Menschen gute Arbeitskräfte und bei einem Verhältnis zwischen Asylantragstellenden und Asylerhaltenden von 50:50 gute Chancen sie auch zu bekommen und zu halten. Er meinte: „Warum nicht einmal mit der Landjugend ein Fußballspiel?“, worauf jemand anmerkte, dass der Sieg wohl auch eine Sache des Schuhwerks sein wird.

Und noch etwas sagte der Mann aus Bischofshofen, was dem Stadtschrei(b)er im Gedächtnis blieb: Ehrenamtliche brauchen lokale Persönlichkeiten, die den Asylanten ein „Gesicht“ geben. Denn der Asylant kann nicht so schlecht sein, „…wenn der Heini mit ihm herumgeht“.

„einfach raus“

Von Moderator Mayr zum Thema Freifahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln für Asylwerber befragt, meinte Landesrätin Berthold, dass sie sich dies wünsche, schon Gespräche führt, aber es fehlt an Geld. Bürgermeister Obinger warf auf die Frage aus dem Publikum, warum die Asylwerber nicht einfach so frei fahren könnten, ein, dass die Bevölkerung kein Verständnis für solche Ausnahmen zeigen würde. Als eine Betreuerin von Asylwerbern aus Tenneck erzählte, dass sie eben das ÖBB-Ticket „einfach raus“ für mehrere Leute kaufe, meinte Moderator Mayr schmunzeln, dass man derzeit vorsichtig sein sollte mit „einfach raus“ (möge jeder hinein interpretieren, was ihm dazu gefällt).

Arbeit wäre sehr wichtig, denn sie gibt dem Menschen seinen Wert zurück

Landesrätin Berthold informierte dann noch über einen Kulturkatalog für Personen, die mit Asylwerbern arbeiten. Dieser sei in Arbeit und solle helfen, die Grenzen und Bräuche der fremden Nationen den österreichischen Helfen besser zu vermitteln. Zum Thema Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber meinte Berthold, dass sich die Grünen dafür einsetzen, aber noch keine Fortschritte erzielt wurden. Arbeit wäre sehr wichtig, denn sie gibt dem Menschen seinen Wert zurück, sagte die Landesrätin abschließend.

Seitenblicke und „Nachmittagssplitter“

Es gibt Menschen, die, wie ich, etwas Fotografieren oder sich dazu schriftliche Notizen machen. Es gibt aber auch Menschen, die hören nur zu und zeichnen gleich das Gehörte. „grafic recording zum Weiterarbeiten“ nannte man dies bei dieser Veranstaltung, ausgeführt von der jungen Salzburger grafic-Künstlerin Anita Berner. So entstand im Laufe des Nachmittags eine etwa fünf Meter lange und gut einen Meter breite Zeichnung, die Momente dieses Nachmittags festhielten.

Nomi, Luma Soman und Nidal Nazal und andere waren für die kulinarischen Beiträge „aus aller Welt“ verantwortlich. Angeboten wurden diese Speisen von „rund um den Erdball“ im Foyer des Festsaals, wo sich alle Teilnehmer bei Speis und Trank zwischen den Vorträgen, Thementischen und der Podiumsdiskussion erholen konnten. Am Büchertisch der Rupertus Buchhandlung bot Klaus Seufer-Wasserthal eine Auswahl an passender Literatur an und am Thementisch „Bauern helfen Bauern“ gab Doraja Eberle gerne Auskunft darüber. Über ihr Buch „Spuren der Nächstenliebe“ wird der Stadtschrei(b)er zu einem späteren Zeitpunkt noch berichten.

Während Jian Kang und Tayir Mayir mobile Mikrofone im Festsaal im Publikum bei Diskussionen herumreichten, sorgten Hischan Alkanan, Saad und seine irakischen Freunde an der Garderobe für Ordnung.

Und zur Entspannung aller gab zum Schluss Ingo Vogl als Kabarettist noch einiges zum Besten. Beispielsweise als Rot-Kreuz-Helfer, der in Salzburg einen jungen Mann „einsammelte“, der eine Droge genommen hatte. Aber ohne seine beiden „Engerl“ ließ sich der junge Mann nicht ins Krankenhaus einliefern. Das Problem: eines seiner beiden „Engerl“ saß auf einem Baum und wollte partout nicht einsteigen. „Jetz‘ is herin“ waren die „erlösenden“ Worte des Patienten und Vogl fuhr los.

Nachwort

Der vom Land Salzburg organisierte Nachmittag für Freiwillige bot eine Fülle an Informations-, aber vor allem auch Gesprächsmöglichkeiten. Es war wohl mehr ein Arbeitsnachmittag denn entspannende Stunden, doch gingen alle mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause. Die Themen und die Menschen dieses Nachmittags haben dem Stadtschrei(b)er wieder einmal vor Augen geführt, wie wichtig ehrenamtliche Tätigkeit ist und wünschen wir uns und unseren nachkommenden Generationen, dass die These des Stefan Wally, dass Flucht, Vertreibung und Wanderung Teil unserer Menschheitsgeschichte bleiben werden, nicht allzu stark für uns hier zutreffen wird.

Weblinks

Quelle

Einzelnachweis

  1. Bis 2006 war "Magister" (männlich) bzw. (seit 1993) "Magistra" (weiblich) der übliche akademische Grad für die meisten Studien auf Master-Niveau. "Mag." ist die gesetzliche (§55 Universitätsgesetz 2002) Abkürzung sowohl für "Magister" als auch für "Magistra", wohingegen aber auch (aus gleichstellungspolitischen Motiven) die Abkürzung "Mag.a" für "Magistra" propagiert und verwendet wird.