Wirtschaft

Arbeiten in der Wolke

Die Digitalisierung stellt die Arbeitswelt auf den Kopf. Die stabile Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer löst sich immer öfter auf - die Flexibilität neuer Arbeitsformen birgt große Herausforderungen.

Arbeiten in der Wolke SN/Nmedia - Fotolia
Die Digitalisierung schafft neue Begegnungszonen für Arbeitgeber und -nehmer.

Die Einschätzungen, ob die Digitalisierung ein Segen oder ein Fluch für die Arbeitswelt ist, lesen sich streckenweise wie ein Wetterbericht - das Spektrum der Meinungen reicht von heiter bis wolkig.

Für Andreas Boes, Ökonom am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München, bringt die Digitalisierung eine "Revolution der Arbeitswelt" mit sich. Die größte Herausforderung sieht er darin, den Status des Arbeitnehmers neu zu definieren und damit einhergehende Schutzrechte nicht aufzugeben, sondern an geänderte Gegebenheiten anzupassen. Alles andere wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, sagte Boes anlässlich der 10. Sozialstaatsenquete des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger und des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) am Freitag.

Wifo-Leiter Christoph Badelt will die mit der Digitalisierung des Arbeitens einhergehenden "Probleme nicht wegreden und diese neue Arbeitswelt nicht idealisieren". Man dürfe nicht übersehen, dass in Österreich trotz Rekordbeschäftigung beim Arbeitsvolumen noch immer nicht das Vorkrisenniveau vor 2008 erreicht sei. Und die Digitalisierung verstärke diese Entwicklung noch.

Badelt tritt dennoch dafür ein, sich dem Thema optimistisch zu nähern und die Chancen zu nutzen. Der Perspektive, die neuen Arbeitsformen seien der Inbegriff der Ausbeutung, könne man auch entgegenstellen, dass sie ein "geniales Konzept sind, um Angebot und Nachfrage zusammenzubringen", sagte Badelt, und zwar zu extrem niedrigen Transaktionskosten. Dass man sich auf den Plattformen für die Vermittlung registrieren müsse, bringe ein gewisses Maß an Sicherheit, zudem sei die Flexibilität dabei symmetrisch verteilt.

Dennoch stellten sich Fragen der sozialen Absicherung völlig neu. Wie könne man für Menschen, die längere Zeit oder ein Leben lang unter diesen Bedingungen arbeiteten, die Absicherung im Krankheitsfall, in der Karenz oder im Alter sicherstellen? Die Herausforderung sei, diese Beschäftigten überhaupt in das Sozialsystem hineinzubringen. Für Badelt führt an der Grundsatzdebatte über die Organisation des Sozialstaats damit kein Weg vorbei, die gehe weit über die Frage der Finanzierung hinaus. Daher sollte auch eine Wertschöpfungsabgabe nicht isoliert diskutiert werden.

Neue Arbeitsformen wie Crowdsourcing, gemeint ist das Auslagern von Tätigkeiten aus Unternehmen an eine Gruppe externer Personen, sind für Boes nur das oberflächlich Sichtbare einer viel tiefer gehenden Veränderung. Er spricht von einem völligen Umbruch in der Produk tionsweise des Kapitalismus, der dadurch ausgelöst werde, dass mit dem Internet nicht nur ein Informationsraum entstehe, sondern für Unternehmen ein neuer Raum der Produktion. Das eröffne neue Möglichkeiten der Organisation von Arbeit und Wertschöpfung, sagt Boes. Ihn treibt die Sorge, dass mit der Abkehr von einem System gesellschaftlicher Arbeit, in dem der Status des Arbeitnehmers im Mittelpunkt steht, auch die Institutionen in Bedrängnis kommen, die Schutz bieten - die Rechte auf Mitbestimmung, das Arbeits- und Tarifrecht oder die Sozialversicherung.

Hauptverbands-Vorständin Ulrike Rabmer-Koller warnt hier vor Panik, schließlich seien in Österreich Erwerbstätige in jeder Form von der Sozialversicherung erfasst, aber es gelte sich auf Neues vorzubereiten.

Neue Arbeitsformen werfen auch juristische Probleme auf. Martin Risak, Arbeits- und Sozialrechtler an der Universität Wien, verwies darauf, dass die Fülle der online verfügbaren Informationen mehr Möglichkeiten zur Kontrolle biete. Wer online arbeite, hinterlasse Spuren, die besser ausgewertet werden können als das, was im Büro passiere.

Da das Arbeitsrecht in einigen Bereichen der über Onlineplattformen organisierten Arbeit nicht greife, müsste man über Schutz- und Mitwirkungsrechte für arbeitnehmerähnliche Personen und Kleinstunternehmer diskutieren. Man müsse sich aber auch darauf vorbereiten, dass eine steigende Zahl von Personen mit schwankenden Einkommen und unterbrochenen Versicherungsverläufen entweder bedeute, dass sie sehr niedrige Pensionen erhalten oder höhere Zuschüsse des Staates nötig werden.

Sylvia Kuba, Expertin der Arbeiterkammer Wien, ortet bei Plattformen ein hohes Maß an Intransparenz. Interessant sei auch, dass der Begriff Arbeit vermieden werde, es gebe stattdessen Helplinge, Mitnehmer, User oder Mieter. Zudem würden Personen, die über diese Plattformen vermittelt würden, ständig bewertet, die Kriterien dafür seien aber nicht immer klar. Sie sieht die Politik gefordert, hier klare Regeln für Plattformen zu schaffen.

Kuba legte Ergebnisse einer Onlineumfrage unter 2000 Personen vor. Fünf Prozent gaben an, wöchentlich für eine Plattform zu arbeiten - das Spektrum reicht von hochspezialisierten Diensten bis zu einfachen Büroarbeiten - für die meisten sei es aber nur ein Zubrot.

Aufgerufen am 13.11.2018 um 10:15 auf https://www.sn.at/wirtschaft/arbeiten-in-der-wolke-906001

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