Energiearmut geht vor allem die Politik an

117.000 Haushalte können sich die Energie für ihre Wohnung kaum leisten. Kälte und steigende Preise verschärfen das Problem.

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Wirtschaft | National & International Helmut Kretzl

In diesen Wochen kommen zwei Effekte zusammen, die jeder für sich schon unangenehm genug sind.
Da ist die selbst für die Jahreszeit ungewöhnlich kalte Witterung - der Jänner war der kälteste seit rund
30 Jahren. Dazu kommen steigende Preise für Öl und Gas. Was für viele eine gewisse Unannehmlichkeit bedeutet, kann für jene, die an der Armutsgrenze leben, existenzbedrohende Ausmaße annehmen. In Österreich erfüllen 117.000 Haushalte die zwei Kriterien, nach denen die Statistik Austria "Energiearmut" definiert: Sie sind armutsgefährdet und haben gleichzeitig überdurchschnittlich hohe Kosten für die zum Wohnen benötigte Energie, vor allem Heizen, Warmwasser und Licht. Diese Haushalte müssen 23 Prozent ihres Monatseinkommens für Wohnenergie aufwenden, wobei allein die Heizkosten deutlich höher sind als in durchschnittlichen Haushalten. Das Phänomen war bekannt, die Zahlen dazu sind neu.

Betroffen sind vergleichsweise wenige Haushalte, konkret 3,1 Prozent. Andererseits ist das viel, wenn man sich bewusst macht, dass Armutsbegriffe stets Definitionssache sind. Ein Blick auf Struktur und Verteilung der Energiearmut im Land zeigt, dass es nicht die eine Ursache und somit auch nicht die eine Lösung für dieses Problem gibt. Wohl lassen sich den von Energiearmut Betroffenen gewisse Muster zuordnen - sie leben doppelt so oft in Ein-Personen-Haushalten, sind tendenziell älter und leben öfter in (schwerer beheizbaren) Ein- oder Zweifamilienhäusern. Auffallend ist auch, dass der Anteil von Ölheizungen deutlich höher ist, während es keine signifikanten Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt.

Genau diese Vielschichtigkeit macht klar, dass es nicht die eine große Schraube gibt, an der man drehen kann, um die Lage der rund 250.000 von Energiearmut betroffenen Menschen zu verbessern. Dazu gehören Maßnahmen zur Wärmedämmung und zum Energiesparen ebenso wie der Ruf nach mehr Transparenz der Anbieter. Aber auch der Einzelne kann etwas tun, um seine Situation verbessern, indem er den Energieanbieter wechselt oder sich informiert, ob es finanzielle Erleichterungen in Form von Befreiungen gibt. Damit verlässt man aber den Markt und begibt sich in die Sozialpolitik, die nicht dabei zusehen darf, dass eine warme Wohnung für Menschen in Österreich zum unfinanzierbaren Luxus wird.

Das ändert freilich nichts daran, dass die Liberalisierung der Strom- und Gasmärkte mehr Wettbewerb gebracht hat. Mehr Anbieter rittern um Kunden, die von deutlichen Preissenkungen profitiert haben.

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