Herr Trump und sein Gespür für Angst und Wut

Der neue Präsident der USA ist kein Heilsbringer. Aber seine Wahl könnte sich als heilsamer Schock für die etablierte Politik erweisen.

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Wirtschaft | National & International Richard Wiens

Dass Donald Trump seine Präsidentschaft behutsam angehen würde, hat ohnehin niemand erwartet. Seine Ansage, er werde die USA am ersten Tag per Dekret aus dem Handelspakt TPP mit den Pazifikländern herauslösen, ist für viele dennoch ein Schock.

Als Geschäftsmann ist Trump auf allen Kontinenten präsent, stehen ihm weltweit die Türen offen. Als Präsident der Vereinigten Staaten will er der Welt jedoch nicht die Hand entgegenstrecken, sondern ihr den Rücken zukehren. Beim gegenwärtigen Trend, den Egoismus der Nationalstaaten vor die grenzüberschreitende Kooperation zu stellen, sollen die USA unter Trump Vorreiter sein. Dabei ist es ihm gleichgültig, ob er internationale Partner brüskiert - er ist kein Diplomat. Beim Volk kommt das gut an. Ebenso wie seine Ansage im Wahlkampf, unter ihm als Präsident würden "Land und Leute nicht länger vor dem falschen Lied der Globalisierung kapitulieren".

Angst vor der Digitalisierung? Trump setzt auf die Schwerindustrie und Kohle. Angst vor der Globalisierung? Trump kündigt die Handelsverträge. Angst vor der Immigration? Trump baut eine Mauer. Der Mann scheint für alles ein Patentrezept zu haben. Ob es wirkt, ist fraglich, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass Trump den Verlierern das Gefühl gibt, er verstehe ihre Ängste und er teile ihre Wut.

Ihnen muss das Versprechen, Amerika wieder groß und stark zu machen, wie Honig hinuntergehen. Sie schöpfen Hoffnung, dass es ihnen unter Trump wieder besser geht, dass ihnen kein Einwanderer den Job wegschnappt, dass US-Produkte chinesische Massenware wieder vom Markt verdrängen und ihnen Einkommen und Arbeitsplatz sichern. Es wird schwer für Trump, dem gerecht zu werden, aber diese Welle der Hoffnung trug ihn ins Amt. Dass Waren und Dienstleistungen global gehandelt werden, wird auch er nicht aufhalten. Aber sein unverhohlener Protektionismus muss ein Weckruf für alle sein, die weiter für eine offene Welt eintreten, in der Länder friedlich miteinander kooperieren und regen Handel treiben.

Dass Außenhandelspolitik durch kluge Sozial- und Wirtschaftspolitik ergänzt werden muss, um Vorteile der Globalisierung gerecht zu verteilen und Nachteile abzufedern, wurde von vielen Politikern zu lange unterschätzt. Spätestens mit Trumps Wahlsieg muss ihnen klar geworden sein, dass es nicht reicht, Globalisierung als Mantra zu beschwören. Das Volk muss auch spüren, dass mehr Freiheit und Freizügigkeit gut ist und ihm nützt. Wenn dieses Umdenken gelingt, war Donald Trumps Wahl doch für etwas gut.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 09:01 auf https://www.sn.at/wirtschaft/herr-trump-und-sein-gespuer-fuer-angst-und-wut-862405

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