Lehre oder Schule - oder besser doch beides?

Eine gute Berufsausbildung über die Lehre und eine solide schulische Allgemeinbildung - das Land braucht Junge, die beides haben.

Autorenbild
Wirtschaft | National & International Richard Wiens

Österreich erntet wieder einmal Lob für seine Lehrlingsausbildung, diesmal von der EU-Kommission. Die sucht nach Rezepten, der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa beizukommen, da fällt der Blick unweigerlich auf Länder, die seit Jahren mit Erfolg auf die duale Berufsausbildung setzen. So sieht man das also von außen. Und wie fällt die Beurteilung der Lehre in Österreich aus?

Hier hallt seit Jahren das Wehklagen der Betriebe durchs Land, Österreich gingen die Fachkräfte aus. Warum ist das so? Weil die Unternehmer bei der Lehrlingsausbildung versagen und zu wenige Lehrstellen anbieten, sagt die Gewerkschaft. Weil die Schulen versagen und immer öfter Schüler ins Leben entlassen, die nicht rechnen und schreiben können und nicht arbeiten wollen, sagen die Unternehmer. Und was sagen jene, die eine Lehre erfolgreich absolviert haben, also zu den händeringend gesuchten Fachkräften zählen? Die wissen über ihre Fähigkeiten und ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt Bescheid und machen sich um ihr berufliches Fortkommen keine Sorgen.

Ein Anlass, mit bildungspolitischen Mythen aufzuräumen. Etwa dem, dass eine Lehre nur macht, wer zu dumm für die Schule ist. Tatsächlich haftet jenen, die sich für eine Lehre entscheiden, immer noch der Makel an, sie täten es nur, weil ihnen keine andere Wahl bleibe. Da steckt zwar ein wenig Wahrheit drinnen, denn wer als Schüler den Sprung in die Oberstufe - ins Gymnasium oder in eine berufsbildende höhere Schule - nicht schafft, der muss, wie man so sagt, eben arbeiten gehen. Aber nicht für alle ist es eine Strafe, die Schule zu verlassen. Manche zieht es früh und aus freien Stücken "in die Praxis". Erfreulich ist dennoch, dass immer mehr junge Menschen in der Lehre auch wieder Geschmack am Lernen finden und Matura machen. Die Kombination aus beruflicher und allgemeiner Bildung erhöht ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt noch einmal. Umgekehrt sollten wir den Mythos begraben, AHS-Maturanten seien zum Studium verdammt, weil sie so gar nichts von dem können, was das Leben ausmacht. Wer die Augen aufmacht, sieht viele Studenten, die nebenbei in den Arbeitsmarkt hineinwachsen und sich so die Praxis holen. Jugendliche danach zu bewerten, ob sie einen Beruf erlernen oder studieren, ist die falsche Sicht. Die künftige Jugend wird immer öfter beides machen, vielleicht in unterschiedlicher Abfolge, aber sie lässt sich nicht in Schubladen stecken.

Aufgerufen am 11.12.2018 um 04:39 auf https://www.sn.at/wirtschaft/lehre-oder-schule-oder-besser-doch-beides-5965888

Schlagzeilen