Wirtschaft

Metaller beißen auf Granit

Die Gewerkschafter lehnen niedrigere EU-Inflation als Verhandlungsbasis strikt ab. Sie wollen "Druck aufbauen", die Industrie warnt indes vor dem Verlust von Arbeitsplätzen.

Metaller beißen auf Granit SN/dpa/dpaweb
Bei den Metaller-Verhandlungen sprühen die Funken.


Die Empörung war groß nach dem Scheitern der dritten Verhandlungsrunde in der Metallindustrie. Gewerkschafter tobten über "unannehmbare Forderungen" der Arbeitgeber. Erstmals bei diesen Lohnverhandlungen fiel das Wort "Arbeitskampf", vereinzelt war schon von "Streik" die Rede. Ein Teilnehmer sprach von einer "frechen Provokation, wie ich sie in zwölf Jahren nicht erlebt habe".

Was die Gewerkschafter so in Rage brachte? Einerseits die Weigerung der Arbeitgeber, bei den Verhandlungen zu einem neuen Kollektivvertrag (KV) die Mindestlöhne und -gehälter anzuheben - aus Gründen der Beschäftigungssicherung, wie es heißt. Außerdem zahle die Branche mit 1680 Euro ohnehin über dem Mindestlohn.

Größter Stein des Anstoßes ist aber die Tatsache, dass der Fachverband Maschinen und Metallindustrie (FMMI) fordert, im neuen KV die EU-weite Inflation zu berücksichtigen. Bisher war stets die nationale Inflation - der Durchschnitt der vergangenen zwölf Monatsraten - Ausgangsbasis für die Lohnverhandlungen. Dieser Wert liegt heuer mit 1,7 Prozent erheblich über dem EU-Wert von 0,5 Prozent.

Die Arbeitgeber argumentieren mit der starken Exportausrichtung der Branche über 80 Prozent. Außerdem, sagt FMMI-Verhandler Veit Schmid-Schmidsfelden, habe "die Frage der Einkommen nur bedingt mit Inflation zu tun". Denn die Produktpreise für Metallwaren und Maschinen seien von der Teuerung im Inland unabhängig. Man müsse einer "signifikanten Spreizung" zwischen der heimischen Inflation und jener in Ländern wie Deutschland (0,8 Prozent) oder Italien (zuletzt -0,1 Prozent) ins Auge blicken. Man sei bereit zu einer Anhebung der Ist-Löhne, dürfe dabei aber nicht übertreiben, sagt Schmid-Schmidsfelden. Die Produktion sei rückläufig, auch der Jobmotor stottere, "wir haben erstmals die Zahl von 120.000 Mitarbeitern unterschritten". In einem Jahr, "wo es darum geht, Standorte und Prozesse zu erhalten, ist es besser, bescheiden zu sein" und damit Arbeitsplätze abzusichern.

Auch Wirtschaftsforscher finden diese Argumentation "volkswirtschaftlich problematisch". Eine Orientierung an sinkenden Preisen (Deflation) in anderen Ländern würde den Spielraum einschränken, auch international seien Abschlüsse unterhalb der Landesinflation unüblich, meinen Experten von IHS und Wifo. Für Rainer Wimmer, den Chef der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, ist das in keiner Weise tragbar. "Wir verhandeln ja nicht für Italien, Polen oder die Slowakei, die Mitarbeiter müssen ihre Existenz bei uns absichern." Ähnlich Karl Proyer von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp). Er sieht darin den Versuch, die Kaufkraft der Mitarbeiter zu schmälern. Das sei "weder modern noch innovativ, das ist ein neoliberaler Klassiker, Klassenkampf von oben". FMMI-Obmann Christian Knill kontert: Anstatt auf alte Traditionen zu pochen, solle die Gegenseite "Realitätssinn zeigen und in der Jetztzeit ankommen".

So kämpferisch sich die Arbeitnehmer auch geben, bis 28. Oktober werden sie sich damit begnügen, "Druck aufzubauen". Das beginnt heute mit Betriebsratskonferenzen. Salzburger Belegschaftsvertreter treffen in Innsbruck mit Kollegen aus Tirol und Vorarlberg zusammen.

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