Wirtschaft

Österreich braucht viele Zuwanderer

Ohne verstärkte Zuwanderung aus Drittstaaten wird Österreich spätestens in 15 Jahren zu wenige Arbeitskräfte haben. Ein EU-Projekt an der Fachhochschule Salzburg widmete sich den Szenarien für den Großraum Wien.

Österreich braucht viele Zuwanderer SN/Ingo Bartussek - Fotolia
Fachkräfte werden in den nächsten Jahren immer stärker gefragt sein.

In den nächsten Jahrzehnten wird in Österreich der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland steigen. Denn ohne Zuwanderung wird unser Land nicht in der Lage sein, die ab 2020 einsetzende Pensionswelle der sogenannten Babyboomer-Generation zu ersetzen, weil die Geburtenrate im Inland dafür viel zu gering ist. Mit den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf den größten Ballungsraum Österreichs, die Bundeshauptstadt Wien, befassten sich Zukunftsforscher an der Fachhochschule Salzburg in Puch-Urstein im Rahmen eines EU-Projekts.

Institutsleiter Markus Pausch sagt, Österreich brauche eine echte Zuwanderungspolitik. Dafür gebe es derzeit aber keinerlei Ansätze. Die Erfolge der Rot-Weiß-Rot-Karte, die seit Mitte 2011 qualifiziertes Personal aus Nicht-EU-Staaten nach Österreich locken soll, blieben bescheiden. Nach drei Jahren waren bis Mitte 2014 erst rund 5500 Schlüssel- und Fachkräfte gekommen, das Ziel waren 8000. Derzeit erkennt Österreich hier nur Masterabschlüsse an. Bei der von der ÖVP geforderten Ausweitung auf Bachelorabschlüsse (wie etwa an Fachhochschulen) legt sich bisher aber die SPÖ quer.

Eine zweite Vorgehensweise wäre es aus Sicht der Zukunftsforscher, dass Kinder von Zuwanderern im Schul- und Ausbildungssystem mehr beachtet werden. Denn einerseits seien die meisten von ihnen von Haus aus zweisprachig und das sei eine Chance. Andererseits müssten viele Zuwanderer mit Jobs Vorlieb nehmen, die unter ihrer beruflichen Qualifikation seien. Demograf Wilko Schröter sagt, "die politischen Akteure müssten gezielt Werbung machen. Eine leichtere Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen wäre wichtig."

Vergangene Woche hatte die Statistik Austria ihre jüngste Prognose zur Bevölkerungsentwicklung veröffentlicht. Demnach wird die Zahl der potenziell Erwerbsfähigen in Österreich bis 2020 noch um etwa 200.000 auf 5,4 Mill. Menschen zunehmen, dann aber wieder kontinuierlich und stärker sinken. Die Salzburger Forscher halten die Annahmen der Wiener Statistiker allerdings für zu optimistisch. Die Statistik Austria rechnet mit 200.000 zusätzlichen Bewohnern für Wien bis 2020, Pausch und sein Team, dem auch Heiko Berner und Elisabeth Zechenter angehören, sehen nur die Hälfte davon als realistisch an. Schröter begründet das so: "Die Österreicher in Wien sind im Schnitt 40 Jahre alt, die Migranten im Schnitt 30 Jahre. Das bremst die demografische Alterung nur. In der zweiten Generation gleicht sich die höhere Geburtenrate bei Zuwanderern nämlich an." Als Gründe dafür gelten etwa eine bessere Ausbildung und verstärkte Berufstätigkeit der Frauen. Das Hauptszenario der FH geht von einer sich etwas abschwächenden Zuwanderung aus, aber dennoch einem Anstieg der Bevölkerung von 1,75 auf über 1,85 Millionen bis zum Jahr 2020. Schröter: "Die Zuwanderung aus dem Ausland ist am wichtigsten. Österreicher wandern eher aus Wien ins niederösterreichische Umland ab."

Die FH-Forscher machen aber auch darauf aufmerksam, dass viele Zuwanderer auch wieder in ihre Heimatländer zurückgehen, wenn sich dort die Zustände verbessern. Das habe sich bei den Polen gezeigt, die nach dem EU-Beitritt zunächst in Massen nach Großbritannien ausgewandert seien, viele seien aber schon wieder zurück. In Österreich ging die Zuwanderung aus der Türkei stark zurück. Pausch: "Hier findet Rückwanderung statt."

Beim EU-Projekt "Making Migration Work for Development" wurden Migrationsströme in Österreich und Norditalien sowie in mehreren Balkanstaaten und Griechenland untersucht. Aus dem EU-Regionalfonds wurden dafür insgesamt 3,6 Mill. Euro zur Verfügung gestellt, davon entfielen rund 200.000 Euro auf die FH Salzburg.

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