Österreich

200 Jahre Inflation: Viel auf und ab und zwei Mal Hyperinflation

Dass Waren und Dienstleistungen jedes Jahr ein bisschen mehr kosten, daran haben sich die Österreicher längst gewöhnt.

200 Jahre Inflation: Viel auf und ab und zwei Mal Hyperinflation SN/Syda Productions - Fotolia

In der Volkswirtschaftslehre wird als Inflation (vom lateinischen Wort inflatio für Anschwellen) die Erhöhung des Güterpreisniveaus bezeichnet. Im gleichen Ausmaß sinkt damit die Kaufkraft des Geldes. In den vergangenen zwei Jahrhunderten gab es regelmäßige Wechsel zwischen steigenden (Inflation) und fallenden Preisen (Deflation). Aus dem Ruder verlief die Teuerung nach den beiden Weltkriegen, schreibt die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) in einer Analyse anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens.

Erst seit den 1950er Jahren steigen die Preise "verlässlich" Jahr für Jahr mehr oder weniger an. Als Grund für diese Entwicklung nennt die OeNB, dass sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten das ökonomische Denken stark gewandelt hat. Im 19. Jahrhundert war die Geldmenge an die Silber- oder Goldbestände gebunden. In den 1950er und 1960er-Jahren glaubte man an einen Abtausch zwischen Beschäftigung und Preisstabilität - erst seit den 1980er-Jahren rückte die Preisstabilität in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und nun gilt eine leichte Inflation - knapp unter zwei Prozent - als ideale Preisentwicklung.

In den ersten hundert Jahren der Nationalbank schwankte die Teuerung zwischen zehnprozentiger Inflation und fast gleich starken Deflationsraten. Ernteausfälle, Kriegsfinanzierung und der "Gründerzeitboom" vor dem Börsenkrach 1873 führten zu Inflationsperioden. Im Jahrzehnt nach dem Ende der Napoleonischen Kriege und in den zwei Jahrzehnten nach dem Börsenkrach von 1873 gab es dagegen Deflation, also die Preise sanken. "In Summe glichen sich Inflations- und Deflationsentwicklungen einigermaßen aus, weshalb das Verbraucherpreisniveau langfristig recht stabil war", schreibt die Nationalbank über das 19. Jahrhundert.

Dabei hat eine Ausweitung der Geldmenge nicht immer zu Inflation geführt. Vor 1867 war die Korrelation zwischen dem Wachstum des Geldumlaufs und der Inflation relativ hoch. Danach war sie bis 1913 relativ niedrig. Möglicherweise wirkte sich das überschüssige Geld zum Teil in den Vermögenspreisen statt in den Verbraucherpreisen aus, meint die Nationalbank.

Der Erste Weltkrieg veränderte alles

Dann kam der Erste Weltkrieg, in dem zunächst das Produktionspotenzial zerstört, und zugleich die Geldmenge zur Deckung der Kriegskosten erhöht und die Deckung mit Goldbeständen aufgegeben wurden. Von 1914 bis 1918 erhöhte sich der Banknotenumlauf um das Zwölffache. Die Inflation stieg im Krieg auf 84 Prozent, sodass das Verbraucherpreisniveau 1918 elf Mal höher war als 1914. Da die Notenpresse nach dem Krieg nicht stillstand, stieg die Inflation bis 1921 auf 205 Prozent und geriet 1922 mit 2877 Prozent endgültig außer Kontrolle. Die Verbraucherpreise stiegen von 1914 bis 1924 fast um das 14.000-fache. Erst ein Völkerbund-Kredit und eine Währungsreform brachten die Entwicklung zum Stillstand.

"Bemerkenswert war, dass die Notenbankleitung im Bewusstsein der zu erwartenden mittelfristigen Konsequenzen ihres Kurses auf die Hyperinflation zusteuerte, da sie vor den befürchteten kurzfristigen sozialen und politischen Folgen einer inflationseindämmenden Politik zurückschreckte" heißt es in der hauseigenen Analyse.

Bis zum Anschluss führte dann die sehr restriktive Geldpolitik zu fallenden Preisen. Aber auch nach der Liquidation der OeNB und der Einführung der Reichsmark fielen die Preise bis zum zweiten Weltkrieg weiter.

Der Zweite Weltkrieg brachte wie der Erste einen starken Rückgang der Produktionskapazitäten ("Potenzialoutput") und einen massiven Anstieg der Geldmenge. Der verhängte Preisstopp verhinderte trotzdem Inflation, die Teuerung lag zwischen 1940 und 1944 nur bei 1,2 Prozent. Trotz drastischer Maßnahmen zur Abschöpfung des Geldüberhangs gab es auch danach aber wegen des Mangels an Gütern und Nahrungsmitteln sowie des anhaltend hohen Geldüberhangs einen starken Inflationsschub. 1947 lag die Inflationsrate bei 97 Prozent. Sie konnte aber schon in den Jahren bis 1952 auf 20 Prozent gebremst werden und nach der Schaffung der unabhängigen modernen Nationalbank (1955) fiel sie bis 1971 auf eine Größenordnung zwischen zwei und vier Prozent.

Die Folgen der Ölpreisschocks der 1970er-Jahre

Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 und dem ersten Ölpreisschock 1974 kam es zu einem massiven Inflationsschub auf bis zu 9,5 Prozent (1974). Der zweite Ölpreisschock ließ nach einem zwischenzeitlichen deutlichen Rückgang die Teuerungsrate wieder auf sechs Prozent steigen. Damals tauchte erstmals Inflation Hand in Hand mit Rezession auf. Bis zum EU-Beitritt 1995 lag die Inflationsrate dann etwas über drei Prozent, die Schwankungen gingen zurück. In den ersten Jahren Österreichs als EU-Mitglied lag sie unter zwei Prozent, vor allem weil der Wettbewerb zunahm und der Druck groß war, die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Die letzten gut zwei Jahrzehnte schließlich seit Österreichs Beitritt zur EU und zur Wirtschafts- und Währungsunion stellen - auch in der sehr langfristigen Perspektive der 200-jährigen Geschichte der OeNB - für Österreich eine Phase sehr hoher Geldwertstabilität dar.

In Summe schließt die Nationalbank aus 200-jähriger Erfahrung: Auch wenn eine nationale Notenbank unabhängig ist und sich alle einig sind, dass Geldwertstabilität wichtig wäre, schützt dies im Ernstfall nicht vor einem Zugriff auf die Notenpresse: "In der kurzen Frist wog der staatliche Finanzbedarf allerdings oft schwerer als das Streben nach Geldwertstabilität." Im Gegensatz dazu "scheint die Erfahrung der Oesterreichischungarischen Bank dafür zu sprechen, dass eine ,supranationale' Notenbank in einer Währungsunion mehrerer Staaten die Zentralbankunabhängigkeit de facto stärken kann". Und gerade die Hyperinflationen und deren nachfolgende Eindämmung durch Währungsreformen waren mit hohen Kosten für breite Bevölkerungsschichten verbunden und erschütterten wiederholt und lang andauernd das öffentliche Vertrauen in das Geldwesen und die staatliche Ordnung.

Quelle: APA

Aufgerufen am 15.11.2018 um 07:45 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/200-jahre-inflation-viel-auf-und-ab-und-zwei-mal-hyperinflation-968101

Schlagzeilen