Wirtschaft

700 Millionen Euro für Zellkulturen in Wien

Mit einer Investition in Rekordhöhe stärkt Boehringer Ingelheim Österreich als Pharmastandort.

Wien erfährt eine Aufwertung als Pharmastandort.  SN/boehringer ingelheim
Wien erfährt eine Aufwertung als Pharmastandort.

7o0 Mill. Euro investiert das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim am Österreich-Standort in Wien und schafft damit 500 neue Arbeitsplätze. Es handle sich um die größte Einzelinvestition in der Geschichte des 1885 gegründeten Familienunternehmens. Damit stärke Boehringer Ingelheim nicht nur die Rolle Österreichs, "sondern auch den Pharmastandort Europa", sagte Philipp von Lattorff, Chef der Österreich-Tochter des deutschen Pharmariesen.

Als Gründe für den Ausbau in Wien - dem seinerzeit ersten Auslandsstandort des Konzerns - nannte Lattorff die hohe Qualität der Mitarbeiter, ein forschungsfreundliches Umfeld sowie den politischen Willen, ablesbar an einer Investitions- und Forschungsprämie. Damit steigt die Zahl der Mitarbeiter im Regional Center Vienna (RCV) auf 2400 Mitarbeiter, sie steuern auch die Aktivitäten in mehr als 30 Ländern Mittel- und Osteuropas sowie in Zentralasien.

Schon bisher hat das zweitgrößte deutsche Pharmaunternehmen am Standort Wien-Meidling biopharmazeutische Arzneimittel mithilfe von Mikroorganismen wie Bakterien oder Hefen hergestellt. In dem nach vierjähriger Bauzeit fertiggestellten neuen Produktionsgebäude werden nun erstmals Zellkulturen zur Herstellung solcher Wirkstoffe eingesetzt. Das erlaube höhere Produktionsmengen, zugleich sei so die Herstellung komplexerer Wirkstoffe möglich, sagt Uwe Bücheler, der konzernweit für den Bereich Biopharmazie zuständig ist.

Die neue Anlage - intern als LSCC (Large Scale Cell Culture) bezeichnet, also große Zellkulturanlage - hat eine Produktionskapazität von 185.000 Litern aus 48 Bioreaktoren, das bedeutet eine Erweiterung des Produktionsvolumens um 30 Prozent. In Wien sollen unter anderem Medikamente zum Einsatz gegen Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Multiple Sklerose (MS) hergestellt werden - in Eigenproduktion oder in Auftragsfertigung für Partnerunternehmen.

Das Werk ist als Mehrproduktanlage angelegt. Dank hoher Automatisierung und Flexibilität sei ein extrem schneller Produktwechsel möglich, sagt Christian Eckermann, der in Wien den Bereich Biopharmazie leitet. "Über 1000 mögliche Schaltungswege und 8000 Schaltungsventile können ganz unterschiedliche Produkte hergestellt werden, darunter auch solche, die wir heute noch gar nicht kennen."

Biopharmazie ist ein stark wachsendes Segment innerhalb der Pharmazie. Anders als bei der klassischen Erzeugung von Wirkstoffen durch chemische Verfahren nutzen Biopharmazeutika die Fähigkeit von Organismen, selbst neuartige Wirkstoffe herzustellen. Solche biotechnische Verfahren gewinnen an Bedeutung. Aktuell machen sie rund ein Drittel des Gesamtmarkts aus, in der Pipeline neuer Wirkstoffe sind es 40 Prozent.

Europa drohe im internationalen Wettlauf um Innovation zurückzufallen, warnt Vorstandschef Hubertus von Baumbach. Der Fachverband Chemische Industrie in Österreich (FCIO) fordert "ein freundlicheres Umfeld für die Branche" mit anonymisierten Patientendaten für die Forschung, mehr Anreizen für klinische Studien und einer fairen Erstattung für innovative Medikamente und Generika, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Boehringer Ingelheim erzielte 2020 mit 19,6 Mrd. Euro Umsatz ein Betriebsergebnis von 4,6 Mrd. Euro.

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