Österreich

"Ältere sind gute Fachkräfte und treu"

Die noch laufende Sommersaison dürfte wieder neue Rekorde im Tourismus bringen. In der Branche selbst allerdings rumort es.

"Ältere sind gute Fachkräfte und treu" SN/schö
Petra Nocker-Schwarzenbacher mit ihren Mitarbeiterinnen Hildegard Weiß (li.) und Michaela Hohenwallner.

Petra Nocker-Schwarzenbacher ist seit Juni 2014 Obfrau an der Spitze der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich. Die 52-jährige Salzburgerin führt in St. Johann im Pongau das Viersternehotel Brückenwirt mit 110 Betten. Mit den SN sprach sie über die Nachwehen der Steuerreform, ältere Mitarbeiter und die Burka.
SN: In Österreich wird über ein Burkaverbot oder die Pflicht, in öffentlichen Einrichtungen das Gesicht zeigen zu müssen, diskutiert. Wie sehen Sie das als Tourismusobfrau? Immerhin wären auch Gäste betroffen.
Petra Nocker-Schwarzenbacher: Ich glaube, es geht um das richtige Maß und Ziel und um Respekt. Wenn jemand eine Burka trägt und von Gesetzes wegen verlangt wird, dass man sich ausweisen muss, wenn man auf der Bank Geld abhebt, dann muss man das tun. Wenn ich in arabische Länder reise, muss ich mich auch daran halten, mich ordentlich zu bedecken. In Österreich haben wir die Kultur, dass wir uns freuen, wenn wir in lächelnde Gesichter schauen.
SN: Die erste Hälfte der heurigen Sommersaison ist sensationell gelaufen. Was ist übrig geblieben von dem Ärger rund um die Steuerreform, die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Registrierkassenpflicht?
Es geht ja nicht immer nur um das Geschäft, sondern die Rahmenbedingungen. 80.000 Betriebe stehen in Österreich in nächster Zeit zur Übernahme bereit. Und viele sind nicht glücklich. Es bereitet ihnen Sorge, wenn sie an die nächste Generation denken.
SN: Worüber ist die Aufregung am größten?
Die Strafen im Zuge der Kontrollen zur Einhaltung des Gesetzes gegen Lohn- und Sozialdumping sind exorbitant hoch. Da wird mit der Anzahl der Mitarbeiter multipliziert, und da kommen Horrorzahlen heraus. Dabei wären viele Leute in der Branche bereit, mehr zu arbeiten. Der Chef eines Après-Ski-Lokals hat mir gesagt, seine Leute haben früher in der Saison 5000 bis 6000 Euro im Monat verdient, natürlich haben die auch jeden Tag gearbeitet. Jetzt geht das nicht mehr, und die Mitarbeiter kommen nicht mehr. Die wollen in der Saison dort hingehen, wo sie in kurzer Zeit viel Geld verdienen.
SN: Hackeln bis zum Umfallen ist aber nicht gesund.
Natürlich nicht. Die meisten Mitarbeiter sind heute auch in unserer Branche viel freizeitbewusster und wollen Zeit mit der Familie verbringen. In meinem Betrieb haben wir eine Fünftagewoche, ich halte das durch, auch in der Hochsaison. Die Leute sind zufrieden und besser drauf und produktiver. Aber es gibt immer noch Lokale und Saisonbetriebe, die sagen: "Jetzt ist der Zeitpunkt, das Geschäft zu machen." Aber das ist nicht mehr möglich.
SN: Ist Österreich ein überreguliertes Land?
Ja, und das stößt den Betrieben mittlerweile am meisten auf. Dass die drei Prozent mehr Mehrwertsteuer kein Hit sind, darüber brauchen wir nicht zu reden. Und die Registrierkasse war insofern ein Problem, als man als ganze Branche in ein Gaunereck gestellt wurde. Es hat geheißen, die Registrierkasse bringt eine Milliarde Euro mehr Steuern. Angekommen ist das so: Alle ohne Kasse haben bis dahin alles schwarz gemacht.
SN: Haben wirklich so viele Wirte wegen der Registrierkassenpflicht aufgehört oder nur die, die ohnehin schon Probleme hatten?
Eher Letzteres. Es war bei manchen einfach der letzte Anstoß. Der herrschende Frust ist eine Summe aus vielen Dingen. Erst bekommt man keine Mitarbeiter, arbeitet selbst sieben Tage in der Woche, und dann hat man eine Überprüfung von der Lebensmittelkontrolle, die einem erklärt, man müsse die Fenster rausreißen oder einen neuen Boden reintun. Dann sagt man irgendwann: Es freut mich nicht mehr.
SN: Dauerthema ist die Personallücke in der Branche. Auf der einen Seite gibt es zu wenig Junge, die in die Branche drängen, auf der anderen Seite schafft man es offenbar kaum, ältere Mitarbeiter länger zu halten.
Das stimmt so nicht ganz. Ich glaube, dass wir für alle Altersgruppen etwas haben. Ich habe in meinem Betrieb Mitarbeiter, die bei mir in Pension gehen. Aber die Branche wäre sicher gut beraten, Bewerbern im Alter von 50 plus mehr Chancen zu geben. Das sind durchaus gute Fachkräfte, und sie sind treu. Die wollen nicht mehr ständig wechseln. Ich habe eine eigene Frühstücksmannschaft, die Mitarbeiter sind 40 bis 50 und älter. Die Älteren wollen etwas tun. Und es gibt viele Bereiche, in denen man eher gewinnen könnte durch deren Erfahrung.
SN: Die Nebensaisonen Frühjahr und Herbst boomen. Eigentlich eine ideale Rutsche, um sich als Ganzjahresbetrieb einzurichten. Warum gibt es in der Ferienhotellerie dennoch so viele Saisonbetriebe, die aber schwer Personal finden?
In den Regionen, in denen Schnee fällt, wird der nach wie vor zu einer gewissen Zeit fallen. Es hat nicht jeder Betrieb das Potenzial und die Infrastruktur, die einen Ganzjahrestourismus zulassen. Das ist auch mit enormen Kosten verbunden.

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