Wirtschaft

Als bei Lehman das Licht ausging

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September 2008 schockte die Finanzwelt. Vertreter aus Wirtschaft und Finanzwesen erinnern sich, wie sie die Zeit damals erlebt haben.

Am 5. September 2008 meldet Lehman Brothers Insolvenz an, nachdem die US-Regierung einen Notkredit verweigert hat. SN/ap
Am 5. September 2008 meldet Lehman Brothers Insolvenz an, nachdem die US-Regierung einen Notkredit verweigert hat.

"Das größte Problem war das Misstrauen der Banken"

Johann Strobl, Raiffeisen Bank International. SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Johann Strobl, Raiffeisen Bank International.

"Völlig überrascht" sei er gewesen, als er von der Lehman-Pleite erfuhr, sagt Johann Strobl, Vorstandschef der Raiffeisenbank International und im Herbst 2008 deren Risikovorstand. Er habe nach der Rettung der Investmentbank Bear Stearns (im Frühjahr 2008, Anm.) gedacht, die USA hätten einen Weg gefunden, wie man die Probleme löst, das habe sich leider als Fehleinschätzung erwiesen. Die Enttäuschung wich rasch dem Krisenmanagement. Es sei darum gegangen, herauszufinden, wie stark man selbst betroffen ist, aber vor allem, ob Geschäftspartner durch die Lehman-Pleite in Schwierigkeiten geraten könnten, sagt Strobl. Vielfach sei das durch die Intransparenz mancher Banken nicht einfach gewesen, das habe für Misstrauen gesorgt. Es ging nicht nur darum, wem man kein Geld mehr leihen sollte, sondern auch, ob man sich selbst refinanzieren könne, sagt der RBI-Chef. Das Wichtigste sei gewesen, dass die Notenbanken schnell reagiert haben, damit war Zeit gewonnen. Auch dass die Politik den Einlegerschutz verbesserte, habe viel zur Beruhigung beigetragen.

Bei der Regulierung der Banken sei sehr viel passiert, sagt Strobl. "Die Banken sind deutlich stärker als 2008." Aktuell lägen die Gefahren eher außerhalb des Bankensektors. An den Banken sei die Aufsicht nahe dran, manchmal so nahe, dass man sich frage, ob das so notwendig ist, sagt der RBI-Chef. Zum Vorwurf, Europas Banken verdienten weniger als die in den USA, sei zu sagen, dass das Zinsniveau in Europa deutlich niedriger sein. "Den Preis dafür zahlen die Sparer, aber auch die Banken." Das zweite seien die Kosten für die Regulierung, etwa die Bankenabgaben. Die seien in einer Zeit gekommen, in der man die Mittel für den Aufbau von zusätzlichem Eigenkapital gebraucht hätte. "Das hat unser Leben nicht einfacher gemacht."

Die Verschuldung sei gemessen an der Wirtschaftsleistung weltweit weiter gestiegen. "Das macht Sorge", aber in den Banken sei die Abhängigkeit von Fremdkapital deutlich reduziert worden. Man wisse nicht, wo der nächste Auslöser lauert. Aber die Sorge, dass der Anstieg der Zinsen zu großen Problemen führen könnte, hält Strobl mit Verweis auf die USA für übertrieben. Dort sei der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik bisher gut gelungen. Im Rückblick sei der Herbst 2008 eine herausfordernde, aber auch spannende Zeit gewesen. Noch eine Finanzkrise müsse er aber nicht erleben, sagt Strobl: "Es gibt schönere Dinge als Krisenmanagement."

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