Wirtschaft

CO2-Bilanz mit Schönheitsfehlern

Österreichs Treibhausgasemissionen sind 2019 wieder gestiegen, statt zu sinken. Jetzt soll die Trendwende kommen und die "solare Zukunft" beginnen.

Nach vorläufigen Zahlen gab es 2019 einen Anstieg um 1,8 Prozent.  SN/fotolia/73714796
Nach vorläufigen Zahlen gab es 2019 einen Anstieg um 1,8 Prozent.

Es sind zwei Linien, die Österreichs Problem beim Klimaschutz deutlich machen: Die eine neigt sich von links oben nach rechts unten und zeigt, wie die Treibhausgasemissionen von 2014 bis 2019 hätten sinken sollen. Die andere bildet den tatsächlichen CO2-Ausstoß seit 2014 ab - sie steigt, kreuzt die erste Linie 2016 und steigt nach einem kleinen Knick 2018 weiter an.

Vergleich der tatsächlichen Treibhausgasemissionen mit dem Zielpfad. SN/bmk
Vergleich der tatsächlichen Treibhausgasemissionen mit dem Zielpfad.

Österreichs Treibhausgasemissionen sind nach vorläufigen statistischen Daten 2019 wieder gestiegen. Wie aus Berechnungen des Umweltbundesamts hervorgeht um 1,8 Prozent auf 80,4 Mill. Tonnen CO2-Äquivalent. Ohne den vom Europäischen Emissionshandel erfassten Bereich in Industrie und Energie (für die eigene Regeln gelten) stiegen sie um 0,5 Prozent 50,7 Mill. Tonnen, statt auf 48,3 Mill. Tonnen zu sinken.

"Das ist eine Hypothek und eine große Last", sagte Klimaministerin Leonore Gewessler bei der Präsentation der Zahlen am Mittwoch. "So ein Anstieg der Emissionen darf uns in Zukunft nicht mehr passieren", betonte die grüne Ministerin.

Die größte Zunahme gab es 2019 in Industrie und Energie. Das hatte in erster Linie mit der Wiederinbetriebnahme eines Hochofens der voestalpine zu tun, der 2018 gewartet worden war und damals für einen Rückgang des CO2-Ausstoßes gesorgt hatte. Gegenüber 2017 sind die Emissionen leicht gesunken. Das kleine Plus bei Gaskraftwerken ist aus Expertensicht ebenfalls weniger problematisch, denn damit wurde Kohlestrom aus Deutschland und Tschechien ersetzt.

Das klimapolitische "Sorgenkind" für Gewessler ist weiterhin der Verkehr. Die Emissionen stiegen insbesondere im Güterverkehr. Im Verkehr werde an "ganz vielen Stellschrauben" gedreht, betonte die Ministerin mit Verweis auf das geplante 1-2-3-Ticket für den gesamten öffentlichen Verkehr, den Ausbau der Infrastruktur und die höhere Förderung für E-Autos. "Jedes E-Auto, das ein fossiles ersetzt, spart CO2-Emissionen ein", sagt Gewessler.

Insgesamt würden die bereits beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen wie die Förderaktion zum Ausstieg aus Ölheizungen, die Erhöhung der Mittel für Umweltförderung, für Gebäudesanierung und gegen Energiearmut jährlich eine CO2-Reduktion von 2,3 Mill. Tonnen bringen. Nötig sei aber eine deutliche Ökologisierung des Steuersystems und des Verkehrs. "Klimaschutz ist kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit", sagte die Ministerin, die Trendwende werde jetzt eingeleitet.

Beim gemeinsamen Auftritt mit Gewessler zeigte sich auch Vizekanzler und Grünen-Chef Werner Kogler zuversichtlich. 2019 sei der "Höhepunkt der negativen Entwicklung", 2020 werde das Jahr "des Einstiegs Österreichs in die Solarzukunft". Die Regierung habe nicht nur eine jährliche Klimaschutzmilliarde bereitgestellt, sondern mit dem, was zur Bewältigung der Coronakrise ab Sommer 2021 an Investitionen vorgesehen sei, "mehrere Klimaschutzmilliarden". "Wir sind sehr optimistisch, dass wir raus aus der Krise und rein in die solare Zukunft gehen", so Kogler.

2020 wird jedenfalls coronabedingt ein Ausnahmejahr. Die monatelangen Betriebsschließungen und Beschränkungen lassen nicht nur die Wirtschaft schrumpfen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sondern reduzieren auch die Emissionen. Wie stark das Minus ausfällt, wird laut Experten vom zweiten Halbjahr abhängen. "2020 wird eine Zäsur bei den CO2-Emissionen bringen, aber eine Krise ersetzt keine Klimapolitik", betont Gewessler.

So sehen das auch die Umweltorganisationen. Die neue Bundesregierung müsse nun beweisen, "dass sie ihr Versprechen, endlich das Ruder herumzureißen, ernst meint, und voll auf Klimakurs setzen", fordert Greenpeace nicht zuletzt beim Anti-Corona-Konjunkturpaket. Der WWF bezeichnet die CO2-Bilanz 2019 als "Desaster", das grundlegend saniert werden müsse.

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