Der Hang der Autobauer zur Autosuggestion

Deutsche Autokonzerne müssen sich wieder ihrer Stärken besinnen, statt sich vorzumachen, mit Betrug komme man auch ans Ziel.

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Standpunkt Richard Wiens

Es gab Zeiten, und die dauerten bis in die 1990er-Jahre, da galt ein deutsches Auto als das Beste, was auf dem Markt zu bekommen war. Autos aus französischer oder italienischer Produktion waren zwar chic, ihnen haftete aber das Vorurteil an, Rostlauben zu sein. Autos aus Großbritannien, die es heute kaum mehr gibt, galten als exklusiv, aber teuer in Erhaltung und Reparatur. Und die aus Asien eroberten den Markt als billige Alternative, konnten aber mit dem Image deutscher Qualität und Verlässlichkeit nicht konkurrieren. Die Zeiten haben sich radikal geändert.

Mittlerweile werden auf der ganzen Welt tolle Autos gebaut, auch in Deutschland noch. Aber das Bild der Marke "Made in Germany" hat viele Kratzer bekommen, die Glaubwürdigkeit der Flaggschiffe VW, Audi, Daimler und BMW ist schwer beschädigt. Und der Schaden wird mit jeder Woche größer. Die Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler ist nach all dem, was wöchentlich publik wird, wohl nur der vorläufige Tiefpunkt, aber sicher noch nicht das Ende.

Dass es so weit kam, haben sich die deutschen Autobauer und ihre Manager selbst zuzuschreiben. Mit den Betrügereien bei den Abgaswerten setzte bei ihnen eine Phase der Autosuggestion ein. Man redete sich ein, dass die politisch vorgegebenen Abgaswerte nicht zu erreichen seien. Dann redete man sich ein, dass man keine andere Wahl habe, als zu betrügen, und dass ohnehin niemand dahinterkommen würde. Dem war aber nicht so, und man ist aus der vermeintlich schönen Scheinwelt böse erwacht. Die Misere mit dem Betrug bei Abgaswerten ist noch nicht ausgestanden, da rollt bereits die nächste Welle der Autosuggestion heran - bei der Elektromobilität. Da wird vom raschen Umstieg fantasiert, da machen die Hersteller sich und den Konsumenten vor, es sei nur mehr ein kleiner Schritt bis zum Umstieg vom Kraftstoff auf Strom. Es wird wohl länger dauern, die nächste Enttäuschung ist somit programmiert.

Und am gar nicht so fernen Horizont tut sich das nächste Problem auf. Schon im Herbst könnte US-Präsident Donald Trump ernst machen und Strafzölle auf deutsche Autos einführen. Anders als früher dürfen deutsche Autobauer dann nicht mehr hoffen, dass sich die US-Konsumenten um den politisch verhängten Preisaufschlag nicht scheren. Dann kann es sein, dass sich der Wunsch Trumps, nicht zu ruhen, bis kein Mercedes mehr auf der Fifth Avenue fährt, von selbst erfüllt. Weil deutsche Autos keiner mehr kauft. Will sie das verhindern, braucht die deutsche Autoindustrie einen völligen Neuanfang. Jetzt.

Aufgerufen am 15.12.2018 um 11:49 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/der-hang-der-autobauer-zur-autosuggestion-29436151

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