Wirtschaft

Der Zwölf-Stunden-Tag hängt in der Luft

Deutschland hat einen neuen Tarifvertrag für die Metaller, der sowohl Arbeitnehmern als auch Unternehmen mehr Spielraum gibt. Welche Schlüsse zieht die österreichische Regierung daraus?

Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein umstrittenes Thema (Symbolbild). SN/fotolia/11025472
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein umstrittenes Thema (Symbolbild).

Der Fachkräftemangel lässt grüßen, und die Warnstreiks zeigten Wirkung: Diese Woche einigte sich die IG Metall, die größte deutsche Industriegewerkschaft, mit den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg und Bayern auf einen neuen Tarifvertrag. Der Abschluss hat Signalcharakter für knapp vier Millionen Beschäftigte der Branche in ganz Deutschland: Er ist mit 27 Monaten sehr lange und enthält kräftige Lohnerhöhungen von mehr als vier Prozent. Er wird vielfach als bahnbrechend gesehen, weil er sowohl den Beschäftigten als auch den Unternehmen mehr Flexibilität gibt (siehe Kasten). Da sich die neue ÖVP-FPÖ-Regierung in Österreich ebenfalls mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit auf die Fahnen geheftet hat und die tägliche maximale Arbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden ausdehnen will, hat sich das SN-Wirtschaftsressort zum Thema Zwölf-Stunden-Tag umgehört.

Die Ergebnisse sind verblüffend. Denn plötzlich wollen wichtige Akteure auf der Seite der Regierung und der Arbeitgeber öffentlich lieber nichts zu dem Thema sagen, das Millionen Arbeitnehmer und ihre Familien betrifft.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck ließ ausrichten, sie wolle nicht Stellung nehmen, denn das Thema liege bei den Sozialpartnern, also bei Wirtschaftskammer und Gewerkschaft. Das auch, aber im Regierungsprogramm umfasst das Kapitel "Wirtschaftsstandort und Entbürokratisierung" zehn Seiten. Hier ist etwa beschrieben, das Arbeitszeitgesetz solle auf täglich bis zu zwölf und wöchentlich maximal 60 Stunden geändert werden. Zuschläge für Überstunden sollen nicht angetastet werden, wird versichert.

Bei der Industriellenvereinigung (IV), die seit Jahren flexiblere Arbeitszeiten fordert, hieß es ebenfalls: Bitte um Verständnis. Daher zitieren wir aus dem aktuellen Positionspapier "Regierung am IV-Prüfstand". Darin heißt es über die Pläne der Koalition bereits: "Es ist ein großer Wurf gelungen - entgegen manchen Panikmachern geht es keinesfalls darum, dass Menschen generell länger arbeiten sollen, und schon gar nicht um einen ,Überstundenklau'." Der Industrie seien auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene wichtig.

Den Chef der heimischen Metallergewerkschaft Pro-Ge, Rainer Wimmer, bringt der neue Abschluss in Deutschland natürlich ins Schwärmen: "Das ist sensationell und richtungsweisend", sagte der designierte Chef der sozialdemokratischen Gewerkschafter. Der aus Hallstatt stammende Wimmer traut den Zusicherungen von Regierung und Industrie nicht: "Die Wirtschaft will die Zuschläge wegbringen. Bei 250 Millionen Überstunden im Jahr in Österreich geht es da um Milliarden Euro." Gleichzeitig richtet der als ebenso leutselig wie streitbar bekannte Gewerkschafter eine Warnung an die Koalition: "Wenn die Regierung glaubt, hier einseitig etwas ändern zu können, täuscht sie sich." Wimmer erwartet wegen der Landtagswahlen im Frühjahr und des EU-Vorsitzes im zweiten Halbjahr, dass die heiße Phase erst Mitte 2019 kommt.

Beim Fachverband der Metallindustrie hieß es, die Regelungen in Deutschland seien mit Österreich nicht zu vergleichen. Das Zeitkonto in Österreich habe sich bewährt. Grundsätzlich wäre eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit gut, um schwankende und kurzfristige Auftragslagen besser abzufedern.

Vom Stahlkonzern voestalpine, dem größten österreichischen Metallindustriebetrieb, war keine Stellungnahme zu erhalten, es wurde an die IV verwiesen. Konkreter wurde die Österreich-Tochter des deutschen Konzerns Bosch: "Flexible Arbeitszeiten ermöglichen es auch uns als Unternehmen, auf das sehr volatile Umfeld besser zu reagieren. Besonders wünschenswert wären erweiterte Langzeitkonten, die sowohl ins Plus als auch ins Minus gehen können. Gerade die jüngeren Mitarbeiter wünschen sich heute vermehrt variable Arbeitszeitmodelle, um Beruf, Freizeit und Familie besser vereinbaren zu können."

Bei Palfinger sagt Produktionsvorstand Martin Zehnder, "wir würden den Zwölf-Stunden-Tag und längere Durchrechnungszeiträume jedenfalls begrüßen". Was an flexibler Arbeitszeit in Absprache mit dem Betriebsrat möglich sei, nutze Palfinger derzeit voll aus. Dennoch seien Lieferzeiten wegen der starken Nachfrage derzeit viel zu lang. Anders sieht man die Situation beim Textilhersteller Löffler in Ried im Innkreis. Dort hält man vom Zwölf-Stunden-Arbeitstag wenig. Von den rund 200 Mitarbeitern ist rund die Hälfte in der Produktion beschäftigt, davon beachtliche 64 als Näherinnen. "Wir haben in den Werkstätten viel manuelle Tätigkeit, das erfordert hohe Konzentration. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Mitarbeiter da zehn oder gar zwölf Stunden am Stück arbeiten", sagt Löffler-Geschäftsführer Otto Leodolter. Für einen Außendienstmitarbeiter dagegen seien Zwölf-Stunden-Tage manchmal gar nicht so schlecht, weil An- und Abreise dazuzählten.

Deutschland geht einen neuen Weg

Die Gehälter der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie werden ab April um 4,3 Prozent erhöht, ab 2019 gibt es jährlich ein Zusatzgeld von 27,54 Prozent eines Monatsgehalts. Für Baden-Württemberg und Bayern gilt die Einigung, die übrigen vier Tarifbezirke dürften folgen.

Arbeitnehmer können kürzer treten: Sie können für ein halbes Jahr bis maximal zwei Jahre nur 28 Wochenstunden (ohne Lohnausgleich) arbeiten und dann wieder zur 35-Stunden-Woche zurückkehren. Im Gegenzug können die Firmen mehr Mitarbeiter einstellen, die 40 statt 35 Wochenstunden leisten. Neu ist ein Topf "betriebliches Arbeitsvolumen" von im Schnitt 39,5 Wochenstunden pro Arbeitnehmer, dabei können zusätzliche Kräfte fehlende Stunden von Teilzeitkräften ausgleichen.

In Österreich sind die Metaller auch oft Vorreiter. Seit 2016 gilt in der Branche ein Zeitkonto-Modell, das auf die Jahresarbeitszeit abstellt. Auf dem Konto können bis zu 167 Überstunden gesammelt werden, auch Minusstunden sind möglich. Bis 60 Stunden gibt es keinen Zuschlag, danach (61. bis 100. Stunde) zehn Prozent Zuschlag, darüber 20 Prozent. Ins nächste Jahr können 40 Stunden mitgenommen werden. Das Zeitkonto-Modell wurde im Vorjahr um zwei Jahre verlängert.

(SN)

Aufgerufen am 22.05.2018 um 04:42 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/der-zwoelf-stunden-tag-haengt-in-der-luft-24030967

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