Wirtschaft

Die Aufwärtsbewegung ist nicht zu stoppen

Mehr als 500.000 Österreicher sind mittlerweile regelmäßig auf Tourenski unterwegs. Bei den Preisen für die Ausrüstung gibt es nach oben hin kaum noch Grenzen. Die Neueinsteiger sind vor allem weiblich.

Skitouren als Wirtschaftsfaktor. SN/christian Sprenger
Skitouren als Wirtschaftsfaktor.

Abseits von Diskussionen um Benutzungsgebühren oder eigene Aufstiegsspuren rückt das Pistentourengehen auch bei den Herstellern und Ausrüstern immer mehr in den Fokus. Marktführer Dynafit als Teil der Oberalp-Gruppe lancierte zuletzt mit dem Speedfit-Programm eine eigene Produktlinie für Pistengeher. Mit Reflektoren und LEDs versehen, ist das Outfit auch für die abendliche Fitnesseinheit am Berg gedacht. Absatzprobleme scheint man damit keine zu haben. Im Gegenteil. "Uns geht aktuell die Ware aus", sagt Michael Költringer, Dynafit-Marketingmanager für Deutschland und Österreich. Weil sich der Winter wieder einmal von seiner besten Seite zeige, könnte man heuer wesentlich mehr Ware verkaufen als man habe.

Michael Költringer, Dynafit: „Wir könnten heuer wesentlich mehr Ware verkaufen als wir haben.“  SN/birgitta schörghofer
Michael Költringer, Dynafit: „Wir könnten heuer wesentlich mehr Ware verkaufen als wir haben.“

Der Tourenskisport hat in Handel und Industrie eine fixe Größe erreicht. Zahlen der österreichischen Online-Plattform SKIMO zufolge, beläuft sich der Industrieumsatz bei Tourenski in Österreich für die Saison 2016/17 auf 190 Mill. Euro, der gesamte Wintersport-Industrieumsatz auf rund 1,1 Mrd. Euro. "Die Auswahl und Vielzahl der Produkte ist rasant gestiegen. Der Kunde lebt derzeit im Schlaraffenland", sagt SKIMO-Betreiber Karl Posch. 21 Prozent der weltweit produzierten Tourenski würden in Österreich verkauft, sagt Gernot Kellermayr vom Verband der Sportartikelerzeuger und -ausrüster. Im Vergleich dazu seien es im Alpinbereich rund zehn Prozent. Damit sei man im Tourenskibereich Weltspitze. Die USA und Kanada hätten einen Weltmarktanteil von jeweils 16 Prozent, Deutschland komme auf acht Prozent, die Schweiz, Frankreich und Italien auf je zwölf Prozent. Weltweit seien im Vorjahr rund 240.000 Paar Tourenski verkauft worden, rund 330.000 Felle, 230.000 Bindungen und 220.000 Schuhe.

Fachhandel und online legen zu

In Österreich waren es in der Wintersaison 2016/17 rund 53.000 Paar Tourenski (+6%), 75.000 Felle (+7%), 42.000 Paar Tourenskischuhe (+5%) und 45.000 Tourenbindungen (+8%). Die Aufwärtsbewegung bei Tourenski sei im heurigen Winter etwas deutlicher ausgeprägt als bei Alpinski, sagt Kellermayr. "Wir haben in diesem Segment einen stabilen Heimmarkt." Bei der Hartware erzielte man 2016/17 ein Umsatzplus von insgesamt fünf Prozent, bei Bekleidung zehn Prozent. Auffallend: Der Umsatz bei den Spezialisten im Fachhandel legte um 15 Prozent zu, auch online verzeichnete man im Skitourensegment ein ebenso großes Plus.

Einsteiger-Set ab 800 Euro

Auch wenn die Anzahl der Mitbewerber auf Seite der Anbieter stetig steigt - die Ausrüstung wird nicht billiger. Preislich habe es für den Endverbraucher nach unten hin keine Bewegung gegeben, sagt Maximilian Hofbauer, Geschäftsführer von Deutschlands größtem Online-Sporthändler "Bergzeit". "Beim Spielraum nach oben dagegen", sagt er, "gibt es fast keine Grenze mehr." Innovationen und immer leichtere Materialien sorgten für eine laufende Verbesserung des Angebots. 15 Prozent des Jahresumsatzes von 50 Mill. Euro macht "Bergzeit" mit Kunden aus Österreich.

Bei Dynafit ist ein Einsteiger-Set inklusive Schuhe ab 800 Euro zu haben. Freilich könne man auch 1500 oder 1800 Euro ausgeben, sagt Michael Költringer. Damit der Kunde auch weiß, was er kauft, setzt man verstärkt auf Test-Center im Sporthandel. Derzeit kann man sich österreichweit in zwölf Test-Center Ausrüstung ausleihen, in Salzburg unter anderem beim Bergspezl. Ziel in der nächsten Saison seien 20 Test-Center, vorzugsweise in Kombination mit Events. Statt einer Test-Bindung will man dann drei Test-Bindungen auf den Markt bringen. Dass der Verleih im Tourenskibereich ein derart großes Ausmaß erreichen wird wie bei Alpinski - hier gehen mehr als 50 Prozent der Ski in den Verleih -, glaubt Költringer nicht. Allein aus einem Grund: "Die Tourenskigeher sind die Einheimischen, die Touristen fahren Alpinski." Entsprechend gering sei bisher die Nachfrage in den touristischen Zentren.

Jeder dritte Tourengeher ist weiblich. Bei den Neueinsteigern sind es bereits mehr Frauen als Männer.  SN/dynafit
Jeder dritte Tourengeher ist weiblich. Bei den Neueinsteigern sind es bereits mehr Frauen als Männer.

Bei den Bindungen zählen mittlerweile 90 Prozent zur Kategorie der leichten Pin-Bindungen, nur mehr zehn Prozent sind Rahmenbindungen. "Vor zehn Jahren war es noch umgekehrt", sagt VSSÖ-Geschäftsführer Kellermayr. Allerdings sind Schuhe und Bindung - anders als bei Alpinski - in vielen Fällen nicht kompatibel. "Meist handelt es sich - bei einer wachsenden Anzahl an Ausrüstern - um geschlossene Systeme", sagt der Sprecher der Sportartikelhändler in der Wirtschaftskammer, Michael Nendwich. Innerhalb der nächsten zwei Jahre, so schätzt er, könnte eine einheitliche Norm kommen. Wirtschaftskammer, Handel, Industrie und VSSÖ arbeiteten hier an einer gemeinsamen Lösung. Bei den Innovationen werde bereits "hin und her geswitcht", sagt Kellermayr. Bei den Herstellern von Alpinski gebe es eine sichtbare Seitwärtsbewegung in Richtung Tourenskibereich. So würden Alpinschuhe immer häufiger mit rutschfesten Kunststoffsohlen ausgestattet und seien diese auch kompatibel mit Tourenbindungen.

Neue Zielgruppe: Kinder und Jugendliche

Eines scheint klar: Die Aufwärtsbewegung ist nicht zu stoppen. Mittlerweile sind mehr als 500.000 Österreicher regelmäßig auf Tourenski unterwegs, mit einem jährlichen Wachstum von einem Prozent. Davon zählen rund 70.000 als Fitnesssportler, 6000 sind Wettkampfsportler, die sich in Österreich in über 100 durchgeführten Rennen messen können. Mehr Spitzensport verjüngt die Gemeinschaft. Laut SKIMO ist das Durchschnittsalter der Tourengeher in Österreich auf unter 30 Jahre gesunken, der Frauenanteil auf 30 Prozent gestiegen. Bei den 26- bis 35-Jährigen sowie den Neueinsteigern ist die Zahl der Frauen höher als die der Männer. "Je jünger, umso mehr Damen sind auf Tourenski unterwegs", sagt Karl Posch. Die Industrie rüstet sich bereits für die ganz Jungen: Das Segment für Kinder und Jugendliche werde in den kommenden Jahren ausgebaut, heißt es bei Dynafit.

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