Wirtschaft

Die wirksamste Drohung heißt Streik

Alles war möglich vor der entscheidenden Verhandlungsrunde der Metallindustrie: Friedliche Einigung ebenso wie Arbeitskampf.

Rainer Wimmer, Chef der Produktionsgewerkschaft ProGe, gab sich vor der entscheidenden Verhandlungsrunde kämpferisch.  SN/apa
Rainer Wimmer, Chef der Produktionsgewerkschaft ProGe, gab sich vor der entscheidenden Verhandlungsrunde kämpferisch.

Die Stimmung war zum Zerreißen gespannt. Noch nie waren bei Metaller-Lohnverhandlungen so viele Gesprächsrunden notwendig, meist gab es eine Einigung beim dritten oder vierten Zusammentreffen. Vor Beginn der fünften Runde von Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Metalltechnischen Industrie (MTI) schien ein Scheitern ebenso möglich wie eine Einigung im Ringen um einen neuen Kollektivvertrag (KV).

Das sollen die Porträts der beiden Chefverhandler in dem bereits sieben Wochen dauernden Verhandlungsprozess (seit 20. September) beispielhaft zeigen. Rainer Wimmer, Vorsitzender der Produktionsgewerkschaft ProGe, zeigte sich zuletzt wild entschlossen und in letzter Konsequenz zum Arbeitskampf bereit. Johannes Collini, Chefverhandler auf Seite der Arbeitgeber, war bemüht, die Türen zwischen den Verhandlern nicht zuzuschlagen. Er musste bei der fünften Runde krankheitsbedingt passen, das Team der Arbeitgeber leitete Veit Schmid-Schmidsfelden.

Johannes Collini, Chefverhandler der Arbeitgeber, streckt die Hand aus.  SN/apa (jäger)
Johannes Collini, Chefverhandler der Arbeitgeber, streckt die Hand aus.

Zuletzt drückten die Arbeitnehmer aufs Tempo. Um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen, hatten die Gewerkschafter im Vorfeld alles getan, um den Industrievertretern zu beweisen, dass sie es mit ihren Streikdrohungen ernst meinten: In den Tagen vor der entscheidenden Verhandlungsrunde gab es hunderte Betriebsversammlungen in ganz Österreich. Für Unmut sorgte die Weigerung des Tiroler Unternehmens Plansee, für die Dauer der Versammlungen Löhne und Gehälter zu zahlen. Dieses Vorgehen habe keine gesetzliche Grundlage, protestierte der Betriebsrat.

Tausende Mitarbeiter verabschiedeten eine Resolution, mit der sie die Gewerkschaft zu Kampfmaßnahmen inklusive Streik ermächtigten. Formal wurden die Versammlungen nur unterbrochen. Vorsorglich hatte man beim Gewerkschaftsbund ÖGB eine Streikfreigabe beantragt - und erhalten.

Und die Drohungen, tatsächlich die Arbeit niederzulegen, wirkten. In den Unternehmen der Branche herrschte Alarmbereitschaft. Die SN haben sich umgehört und die Stimmung noch vor der Entscheidung eingefangen. Dass Mitarbeiter die Arbeit niederlegen könnten, macht mehr als nervös.

"Ein Streik wäre das Schlimmste", sagt Emco-Eigentümer Günter Kuhn. Beim Maschinenbauer in Hallein wird derzeit "am Anschlag" produziert. "Wir müssen schauen, dass wir das Material von den Lieferanten bekommen", betont Kuhn. Die Aufträge müssten erledigt werden, "man muss die Suppe löffeln, wenn sie heiß ist." Die Belegschaft zeige dafür Verständnis. Betriebsversammlungen habe es im Rahmen der KV-Gespräche noch keine gegeben. Zu den geforderten fünf Prozent Lohnerhöhung sagt Kuhn: "Jeder Mitarbeiter in der Branche soll am Erfolg teilhaben, aber nicht in überzogener Weise."

Ähnlich die Argumente von AMAG-Chef Helmut Wieser. Auch bei Österreichs größtem Aluminiumkonzern mit Sitz in Ranshofen ist man in der Produktion "voll gebucht, einen Streik wollen wir überhaupt nicht". Auf dem globalen Markt stehe die Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens wie der AMAG jeden Tag auf dem Prüfstand, "die internationalen Kunden warten auf Material". Ein Streik würde niemandem gut tun, zudem sei Arbeitsniederlegung "nicht typisch für Österreich". Trotz der heuer sehr harten Verhandlungen bleibt der AMAG-Chef zuversichtlich: "Ich glaube, wie auch in der Vergangenheit, wird eine gute Vereinbarung gefunden. Aber die Forderungen sind hoch."

Die Hoffnung, dass Streiks ausbleiben, hegt auch der Präsident der Salzburger Industriellenvereinigung, Peter Unterkofler. "Das wäre ein volkswirtschaftlicher Schaden, den alle bezahlen müssten." Unterkofler rechnet mit einem "tragbaren Abschluss". Das sei immer noch gelungen, "trotz großen Säbelrasselns".

Beim größten Stahlbetrieb des Landes, der voestalpine, stecken die Mitarbeiter in einer Art Zwickmühle: Über eine Mitarbeiterstiftung halten sie selbst 15 Prozent am Unternehmen. Damit stehen sie vor der Wahl, ob sie den Gewinn als Gehaltserhöhung oder in Form von Wertsteigerung ihrer Anteile erhalten wollen.

Aufgerufen am 19.10.2019 um 04:50 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/die-wirksamste-drohung-heisst-streik-60560623

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