Wirtschaft

E-Wirtschaft warnt: Ökostromausbau "wird kein Sonntagsspaziergang"

Wie soll die Umstellung auf 100 Prozent Ökostrom gelingen, wenn der Widerstand gegen Windräder, Wasserkraft, PV auf Äckern und Leitungen wächst? Die E-Wirtschaft fordert vor allem transparente Verfahren, sonst werde keiner investieren.

Auch Windräder zu errichten wird schwieriger.  SN/www.picturedesk.com
Auch Windräder zu errichten wird schwieriger.

Der designierte nächste Verbund-Generaldirektor Michael Strugl, seit Sommer oberster Sprecher der heimischen Elektrizitätswirtschaft, erwartet bei der Umstellung auf 100 Prozent Ökostrom noch viele Konflikte. Für den Entwurf des Erneuerbaren Ausbau Gesetzes (EAG), das den Weg dahin ebnen soll, hat er einige Änderungsvorschläge.

Österreichs Stromversorgung soll bis 2030 mit 25 Mrd. Euro Investitionen klimaneutral werden. Die klassische E-Wirtschaft steht oft unter dem Generalverdacht, es ginge vor allem um Profit und nicht um die Umwelt. Stimmt das? Michael Strugl: Ich sehe das anders. Es gibt in Österreich das politisch vereinbarte Ziel, 2030 Strom zu 100 Prozent erneuerbar zu erzeugen. Wenn man dieses Ziel erreichen will, wird man zusätzliche Erzeugungskapazitäten zubauen müssen. Damit die Unternehmen das machen, brauchen sie gewisse Rahmenbedingungen, damit sie planen können und sich die Investitionen rechnen. Das ist eine Win-win-Situation. Unternehmen sind aber Unternehmen und müssen wirtschaftlich agieren, selbst wenn sie mehrheitlich staatlich sind. Insofern ist das nichts Unanständiges.

Sie haben die neuen Umweltauflagen für Wasserkraftwerke kritisiert und gewarnt, dass der Wasserkraftausbau schwierig wird. Warum? Fünf Terawattstunden zusätzlich mit Wasserkraft bis 2030 ist viel. Das Potenzial für neue Anlagen ist begrenzt, durch Naturschutz und ökologische Einschränkungen, die ohnedies in den Verfahren geprüft werden. Eine doppelte Prüfung bei der Förderung ist nicht notwendig. Eine wesentliche Rolle werden Revitalisierungen und Effizienzsteigerung bei bestehenden Kraftwerken spielen. Daher ist es wichtig, dass solche Projekte ermöglicht und nicht nur mit Investitionsprämien gefördert werden.

Das reicht nicht? Ich begrüße, dass es das gibt. Man könnte aber nachdenken, ob die zusätzliche Strommenge mit Marktprämien gefördert wird oder eine Wahlmöglichkeit vorsieht.

Der Ausbau der Windkraft ist ein wenig aus der Debatte verschwunden. Sind 1000 neue Windräder kein Problem? Wir werden auch da Diskussionen haben, wenn man sie da oder dort haben will. Es gibt in den Raumordnungen Abstandsbestimmungen. Da wird sich entscheiden, ob der Ausbau in dem Ausmaß möglich wird. Das kennen wir auch aus Deutschland.

Wird es in Oberösterreich, dem Bundesland, das sie gut kennen, Windräder geben? Ich kann mich an die Diskussion über einen Windkraft-Masterplan erinnern, da war ich selbst noch Energiereferent. Das war schwierig. Im Burgenland oder in Niederösterreich ist es anders, weil man schon früh darauf gesetzt hat.

Müssen überall in Österreich Windräder stehen? Man wird sie dort hinstellen, wo es genug Wind gibt und Projekte wirtschaftlich sind. Das ist die Grundvoraussetzung, daher begrüßen wir differenzierte Förderung. Denn es wäre gut, wenn die Windräder nicht nur in einer Region stehen, auch für das Netz. Aber das wird sicher kein Sonntagsspaziergang.

Gilt das auch für den Ausbau der Photovoltaik? Bis 2030 acht Mal so viel Strom aus Sonne zu erzeugen, geht das? Wir haben eine Studie, aus der hervorgeht, dass weniger als die Hälfte des geplanten Ausbaus auf Dächern, Deponien oder Infrastruktur stattfinden kann. Für den Rest braucht es Freiflächen. Der 30-Prozent-Abschlag, den der Entwurf vorsieht, ist unserer Meinung nach zu hoch. Aber abgesehen davon, wo man diese Anlagen im Landschaftsbild sieht, wird eine Diskussion stattfinden. Es ist wie bei einer Stromleitung. Auch die Raumordnungspläne im Burgenland (PV-Anlagen ab 100 m2 Fläche soll nur das Land bauen dürfen, Anm.) sehen wir mit Besorgnis. Da haben aber die Kronjuristen der Republik verfassungsrechtliche Bedenken. Das passt nicht zu den Ausbauzielen.

Es gibt die Befürchtung, dass die Energiewende am Widerstand der Bevölkerung scheitern wird? Wenn wir die Energiewende wollen, wird man diese Anlagen brauchen und sie werden sichtbar sein. Die Erfahrung aus Deutschland zeigt, man braucht die Akzeptanz der Bevölkerung und daran wird man sich nicht vorbeischwindeln können.

Wie bekomme ich diese breite Akzeptanz - siehe beispielsweise 380-kV-Leitung? Es ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Ich war selbst bei Bürgerversammlungen gegen Stromleitungen, das sind schwierige Diskussionen. Sie werden betroffene Grundeigentümer nicht immer davon überzeugen können, dass es gescheit ist, genau da zu bauen. Daher müssen Verfahren partizipativ ausgestaltet werden, damit Parteienrechte und Transparenz gewahrt sind. Ich habe nicht die Illusion, dass es mit den besten Prozessen möglich ist, 100 Prozent Zustimmung zu bekommen und alle Enteignungen zu vermeiden. Das wird uns begleiten und macht es nicht leichter. Wichtig aus unserer Sicht ist Rechtssicherheit und die Verfahren in einer vernünftigen Zeit abzuschließen. Sonst wird niemand investieren. Die Salzburg-Leitung hat im Verfahren fast 80 Monate gedauert, gearbeitet wurde daran fast 20 Jahre. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Kosten.

Angenommen alles klappt, was ändert sich in zehn Jahren? Es gibt drei große Trends im Energiesektor: Dekarbonisierung hin zu erneuerbaren Energieträgern, Digitalisierung, also alles, was smart ist, und Dezentralisierung von großen Kraftwerken hin zum Verbraucher, der nun auch Produzent ist. So große Veränderung sieht man in wenigen anderen Sektoren. Das bringt Herausforderung für die Netze und macht smarte Technologien nötig. Die Haushalte werden dabei eine wichtige Rolle haben, indem sie sich ebenso netzdienlich verhalten, also ihre Stromer nicht schnell, sondern langsam laden. Und steuern kann man das immer über das Geld.

Also Stromtarife, die geringere Belastung der Netze belohnen. Funktioniert das? Ich gehe schon davon aus, dass die Verbraucher interessiert sind, ihren Stromverbrauch und ihre Rechnung zu optimieren. Alles, was intelligenter Umgang mit Strom ist, smart ist, wird wichtiger werden.

Michael Strugl (57)war ÖVP-Wirtschaftslandesrat in Oberösterreich und Vizelandeschef. 2019 wurde der promovierte Wirtschaftswissenschafter Vorstand des Verbund.

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