Österreich

Ederer: Rolle der Start-ups wird unterschätzt

Die ehemalige SPÖ-Spitzenpolitikerin und ÖBB-Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer betonte am Mittwochabend die Wichtigkeit von Start-ups in Bezug auf die Zukunft der heimischen Wirtschaft. "Die Rolle der Start-ups werde momentan unterschätzt", sagte sie. Die großen Neuerungen und bahnbrechenden Lösungen würden wohl eher nicht von großen Konzernen geliefert werden.

Ederer: Rolle der Start-ups wird unterschätzt SN/APA/HANS KLAUS TECHT
Ex-SPÖ-Spitzenpolitikerin und ÖBB-Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer.

Der große Schwung werde vielmehr aus Start-ups kommen. "Start-ups sind jung, kreativ und pfeifen sich nichts", so Ederer. In großen Unternehmen fehle es an Esprit und Kreativität. Zudem dauere es zu lange, eine innovative Idee umzusetzen. Man müsse die großen aber auch mit den kleinen zusammenbringen, um positive Entwicklungen zu erreichen.

Sie kritisierte, dass Start-ups zu wenig Mittel bekommen, um sich weiterzuentwickeln und beispielsweise Arbeitsplätze zu schaffen. Der erste Schritt, das Fördern der Gründung eines Start-ups, funktioniere zwar, sobald aber Risikokapital nötig werde, hapere es. "Wenn es um Expansion geht, mangelt es an Kapital von Privaten", unterstrich Ederer.

Würde man innovativ nachdenken, gäbe es passende Modelle. Es wäre eine Überlegung wert, über einen Österreich-Fonds zu sprechen, schlug Ederer vor. Beispielsweise könnten Private in einen solchen Fonds 10.000 Euro einlegen, die sie nach drei Jahren garantiert wieder zurückbekämen. "Ob die Rendite 1 Prozent oder 5 Prozent beträgt, kann man nicht sagen", so Ederer - das hänge vom Erfolg der Beteiligung ab.

Auch die öffentliche Hand sollte mutiger werden, was das Anwenden von Innovationen betrifft und mehr probieren. Wenn sich innovative Lösungen am Heimmarkt beweisen könnten, "bringt das international einen großen Vorteil."

"Was heute noch utopisch klingt, wird schon bald Realität werden", sagte Ederer. Die Digitalisierung passiere schon lange und komme schneller, als viele denken. Die zentrale Frage der nächsten Jahre werde sein, wie man gesammelte Daten verwenden kann. "Wie kann ich sie kombinieren, um daraus ein Geschäft zu machen?", so Ederer.

"Die Medizin und Pharmaindustrie arbeitet bereits intensiv an der Nutzung personalisierter Daten", erläuterte die ehemalige Siemens-Spitzenmanagerin. In fünf bis zehn Jahren werde man ganz individualisierte Medikamente bekommen können. Dann werde es Kopfwehtabletten geben, die komplett auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten sind.

Die Gesellschaft werde sich insgesamt in Richtung Individualisierung bewegen. "Ich glaube, dass Kollektivverträge und fixe Arbeitszeiten der Vergangenheit angehören", meinte Ederer. Menschen würden heutzutage dann arbeiten, wann sie Zeit haben und dort, wo sie gerade sind. Der 8-Stunden-Tag sei überholt.

Ein Teil der Beschäftigung dürfte durch die Digitalisierung wegrationalisiert werden. Bei traditionellen Hotels beispielsweise sei unsicher, ob es sie in der derzeitigen Form weiter geben werde. "Man wird alles übers Handy buchen können", meinte Ederer. Auch der Zugang zum Hotel und Serviceleistungen würden übers Smartphone laufen. Der traditionelle Chauffeur soll in den nächsten 10 bis 20 Jahren ebenso ausgedient haben. Die Generation, die das in Anspruch nimmt, werde eher mit selbstfahrenden Fahrzeugen unterwegs sein, so Ederer.

"Persönlich glaube ich, dass man auch heute schon fahrerlose Züge haben kann", sagte die ÖBB-Aufsichtsratschefin. Die Arbeit werde aber nicht ausgehen, erhöhten Personalbedarf gebe es dafür an anderen Stellen: Beispielsweise brauche es mehr Mitarbeiter in den Waggons, das Betreuungsbedürfnis der Fahrgäste steige.

Auch Lkw würden schon in absehbarer Zeit ohne Fahrer unterwegs sein und digital aneinander gekoppelt werden. Generell werde der Datentransfer und die Kommunikation zwischen Maschinen enorm zunehmen, 2019 würden 40 Prozent des Datentransfers zwischen Maschinen erfolgen.

Ein großes Thema ist für Ederer auch die Infrastruktur. Es brauche ein gesamtheitliches Konzept für die Infrastruktur, dieses sei aber hierzulande nicht vorhanden. "Wenn du im Waldviertel kein Breitband hast, bist du als Unternehmen langsamer", kritisierte Ederer. Das beeinflusse natürlich, wo sich Firmen ansiedeln.

Dem heimischen Bildungssystem stellt Ederer ebenfalls kein gutes Zeugnis aus: "Ich halte das jetzige System für falsch", so Ederer. Da müsse viel getan werden, heute brauche man kreative, bestausgebildete Arbeitskräfte. "Man muss sich überlegen, wie man Talente junger Leute heben kann und sie fördern", appelliert Ederer und verweist besonders auf Kinder aus schwierigen Verhältnissen oder bildungsfernen Schichten. Wenn Menschen nach der Ausbildung in die Arbeitslosigkeit rutschen, sei das "gesellschaftlicher Sprengstoff".

In Bezug auf das Grundeinkommen "muss man beginnen, darüber zu diskutieren." Ederer sprach sich dafür aus, möchte es aber an gewisse Pflichten koppeln.

Erneut kritisierte sie den Verkauf der Gas-Connect-Anteile durch die OMV. Die Beteiligung habe bis jetzt zwischen 5 und 6 Prozent Dividende gebracht, "warum man darauf verzichtet, ist mir nicht ganz klar."

Im Hinblick auf die ÖBIB meinte Ederer, dass "staatliches Eigentum weiter weg von der Politik" rücken solle, das habe manchmal keinen guten wirtschaftlichen Einfluss.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.09.2018 um 06:15 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/ederer-rolle-der-start-ups-wird-unterschaetzt-978388

Schlagzeilen